"Kirchen sind nicht nur als religiöse Räume gebaut"
- Kirchengebäude stehen derzeit besser da als über viele Jahrhunderte
- Pro Kirche kostet Instandsetzung der Hülle etwa 30.000 Euro
- Wie leere Kirchen mit Kino, Konzerten und Ausstellungen wiederbelebt werden
- Herbergskirchen ziehen Menschen aus aller Welt an
MDR AKTUELL: Frau Bergt, wie lässt sich der Zustand der Kirchengebäude in Ihrem Bereich der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM) beschreiben?
Elke Bergt: In der Gesamtheit würde ich sagen: so gut wie jetzt standen sie vielleicht über all die Jahrhunderte nicht da. In den vergangenen 30, 35 Jahren ist unglaublich viel gerettet, gesichert, gebaut worden. In Erfurt ist die Kaufmannskirche gerade vor ein paar Jahren umgebaut worden. In Magdeburg ist die Wallonerkirche ein schönes Beispiel, wo viel passiert ist, aber auch immer noch viel Bedarf ist, muss man sagen.
Das mag jetzt ein bisschen verwundern. Wir dachten eher, Sie sagen: alles verfällt und wir kommen kaum hinterher, um zu sanieren und neu aufzubauen und finanzielle Mittel aufzutreiben.
Das ist die andere Seite. Natürlich gibt es auch immer noch ganz viele Kirchen, deren Dächer undicht sind. Wir haben viel zu tun mit der Sanierung der Sanierung: also mit den schnellen Sanierungen in den frühen 1990er Jahren, die jetzt noch mal angefasst werden müssen. Natürlich gibt es auch immer mal wieder ganz unerwartete Schäden, Schwammbefall. Und die Sorge um Menschen, die das überhaupt entdecken und sich auf den Weg machen, Finanzierung zu suchen, die wird immer größer.
Wie groß ist der Handlungsbedarf bei diesen akuten Problemfällen?
Das Akute ist, glaub ich, an vielen Stellen wirklich schon geschafft. Natürlich gibt es immer mal wieder unerwartet ein statisches Problem. Wir hatten gerade im letzten Jahr in Mühlhausen in der Nikolaikirche ein Problem mit der statischen Sicherheit der Türme. Da war das Problem eine Verfüllung vom Mauerwerk, mit Zement, die damals richtig und gut und Stand der Technik war, die man heute so nicht mehr machen würde, weil sie das Mauerwerk auseinandergetrieben hat.
Kultur
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mehrOder viele Dächer von kleineren Dorfkirchen, bei denen die Dachdeckung schnell erneuert worden ist, aber die Konstruktion darunter nicht. Das holt einen irgendwann ein und man muss das Dach wieder aufdecken. Wir haben ein ziemliches Problem mit Einfriedungsmauern. Das denkt man immer gar nicht, aber die gehören ja auch zu den Kirchen dazu und gerade da, wo es Stützmauern sind, wo also Hänge dahinter sind, ist es wichtig, die instand zu halten. Und sie sind Teil der Denkmale natürlich.
Es gibt sicher Stellen, wo es weniger stört, wenn vielleicht nur noch ein Zaun da steht und die Mauer nicht mehr da ist. Aber es gibt schon viele Orte, wo dieses Zentrum Kirche auf dem Anger mit ehemaligem Friedhof, mit Einfriedung schon auch der Mittelpunkt des Dorfes gewesen ist.
Wir reden über hunderte Kirchen, die Sie im Blick haben müssen. Kann man das mal konkret machen? Was kostet so ein durchschnittliches Kirchengebäude in einem Dorf?
Wir rechnen damit, dass wir ungefähr 30.000 Euro pro Kirche brauchen für Dach und Fach. Das heißt, Instandsetzung der Hülle. Da ist noch keine Instandsetzung der Orgel dabei, da ist keine Ausmalung dabei, sondern wirklich nur Dach, Turm, Fassade, Fenster.
Die 30.000 Euro sind ein Durchschnitt. Sicher braucht man bei kleineren Kirchen weniger, bei großen dafür mehr und man muss es so rechnen, dass man sagt: In einem gewissen Abstand muss ich vielleicht mal das Dach neu machen können.
Überlegen Sie denn vorher so ein Gesamtpaket? Also braucht es dann die Orgel, braucht es die Bänke in der Kirche, damit man außen was macht, oder andersrum: Wir machen nur außen was, wenn sichergestellt ist, dass die Stühle auch noch funktionieren?
Bisher war es oft so, dass es um das Gesamtpaket ging. Nicht selten war der Wunsch, die Orgel zu sanieren, der ausschlaggebende Punkt, um dann die ganze Kirche zu machen. Denn natürlich muss ich alle Maßnahmen, die viel Schmutz verursachen – etwa Putzarbeiten – machen, bevor ich eine Orgel saniere.
Zum Teil ist es auch noch so, dass es einen großen Wunsch gibt, bestimmte Dinge zu machen und dann wird lossaniert. Das ändert sich gerade.
Welche Nutzungskonzepte für Kirchen – jenseits vom religiösen Aspekt – werden denn bei Ihnen aktuell diskutiert? Gibt es da Favoriten?
So richtig Favoriten nicht. Aber das Problem, was wir gerade haben, ist natürlich der starke Rückgang von Gemeindemitgliedern und dadurch immer weniger Menschen in den Kirchen. Unsere Kirche lebt stark vom Ehrenamt und wenn niemand mehr da ist, wird es auch immer schwieriger zu füllen. Dann gibt es auch niemanden mehr, der Konzepte macht.
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MDR KULTUR - Das RadioDo26.03.202614:37Uhr04:23 min
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AudioWir haben ungefähr 400 Kirchbauvereine und Initiativen. Das heißt, da gibt es Menschen in den Orten – überwiegend in den Dörfern –, die gar nicht unbedingt zur Kirche gehören, aber denen die Kirche im Dorf wichtig ist. Die haben ein ganz breites Spektrum: das ging los von Rettung der Kirche, wandelte sich dann vor einigen Jahren in vor allem kulturelle Nutzung.
Die Menschen engagieren sich, dass in der Kirche Kultur stattfinden kann: Kino, Konzerte, Ausstellungen, Kirchenführung, also Bildung, Theateraufführungen, ein ganz buntes Spektrum. Am Ende ist das aber doch etwas begrenzt, weil man in so einer Region nicht unendliche viele Kirchen bei dieser hohen Dichte zur sogenannten Kulturkirche machen kann.
Wir haben darum nach anderen Ideen gesucht und das Projekt "500 Kirchen, 500 Ideen" gestartet. Denn ungefähr 500 Kirchen in Thüringen stehen leer oder werden selten genutzt und dafür haben wir 500 Ideen gesucht und auch tatsächlich gefunden. Es lag also nicht an den Ideen, eher am Umsetzen.
Was hat sich dann als gangbarer Weg herauskristallisiert?
Ganz erfolgreich sind die Herbergskirchen, das Schlafen in der Kirche. Da geht es nicht um Gruppen oder viele Menschen, sondern um dieses Erlebnis allein oder zu zweit: Eine Nacht im Kirchenraum zu bleiben, Kirchengemeinde als Gastgeber. Der Aufwand ist überschaubar und die Nutzer kommen von überall her aus der ganzen Welt und interessieren sich für unsere Kirchen.
Wo schlafe ich dann?
Mitten im Kirchenraum, unsere Modellkirche dafür war in Neustadt am Rennsteig. Inzwischen haben wir vier Herbergskirchen am Rennsteig. Der erste Versuch war tatsächlich in der Kirche mittendrin ein bisschen Gestühl rauszunehmen, dort ein Bett zu bauen und man konnte da schlafen. Nach dieser Testphase, nach wenigen Monaten, waren sich dann aber die Menschen im Ort und die Kirchengemeinde einig: So wollen sie es nicht…
Doch ein bisschen komisch…
Ja, es war ein bisschen zu viel (lacht). Es wurde dann ein Bett unter der Empore gebaut und man kann einen Vorhang zuziehen, es ist sehr gut gestaltet. Ich glaube, das ist auch ein Teil dieses Erfolgskonzepts, dass man sagt: Wir machen gar nicht viel, ein Bett, ein Vorhang, eine nette Schüssel hin. Also ein paar kleine Dinge, aber das muss gut sein und wenn man den Vorhang nicht zuzieht, wacht man früh mit dem Blick nach Osten in die leuchtenden Kirchenfenster auf.
Ich glaube, das ist ein großes Potenzial und das ist auch was, was Menschen suchen: Abseits vom Trubel mal mit sich allein sein, zur Ruhe kommen.
Das ist aber vermutlich kein Massentourismus, sondern vielleicht ein Ansatz unter mehreren. Wie tragfähig kann das sein?
Was uns mit diesem Projekt bisher nicht gelungen ist, ist tragfähige Betreiberstrukturen zu finden, etwa mit anderen gemeinsamen Tourismusverbänden. Das Problem bleibt, dass diese Vorhaben, die wir da getestet haben, davon ausgehen, dass die Kirchengemeinde der Akteur ist und sich andere sucht, die mittun. Das funktioniert nicht mehr wirklich, sondern wir brauchen auch Projekte, wo andere sagen: Gebt uns den Raum, wir machen es.
Würde die Kirche diesen Raum auch öffnen oder wie strikt sind dann die Vorgaben? Also ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Kulturverein einfach in die Kirche geht und sagt: 'Hallo, hier bin ich und das war es jetzt für die Kirche.'
Rein theoretisch geht das, es gibt ganz wenig Verbote für uns. Es gibt ein paar Regeln, aber wir als Landeskirche haben da ein – sag' ich mal – weites Herz, wir lassen ganz viel zu. Was wir in unseren Kirchen nicht wollen, sind Dinge, die sich gegen die Kirche selber richten oder gegen Demokratie. Kultur ist gar kein Thema, das findet statt.
Und wie wird das in Ihren Gemeinden diskutiert, also wenn man auch die Zuschreibung einer Kirche anders gestaltet und nicht mehr nur der Ort Gottes sein soll?
Das ist möglicherweise ein bisschen das Problem, dass unsere Gemeinden doch noch abwarten und denken, es wird vielleicht alles wieder gut und den Schritt nicht wagen, sich weit zu öffnen.
Aber das ist genauso schwierig, wie extern klarzumachen: Hier gibt es einen Raum, den könnt ihr nutzen und bevor ihr was Neues baut, ein Dorfgemeinschaftshaus oder ein Kulturhaus, macht es doch zusammen mit uns oder nutzt diesen Raum, der da ist.
Das hat ja auch mit Loslassen zu tun: Wenn eine Kirche anderen Nutzungen zugeführt wird, läuft man vielleicht Gefahr, auch ein Stück Identität zu verlieren oder sogar Heimat.
Das ist schon so, die Angst vor Identitätsverlust ist auf alle Fälle da. Aber letzten Endes bleibt uns, glaube ich, nichts anderes übrig. Die Kirchen sind ja nicht nur als religiöse Räume gebaut, sondern sie waren immer Räume der Gemeinschaft. Das können sie heute auch noch. Einfach auch für eine größere Gemeinschaft da zu sein: das funktioniert, glaube ich.
Das Interview führte Sven Kochale.
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