"Wir wollen nicht Disneyland sein": Wie Kirchen bei Zerbst Glauben erlebbar machen
- Die Themenkirchen bei Zerbst wollen Bibelgeschichten und Glauben erfahrbar machen.
- Viele Konfirmanden besuchen die Osterkirche Trüben, um die Ostergeschichte interaktiv zu erleben.
- Die Osterkirche will mit ihrem Angebot auch Touristen für die Region begeistern.
Seit 800 Jahren steht die Kirche in Trüben, gebaut in jener Zeit, als Christen die Region im heutigen Sachsen-Anhalt besiedelten. Jerusalem liegt von Trüben rund dreitausend Kilometer entfernt und dennoch ist das Ostergeschehen ungewöhnlich präsent auf dem Kirchhof. Gleich am Eingang findet sich eine Figurengruppe: Begeisterte Bürger Jerusalems und Jesus auf einem Esel, den Einzug in Jerusalem darstellend. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Kirche, stehen drei große Kreuze, die klar machen, wie die Geschichte weitergeht.
Ostern als Erlebnis in Trüben
Die Osterkirche Trüben ist ein fester Bestandteil im Konfirmandenunterricht der Region. Pfarrer Lutz-Michael Sylvester führt die jungen Leute von Station zu Station. Vor einem schräg stehenden Kreuz geht es um das Thema Lasten tragen: "Diese Last, die Jesus tragen musste, der wollen wir mal nachspüren. Wer mag denn mal probieren, die Last ein Stück anzuheben." Einer der Konfirmanden bückt sich unter das Kreuz und drückt es hoch wie ein einem Fitnessstudio. "Ganz schön schwer", so sein Fazit. Vom Kreuz führt dann ein kurzer Weg zum Heiligen Grab, verschlossen mit der Nachbildung eines runden Steines. Rollt man ihn zur Seite, schaut man in das leere Grab.
Die Osterkirche Trüben zeigt an mehreren Stationen das Ostergeschehen – auch das Heilige Grab samt rundem Stein ist nachgebildet. Bildrechte: MDR /Uli Wittstock Kein religiöses Disneyland
Die Konfirmanden sind von dem Mitmach-Unterricht begeistert, denn sie mussten einige Kilometer anreisen, um an einem Sonnabendvormittag die Osterkirche Trüben zu besuchen. "Also ich finde es schöner, dass man das auch selbst erleben kann und sich dann auch in die Lage von Jesus hineinversetzen kann", sagt Friedrike Busse und Jakob Bressel fügt hinzu: "Eine schöne Abwechslung, dass man nicht drinnen sitzt in der Kirche und in der Bibel was nachblättern muss, sondern dass man selber aktiv ist."
Natürlich könnte man aber auch die Frage stellen, ob hier ein religiöser Erlebnispark aufgebaut ist. Pfarrer Lutz-Michael Sylvester kennt diesen Vorwurf: "Wir wollen nicht unbedingt Disneyland sein. Wir wollen aber den Glauben ein wenig begreifbar und erlebbar machen." Ostern ist eigentlich das zentrale Ereignis des christlichen Glaubens, auch wenn sich inzwischen das Weihnachtsfest in der öffentlichen Wahrnehmung nach vorn geschoben hat.
Pfarrer Lutz-Michael Sylvester begrüßt die Konfirmanden in der Osterkirche Trüben in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: MDR /Uli Wittstock Zweifel als Teil des Glaubens
Allerdings zeigen aktuelle Umfragen in Deutschland, dass selbst unter Christen der Glaube an die Auferstehung nicht mehr selbstverständlich ist. Nur etwa jeder zweite bis dritte Christ glaubt der biblischen Erzählung. Pfarrer Lutz-Michael Sylvester überrascht diese Skepsis nicht: "Glaube und Zweifel sind für mich wie zwei Geschwister. Und auch bei den Christen ist es so, dass Glaube und Zweifel einander immer wieder begegnen und sich am Ende dann auch die Hand reichen." Die Haltung zum Glauben ändert sich in der Gesellschaft und Themenkirchen verstehen sich als Antwort auf diese Entwicklung.
Glaube und Zweifel sind für mich wie zwei Geschwister.
Themenkirchen sollen auch Touristen locken
Rund um Zerbst gibt es drei solcher Themenkirchen, neben der Osterkirche in Trüben eine Weihnachtskirche im Dorf Polensko sowie eine Gesangbuchkirche in Luso. Damit reagieren die Gemeinden auf den Mitgliederschwund und bieten zudem einen touristischen Mehrwert für die Region, so Pfarrer Sylvester: "Die Themenkirchen sind Magnete, die Touristen anlocken. Nicht nur Einzeltouristen, die mit dem Fahrrad unterwegs sind, sondern auch ganze Busreisegruppen halten hier an." Und das sei auch als andere Form der Verkündigung gedacht, ohne Pfarrer auf der Kanzel, sondern durch eigenes Erleben und Erspüren.
In der Weihnachtskirche in Polensko kann eine Weihnachtskrippe mit den überdimensionalen Figuren des Künstlers Horst Sommer aus Zerbst besichtigt werden. Bildrechte: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Peter GerckeDie Themenkirchen sind Magnete, die Touristen anlocken.
Gemeinschaft jenseits von Internet und Smartphone
Die kleine Friedhofskapelle in Trüben ist jener Ort, an dem Jesus sein letztes Mahl mit den Jüngern hielt. Die Szene ist in einem großen Wandbild festgehalten und setzt sich mit einer realen Tafel in den Raum hinein fort. Für die jungen Leute ist das ein weiterer Höhepunkt des Vormittags, denn nach der Konfirmation können sie am Abendmahl in den Gemeinden teilnehmen.
Eine weitere Station der Oster-Ausstellung in Trüben zeigt das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern hielt. Bildrechte: MDR /Uli Wittstock Doch warum eigentlich verbringen junge Leute am Sonnabendvormittag ihre Zeit in einer Dorfkirche? Zwang ist es nicht, sagt Luise Lüderitz: "Die Konfirmation gehört einfach dazu. Es ist so eine Bestätigung, dass man an Gott glaubt und dass er das ganze Leben bei dir ist." Und auch für Helge Markmann ist dieser Vormittag wichtig: "Meine Geschwister, meine Großeltern, alle sind getauft und konfirmiert. Und es ist eine schöne Sache, das Leben mit der Kirche und der Gemeinschaft zu gestalten." Für die jungen Leute geht es um echte Gemeinschaft – ohne Handy und Internet sondern mit dem Gefühl, auch in schwierigen Zeiten nicht allein zu sein.
Redaktionelle Bearbeitung: lig
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