Tierärztin: Wal von Leiden erlösen ist gnädigster Weg
- Trugschluss des "minimalinvasiven Vorgehens"
- Bewegungen kein Indikator des Wohlbefindens
- Vermüllte Meere eine der Ursachen für die Strandung
- Tierärztin spricht sich für Erlösen des Wals aus
Die auf Wildtiere spezialisierte Tierärztin Kerstin Alexandra Dörnath hält den Rettungsversuch für den vor der Ostseeinsel Poel gestrandeten Buckelwal für falsch. Die Medizinerin sagte dem MDR, der einzig verantwortungsvolle Weg für das Tier sei, es zu erlösen. Die heute gemeldeten heftige Bewegungen des Wals wertet Dörnath nicht als Zeichen von Vitalität, sondern als Stressreaktion. Aus tiermedizinischer Sicht befinde sich der Wal in einem aussichtslosen Zustand.
Tierärztin gegen Rettung des Buckelwals
Anders als Vertreter der privaten Rettungsinitiative hält die auf Wildtiere spezialisierte Tierärztin Kerstin Alexandra Dörnath den Rettungsversuch für den gestrandeten Wal für falsch. Die Medizinerin sagte im Gespräch mit dem MDR, Tierärzte folgten alle demselben ethischen Kompass, "egal ob wir aus Hawaii, aus Deutschland, aus England oder wo auch immer herkommen".
Unser höchstes Ziel ist es, Leid zu lindern.
Das höchste Ziel sei es, Leid zu lindern und das bedeute, zu heilen. Wahre Verantwortung bedeute hierbei aber auch zu erkennen, wann eine Erlösung der letzte gnädige Weg für ein Tier sei. In diesem Fall sei das sehr fragwürdig. "Ich bin da sehr skeptisch", betonte Dörnath.
Trugschluss des "minimalinvasiven Vorgehens"
Dörnath betonte, sie wolle ihre an der Aktion beteiligten Kollegen nicht kritisieren. Jeder folge diesem ethischen Kompass. Die Medizinerin betonte gleichzeitig, wenn von Minister Backhaus gesagt werde, hier werde minimalinvasiv gearbeitet, dann sei das eine sehr falsche Einschätzung und ein gefährlicher Trugschluss.
Der Begriff minimalinvasiv stamme ursprünglich aus der Chirurgie und bezeichne Eingriffe mit kleinstmöglichen Verletzungen. Auch sei damit gemeint "so wenig wie möglich eindringend oder belastend". Ein tonnenschweres Wildtier wie einen Buckelwal zu bewegen, das bedeute massiven physischen Druck auf Organe und Skelett sowie extremen psychischen Druck. Dörnath verwies darauf, dass dies das Gegenteil von minimal sei und dass die Kollegen vor Ort das eigentlich wissen müssten.
"Den Transport eines tonnenschweren Wildtieres, wir sprechen hier über die Größe von drei bis vier asiatischen Elefanten, als minimalinvasiv zu bezeichnen und das unter den Augen von Veterinärmedizinern, ist ein biologischer Euphemismus, also eine Beschönigung." Eine solche Mobilisierung bedeute für einen moribunden, also todgeweihten Organismus massiven Stress und eine enorme physische Belastung. Dies habe mit einem kleinen Eingriff nichts zu tun.
"Bewegungen sind kein Indikator für Wohlbefinden"
Die Tiermedizinerin nannte dabei die Beobachtungen, dass der Buckelwal mit heftigen Bewegungen auf einen sich nähernden Taucher reagiert und sich dabei fast um 90 Grad gedreht hat, sowie seine Bewegungen der Schwanzflosse, keinen Indikator für Wohlbefinden. Dies sei ein "gefährlicher Trugschluss".
Dörnath ergänzte, sie arbeite seit fast drei Jahrzehnten ausschließlich mit Wildtieren und könne daher sagen, ein heftiges Bewegen sei in Biologie und Tiermedizin kein Indikator für Wohlbefinden, sondern das Gegenteil.
Das Tier zeige Fluchtreflexe, sei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nach diesen Wochen des Festliegens, das auch Folgen für die Organe habe, in der Agonie, also in einem Todeskampf. Eine heftige Drehung um 90 Grad als Zeichen für Gesundheit zu deuten, sei ein fachlicher Irrtum. "Bei einem Tier dieser Größenordnung handelt es sich mitnichten um Vitalität, sondern um eine massive Stressreaktion".
Das Tier ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nach diesen Wochen des Festliegens in der Agonie, also in einem Todeskampf.
Die Tiermedizinerin schließt dabei aus, dass es sich bei den Bewegungen um Befreiungsversuche des Buckelwals handelt. Das höre sich schon sehr vermenschlicht an, so Dörnath. Ein Wal wolle sich nicht befreien und er wolle auch nicht in die Freiheit. Es gebe Gründe, warum Meeressäuger strandeten und diese Gründe seien in der Regel vielschichtig.
Vermüllte Meere als eine der Ursachen für die Strandung
Dörnath sagte, bei diesem Buckelwal sei bekannt, dass leider der Mensch eine große Rolle hierbei spiele. Die Meere seien vermüllt, was man sehen könne. Das hätten auch die vorhergehenden Experten gesagt, dort hänge ein Teil eines Geisternetzes aus dem Maul. Zudem seien vermutlich Verletzungen durch Schiffsschrauben zu sehen.
"Es gibt viele Gründe für das Stranden. Aber in diesem Fall ist es so, dass wir leider medizinisch davon ausgehen müssen, dass das Seil, das aus dem Maul hängt, noch viel tiefer im Magen-Darm-Trakt hängt", sagte die Tierärztin. Man wisse daher überhaupt nicht – und so eine Diagnostik könne man bei einem Buckelwal nicht betreiben – ob hier ein Magen-Darm-Verschluss vorliege. Man müsse leider erkennen, wann bei einem Tier das Ende sei.
Man muss leider erkennen, wann bei einem Tier das Ende ist.
Wenn man sich diesen Wal ansehe, der seit Wochen in Brackwasser mit einem ganz anderen osmotischen Druck liege, habe das hat eine Auswirkung für den Organismus und für die Haut. Das Tier hat Dörnath zufolge Nahrungsmangel, wobei Buckelwale mit wenig Nahrung über Zeiträume auskommen könnten. Aber es führe zu einem körperlichen Verfall. Die Medizinern betonte, Tierschutz sei keine Meinung. Tierschutz sei Wissenschaft und Wissenschaft lüge nicht.
Tierschutz ist keine Meinung. Tierschutz ist Wissenschaft und Wissenschaft lügt nicht.
Ärztin spricht sich für Erlösen des Wals aus
Dörnath sprach sich im Gespräch mit dem MDR für eine gezielte Tötung des Meeressäugers aus. Sie habe dies bereits vor zwei Wochen schriftlich in einem Pressemedium gesagt, sie sei dafür, dieses Tier zu erlösen. Man könne es auch töten nennen, aber Tierärzte erlösten Tiere. Das sei eine große Herausforderung bei einem Großwal und gehe nur mechanisch und nicht mit Arzneimitteln.
"Das hört sich brutal an, aber mittels einer Explosion werden Druckwellen auf das Hirn ausgelöst". Das Tier sei wie jedes andere auch tierschutzkonform schmerzfrei, angstfrei, bewusstlos und dann sei die Tötung der nächste Schritt. Das höre sich ganz grausam an, aber ein Erlösen sei der gnädigste Weg für dieses Tier.
Rettungsmission einer Privatinitiative läuft
Seit zwei Tagen läuft ein privater Rettungsversuch, in dem der seit über zwei Wochen festliegenden Buckelwal mittels Luftkissen befreit werden soll. Es habe inzwischen die "heiße Phase" der Aktion vor der Insel Poel begonnen, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus vor Journalisten vor Ort. Die Initiative will das in flachem Wasser einer Bucht liegende Tier mit einem System aus Luftkissen und Schwimmpontons anheben und bis in die Nordsee oder den Atlantik schleppen.
Die Rettungsinitiative äußerte die Hoffnung auf ein glückliches Ende. Der Wal habe "eine reelle Chance", sagte die leitende Tierärztin des Projekts, Janine Bahr van Gemmert. Die Initiative handle "nach besten Wissen" für das Tier und wolle kein Leid verlängern. Der Wal irrt bereits seit Anfang März vor der Ostseeküste umher und war bereits mehrfach gestrandet.
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