Transgenerationales Kriegstrauma: "Schuldgefühle spielen oft eine Rolle"
- Transgenerationale Kriegstraumata reichen bis heute in die Gesellschaft hinein.
- "Mantel des Schweigens" erschwert Aufarbeitung, besonders bei sexualisierter Kriegsgewalt.
- Erinnerung an Verbrechen kann dazu beitragen, Mechanismen dahinter zu erkennen.
Wer wissen möchte, ob Verwandte Mitglieder bei der NSDAP waren, kann seit einigen Wochen das US-Nationalarchiv dazu nutzen. Bei Freischaltung war der Andrang so groß, dass zeitweise die Server überlastet waren.
Das Interesse an der Zeit des Nationalsozialismus, dem Zweiten Weltkrieg und den verwandtschaftlichen Verwicklungen ist offenbar gewaltig. "Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es zu so einem Medien- und Publikumsinteresse kommt", sagt der Historiker Martin Clemens Winter von der Universität Leipzig. Seine Hoffnung ist, dass es nicht nur bei dem kurzen Impuls bleibt, online nach dem Mitgliedsausweis zu suchen, sondern weitere Recherchen folgen.
Eine Umfrage in unserem WhatsApp-Kanal hat gezeigt, dass darüber hinaus die traumatischen Kriegserlebnisse der Großeltern oder Ur-Großeltern viele MDR-User beschäftigen. Sie teilen online Kriegserfahrungen, die ihnen von Verwandten erzählt wurden. Oder wo bei Nachfragen Schweigen herrscht.
Wenn das (Kriegs-)Trauma an die Kinder weitergeben wird
"Gerade bei Kriegstraumata und speziell bei sexualisierter Gewalt im Kriegskontext spielen oft auch Schuldgefühle eine Rolle", sagt Karin Griese. Sie arbeitet bei der Organisation "medica mondiale". Der Verein setzt sich seit mehr als 30 Jahren gegen sexualisierte Gewalt in Kriegsgebieten ein.
Die Soziologin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit transgenerationalem Trauma. Von einem solchen Trauma werde dann gesprochen, wenn die Traumafolgen einer früheren Generation auf die nachfolgenden Generationen übertragen worden sind, erklärt sie. Also zum Beispiel von Großeltern auf ihre Kinder und die Kindes-Kinder.
Kriege sind in vielerlei Hinsicht traumatisch: Hunger, Angst, Tod, Leid, brutale körperliche und sexualisierte Gewalt. Ein großes Thema hierbei: das anschließende Schweigen. Karin Griese sagt dazu: "Wenn jemand zum Beispiel einen Autounfall hatte, dann wird die Person erzählen, wie es ihr damit ging. Aber alles, was mit schrecklichen Gewalttaten, die in Kriegen ausgeübt werden, zu tun hat, darüber können die Menschen dann später nicht sprechen." Griese nennt das den "Mantel des Schweigens".
Sexualisierte Gewalt im Zweiten Weltkrieg (Informationen zum Aufklappen)
Bis zu zwei Millionen Frauen und Mädchen wurden Schätzungen zufolge allein in Deutschland am Kriegsende von alliierten Soldaten vergewaltigt. Vor Kriegsende gab es massive Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen in den von Wehrmacht und SS besetzten Gebieten. Jüdische sowie den Roma angehörigen Frauen und Mädchen wurden während ihrer Verfolgung und in den Konzentrationslagern vergewaltigt, ebenso wie Frauen und Mädchen, die Widerstand gegen das NS-Regime leisteten.
Quelle: medica mondiale
Anerkennung und Unterstützung für Überlebende
Bei Veranstaltungen des Vereins sei es oft so, dass Frauen auf das Team zukämen und sagen, sie hätten bisher noch nie drüber gesprochen, dass sie vergewaltigt wurden. Oder dass sie vermuten, ihre Mutter habe so etwas erlebt, aber es sei nie zur Sprache gekommen.
Karin Griese ist Traumaberaterin.Bildrechte: Anna Verena Müller/medica mondiale
Auch am Lebensende kann es noch wichtig sein, Dinge auszusprechen und Erlebnisse aufzuarbeiten.
Griese und ihre Kolleginnen von "medica mondiale" sehen das Interesse am US-Archiv deshalb durchaus positiv. Es ermögliche eine Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und der deutschen Vergangenheit. "Die Erfahrung zeigt, dass es einfacher ist, wenn Enkel mit ihren Großeltern sprechen, weil etwas Distanz da ist", sagt sie.
Sie betont, dass sie Menschen nur ermutigen könne, über das zu sprechen, über das bisher geschwiegen wurde: "Auch am Lebensende kann es noch wichtig sein, Dinge auszusprechen und Erlebnisse aufzuarbeiten."
Erinnerungskultur vs. Schweigen
Dabei spielen auch Erinnerungskulturen eine Rolle. Und die seien schon immer umkämpft, sagt Historiker Martin Clemens Winter. Auch heute. Die Auseinandersetzung mit Geschichte, dem Erinnern und Gedenken, gehe mit Deutungskämpfen einher. Das Erinnern an Verbrechen könne aber helfen, Mechanismen dahinter zu erkennen. Im besten Fall trage Erinnerungskultur zum Verständnis unterschiedlicher historischer Situationen bei, unter denen Menschen gelitten haben und zum Teil auch heute noch leiden.
Dass nach 80 Jahren sexualisierte Gewalt kein Thema ist [...] – das ist wirklich beschämend und skandalös.
Der gleichen Meinung ist Karin Griese. Sie betont im Gespräch mit MDR AKTUELL: "Dass aber auch nach 80 Jahren sexualisierte Gewalt kein Thema ist, was Beachtung in der deutschen Erinnerungskultur findet – das ist wirklich beschämend und skandalös." Vor allen Dingen, wenn man bedenke, dass es sich über Generationen hinweg auswirke.
Die Traumaexpertin fordert, dass Erinnern feministischer werden müsse. Überlebende von Kriegsgewalt müssten anerkannt und endlich angemessen unterstützt werden. Damit die Traumaweitergabe unterbrochen werden kann.
Sind Sie oder eine Person aus Ihrem Bekanntenkreis von Gewalt betroffen? Für Frauen ist das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (116 016) rund um die Uhr erreichbar. Männer finden Hilfe beim Hilfetelefon Gewalt an Männern (0800 123 9900). Bei sexuellem Missbrauch (auch in der Kindheit) hilft das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (0800 22 55 530). Beide bieten vertrauliche Beratung.
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