Theaterstück in Halle: Warum wir Frauen aus der DDR zuhören sollten
- Eine neue Adaption des DDR-Kultbuchs "Guten Morgen, du Schöne" feiert in Halle Premiere.
- Das Puppentheater-Stück zeigt, dass auch in der vermeintlich utopischen Gesellschaft Frauen unter Einsamkeit litten.
- Dabei greift das Stück auch bekannte Songs der DDR auf und interpretiert sie neu.
"Ich glaube, mein Zwiespalt ist der: Ich lebe in einer Zeit, wo vieles schon möglich ist für eine Frau, aber ich bin feige. Dieser irre Zwiespalt zwischen den Möglichkeiten und meiner Angst, der bringt mich um." Wenn die feingliedrige Puppe mit dem grünen Strubbelhaar und dem eindringlichen Blick diese Worte spricht, ist man als Zuschauer vollkommen von ihr in den Bann gezogen.
Die Figur, die die verschiedenen Frauen verkörpert, wechselt im Stück immer wieder ihre Maske.Bildrechte: Anna KolataDie kleine Person, die in der Inszenierung von Claudia Luise Bose auf einer Art beleuchtetem Catwalk steht, verkörpert Ruth. Sie ist 22 Jahre alt, Serviererin und alleinerziehende Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Sie ist eine von 19 Frauen, deren Lebensgeschichten Maxie Wander in ihrem 1977 erschienenen Buch "Guten Morgen, du Schöne" versammelt hat.
Was Frauen in der DDR und heute verbindet
Fünf Frauen – neben Ruth noch Berta, Karoline, Erika und Rosi – wählte Bose nun wiederum für ihre Inszenierung am Puppentheater in Halle aus. Im Studium begegnete ihr der Stoff zum ersten Mal. Schon damals, im Jahr 2007, war sie von der Zeitlosigkeit des Buches beeindruckt, erklärt sie bei MDR KULTUR: "Dass da Dinge aufgegriffen werden, die für mich noch ganz genauso gelten," erzählt sie vor Beginn der ersten Hauptprobe. So habe sie für ihre Inszenierung auch den Monolog einer Frau ausgewählt, die 1901 geboren wurde.
Die Darstellerinnen gehören genau wie die literarischen Figuren zu ganz verschiedenen Generationen.Bildrechte: Anna Kolata"Da ist fast ein Jahrhundert dazwischen", gibt sie zu bedenken. Die Frau beschreibe eine völlig andere Lebensrealität. "Also auch Rollen- und Familienbilder, bei denen ich das Gefühl habe, das hat mit mir und meinem Blick auf mein Leben nichts zu tun", sagt Bose. "Dennoch ist es so, dass ich eine wahnsinnige Empathie auch für diese Figuren entwickeln kann."
Ruhige Inszenierung in Halle zeigt Einsamkeit der Frauen
Bose nimmt sich viel Zeit für ihre fünf Frauen. Eine nach der anderen betritt die Bühne, um aus ihrem Leben zu erzählen. Oder vielmehr, sie entsteht vor den Augen der Zuschauer. Denn ein einziger, stilisierter Puppenkörper bekommt vor Beginn eines jeden Monologs nicht nur ein neues Kleid, sondern auch ein neues Gesicht übergezogen.
Geführt wird die Puppe von Ines Heinrich-Frank, Luise Friederike Hennig und Franziska Rattay. Auch sie gehören verschiedenen Generationen an. Sie stehen der Puppe während des ganzen Stückes schwesterlich bei.
Die Darstellerinnen lassen die Puppe nicht allein auf der Bühne sondern interagieren mit ihr.Bildrechte: Anna KolataSie verständigen sich mit ihr durch Blicke, oder ein verstehendes Nicken. Die Figur nicht allein im Rampenlicht zu lassen, war ihr ein wichtiges Anliegen, erzählt Claudia Luise Bose. Für sie spricht aus den Selbstauskünften der Frauen in "Guten Morgen, du Schöne" eine große Einsamkeit: "Wie kann es sein, dass in einem Staatssystem, das sich Gemeinschaft und Solidarität auf die Fahnen geschrieben hat, ich trotzdem, bei allen, von denen ich gelesen habe, den Eindruck hatte, irgendwie wirken die wie verkapselt?"
Dennoch möchte sie mit ihrem Theaterabend weder ein Statement für, noch gegen die DDR abgeben, betont die Regisseurin. "Ich bin zwar in der DDR geboren, aber 1990 war ich sechs Jahre alt. Es war also nicht meine Lebensrealität und deshalb erscheint es mir nicht authentisch, wenn ich darüber urteile."
Ein Motiv, das sich durch das Stück zieht: Einsamkeit.Bildrechte: Anna KolataTheater-Stück und Schicksale gehen zu Herzen
Die Lebensberichte der fünf Frauen gehen ungeachtet der historischen Zusammenhänge sehr zu Herzen. Vielleicht liegt es an der großen Offenheit, mit der die Frauen uns an ihren Sorgen und Zweifeln, ihren Wünschen und Hoffnungen teilhaben lassen.
Trotz der unterschiedlichen Tonlagen vereinen sich die Stimmen zu einem gemeinsamen Chor. "Wir befinden uns alle auf unerforschten Gebiet", fasste Maxie Wander in ihrem Vorwort zum Buch dieses verbindende Gefühl zusammen. "Wir suchen nach neuen Lebensweisen, im Privaten und in der Gesellschaft." In Boses Inszenierung ertönt dieser Chor wirklich.
Das DDR-Kultbuch "Guten Morgen, du Schöne" von Maxie Wander lieferte den Stoff für das Stück.Bildrechte: picture alliance / zb | Günter HöhneDabei geben Neukompositionen zu Texten beliebter Songs aus der DDR den Spielszenen Struktur. Welche Stücke das sind, möchte Bose noch nicht verraten. "Damit die Leute noch ein bisschen knobeln können", gibt sie lachend zu.
Weitere Informationen zum Stück
"Guten Morgen, du Schöne"
Protokolle nach Tonband
von Maxie Wander
Puppentheater Halle
Universitätsplatz 2, 06108 Halle (Saale)
Die Premiere am 24. April sowie alle weiteren geplanten Aufführungen bis Mai sind bereits ausverkauft.
Redaktionelle Bearbeitung: tis, vp
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