Von der "Rushhour" bis zur Rente: Wie die Wohnkosten unser Leben diktieren
Die Frage, für wen die eigenen vier Wände eine erhebliche finanzielle Last darstellen, zählt heute zu den zentralen Herausforderungen in Deutschland. Eine Forschungsgruppe des Deutschen Zentrums für Altersfragen hat nun untersucht, wie sich diese Belastung über das gesamte Leben hinweg verändert. Auf Basis von Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) wurden die Verläufe von fast 100.000 Personen zwischen 20 und 80 Jahren analysiert. Das Ergebnis: Die finanzielle Last ist ungleich verteilt und folgt einer ganz eigenen Dynamik, je nachdem, ob man zur Miete wohnt oder im Eigentum.
Insgesamt tragen Mieter über fast die gesamte Lebensspanne eine höhere Last als Eigentümer. Während die durchschnittliche Belastung bei Mietern im Alter zwischen 30 und 55 Jahren relativ konstant bei 22 Prozent liegt, klettert sie in den Ruhestandsjahren auf über 25 Prozent. Bei Eigentümern ist es genau umgekehrt: Ihre Last ist in den jungen Jahren bis Mitte 30 am höchsten (etwa 22 Prozent). In dieser sogenannten "Rushhour" des Lebens, in der Familiengründung und Immobilienkauf oft zeitgleich bewältigt werden müssen, ist die Anspannung am größten. Danach sinkt die Belastung deutlich ab, da Kredite oft bis zum Renteneintritt abbezahlt sind.
Wohnkostenbelastung im Lebensverlauf für Mieter*innen und Eigentümer*innenBildrechte: Deutsches Zentrum für AltersfragenKredit-Tilgungen nicht eingerechnet
Dass die Kurve für Eigentümer die der Mieter nicht einmal in jungen Lebensjahren übersteigt, mag auf den ersten Blick verwundern. Doch die Erklärung ist einfach. Mathematisch wird die Belastung so definiert: Wohnkostenbelastung = Wohnkosten geteilt durch Haushaltsnettoeinkommen. In der Studie werden bei Eigentümern nur die Zinszahlungen, Heiz- und Betriebskosten sowie Instandhaltungsaufwände als Wohnkosten berücksichtigt. Die tatsächlichen Tilgungsraten – also der Teil der Bankrate, der den Kredit abbezahlt – bleiben außen vor. Da Tilgung als Vermögensaufbau und nicht als reiner "Konsum" gilt, taucht sie in dieser Rechnung nicht auf. Würde man sie als monatliche Ausgabe mitzählen, läge die Last junger Familien mit Eigenheim deutlich höher.
Zudem verfügen Eigentümer im Schnitt über ein wesentlich höheres Einkommensniveau als Mieter, was die prozentuale Belastung zusätzlich dämpft. Der Erwerb von Wohneigentum wird laut Studie heute auch zunehmend selektiv, das heißt, nur wer es sich leisten kann, wird überhaupt zum Eigentümer.
Ost-West-Unterschiede
Ein besonders spannendes Feld ist der Vergleich zwischen Ost und West. Mieter in Ostdeutschland haben im Schnitt über alle Lebensphasen hinweg eine um ein bis drei Prozentpunkte niedrigere Belastung als ihre westdeutschen Nachbarn. Das liegt schlicht daran, dass die Mieten im Osten so viel günstiger sind, dass sie den Nachteil der dort geringeren Einkommen mehr als wettmachen.
Bei den Eigentümern dreht sich das Bild jedoch: Ab einem Alter von etwa 30 Jahren ist die Last im Osten im Durchschnitt höher als im Westen. Hier schlägt die Einkommensschere voll zu: Während die Kosten für den Bau oder Kauf einer Immobilie oft ähnlich hoch sind, fehlen den ostdeutschen Haushalten die höheren West-Gehälter, um diese Kosten prozentual so leicht wegzustecken wie im Westen.
Die Mietfalle im Ruhestand
Für bestimmte Gruppen wird Wohnen im Alter zur existenziellen Bedrohung. Besonders armutsgefährdete Mieter tragen über ihr gesamtes Leben hinweg eine Last von durchschnittlich 30 Prozent ihres Einkommens. Es gibt für sie keine Phase der Entspannung. Auch alleinstehende Frauen ab 60 Jahren und Mieter mit Migrationshintergrund geraten im Ruhestand oft über die kritische 30-Prozent-Marke.
Die Forscher betonen daher, wie wichtig eine Verzahnung von Wohnungs- und Sozialpolitik ist. Während junge Eigentümer vor allem durch hohe Zinsen belastet sind, benötigen einkommensschwache Mieter im Alter gezielte Unterstützung wie das Wohngeld oder den Ausbau des sozialen Wohnungsbaus, um nicht von ihren eigenen vier Wänden finanziell erdrückt zu werden.
Links / Studien
- L. Romeu Gordo et al. (2026): "Wohnkostenbelastung im Lebensverlauf – Ungleichheiten nach sozialer und räumlicher Lage", hier als PDF
- Projektseite "Entwicklung der Wohnkostenbelastung im Lebensverlauf" beim Deutschen Zentrum für Altersfragen
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