Der SA-Onkel und die Sorge um den Familienfrieden
- Seit kurzem sind die NS-Akten des US-Nationalarchivs öffentlich einsehbar. Doch die Auseinandersetzung mit Tätern in der Familie ist oft mit Scham behaftet.
- Empfehlenswert ist es, behutsam vorzugehen und Grenzen der Betroffenen zu respektieren.
- Historiker betonen, dass allein die Mitgliedschaft in der NSDAP begrenzte Aussagekraft über die Biografie der Menschen habe.
Es war vor zwölf Jahren, da haben sich Maria Gleu und ihre Schwester gefragt, ob sie vielleicht mit früheren NS-Tätern am Kaffeetisch saßen. Die Frauen aus Thüringen begannen Nachforschungen anzustellen. Ihre erste Sorge sei gewesen, dass das Familienansehen durch die Nazivergangenheit beschädigt wird. Da habe wohl auch das innerfamiliäre "Schweigegebot" eine große Rolle gespielt.
Auseinandersetzung über NS-Zeit oft mit Scham behaftet
Die Schwestern haben dieses Gebot mit der Zeit durchbrochen und wissen nun, dass Verwandte von ihnen in Italien für Nazideutschland gekämpft haben. Und dass ihr Urgroßvater als SA-Mann seinen Nachbarn verhaftet hat: "Es gibt einen Teil der Verwandtschaft, der da stark drüber nachdenkt und auch einen Bezug zu ihrer Gegenwart findet – also sich zum Beispiel jetzt stark zu machen gegen rechte Positionen."
Maria Gleu gibt ihre Erfahrungen zur Familienforschung regelmäßig in Seminaren weiter. Dort erlebt sie immer wieder die Sorge, den Familienfrieden zu gefährden. Denn gerade, wenn Familienmitglieder die Beteiligten noch persönlich kennen, können Wunden aufreißen: "Deswegen denke ich, ist es wichtig, sich auch emotional bei so einer Auseinandersetzung begleiten zu lassen, sich Räume zu schaffen oder mit Freundinnen darüber zu reden."
Empfehlung: Einzelgespräche, offene Fragen, Grenzen respektieren
Maria Gleu hatte das Thema in ihrer Familie zum ersten Mal bei einer Feier angesprochen. Davon rät sie heute ab. Besser sei es, sich mit Verwandten einzeln zu treffen, Grenzen zu respektieren und offene Fragen zu stellen. Wie sei das Verwandtschaftsverhältnis beispielsweise zum Vater gewesen, wie hätten sie ihn als Kinder wahrgenommen, wie hat die Familie eigentlich gelebt? Außerdem rät Maria Gleu, auf jeden Fall einen Familienstammbaum zu erstellen.
Nicht alle finden es gut, wie offen Gleu mit ihrer Familiengeschichte umgeht. Doch das nimmt sie in Kauf: "Es ist, glaube ich, eine kleine Form von einem Beitrag den ich machen kann, zumindest diese Geschichte zu korrigieren."
US-Nationalarchiv ermöglicht Nachforschungen für alle
Es ist so einfach wie nie herauszufinden, ob Familienmitglieder in der NSDAP waren, seit das amerikanische Nationalarchiv die Mitgliedskartei ins Internet gestellt hat. Mehr als 1,5 Millionen Menschen haben schon im Archiv gesucht, das Ende vergangenen Jahres online ging.
Der Historiker Martin Clemens Winter forscht zum ehemaligen Leipziger Konzern Hasag, der bis 1945 Kriegsgüter für die Wehrmacht produzierte. Er sagt, er habe jetzt andere Recherchemöglichkeiten. In seinem Fall den Namen der Firma, zu der er recherchiere.
Historiker: Fund in Mitgliedskartei hat nur begrenzte Aussagekraft
Grundsätzlich müsse man sich die Frage stellen, was der Fund oder auch der Nicht-Fund einer Karteikarte denn überhaupt aussage, erklärt Winter: "Wir wissen, dass es durch den Beitritt grundsätzlich das Signal der Zustimmung zum System gab. Aber darüber hinaus wissen wir noch nicht besonders viel darüber, wie die Person sich während der Zeit des Nationalsozialismus dann überhaupt verhalten hat."
Um das besser abzuschätzen, könne man schauen, wann die Person in die Partei eingetreten sei, so Winter. Je eher das Eintrittsjahr liege, desto früher habe sich eine Person dieser Bewegung verschrieben: "Das deutet natürlich auf eine stärkere ideologische Überzeugung auch hin. Aber das sind ja auch erstmal nur Vermutungen."
Bundesarchiv und Entnazifizierungsakten als weitere Anhaltspunkte
Die NSDAP-Mitgliedskartei umfasst heute 16 Millionen Seiten – früher waren es noch mehr. Über die Jahre sind etwa 20 Prozent verloren gegangen. "Das heißt", sagt Winter, "man hat dort auch immer noch ein kleines Dunkelfeld von Personen. Andersrum ist es natürlich so, dass auch Menschen, die nicht in der Partei waren, sich natürlich für das System engagiert haben."
Winter empfiehlt, für eine tiefere Recherche über das Bundesarchiv weitere Akten anzufordern. Auch Entnazifizierungsakten können Anhaltspunkte liefern.
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