In der Welt der Statistik gibt es Momente, die als historische Wegmarken gelten. Das Jahr 2024 ist eine solche Marke. Laut einer aktuellen Untersuchung von internationalen Wissenschaftlern, unter anderem vom Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR), hat sich im Jahr 2024 das globale Verhältnis der Geburtenraten umgekehrt. Während bis dahin Männer eine höhere Fertilitätsrate aufwiesen, haben nun Frauen statistisch gesehen mehr Kinder.

Die Fertilitätsrate – oder Gesamtfertilitätsrate – ist eine wichtige Kennzahl der Demografie. Sie beschreibt vereinfacht gesagt, wie viele Kinder ein Mensch im Laufe seines Lebens durchschnittlich bekäme, wenn die Geburtenraten eines bestimmten Jahres für sein gesamtes Leben gelten würden. Dass Männer hier nun hinter die Frauen zurückfallen, liegt nicht etwa daran, dass sie weniger zeugungsfähig geworden wären. Der Grund ist ein strukturelles Ungleichgewicht: Es gibt schlicht immer mehr Männer im Verhältnis zu Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter.

Warum die Welt "männlicher" wird

Henrik-Alexander Schubert, Wissenschaftler am MPIDR, erklärt: "Das wichtigste Ergebnis ist, dass wir einen Wechsel von einer höheren Gesamtfertilitätsrate bei Männern zu einer höheren Gesamtfertilitätsrate bei Frauen beobachten, der weltweit im Jahr 2024 eintritt. Dieser Wechsel wird durch eine Erhöhung des Bevölkerungsanteils der Männer relativ zu Frauen getrieben". Dieser Männerüberschuss führt dazu, dass statistisch gesehen weniger Männer eine Partnerin finden, was ihre durchschnittliche Kinderzahl nach unten drückt.

Bildrechte: MPIDR

Die Forscher führen diesen Trend auf eine "Maskulinisierung" der Bevölkerung zurück. Ein wesentlicher Faktor ist die sinkende Sterblichkeit. Da heutzutage mehr Jungen das Erwachsenenalter erreichen und sich die Überlebenschancen von Männern denen der Frauen annähern, entsteht ein Überhang an Männern. In Ländern wie China oder Indien wird dieser Effekt zusätzlich durch geschlechtsselektive Abtreibungen verstärkt, was den natürlichen Geburtenüberschuss von Jungen künstlich erhöht.

Tempo dieser Entwicklung ist sehr unterschiedlich

Dieser demografische Wandel vollzieht sich global in sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Während Nordamerika und Europa diesen Umbruch bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren erlebten, ziehen Regionen wie Asien oder Ozeanien erst jetzt nach. Eine Ausnahme bildet Subsahara-Afrika: Aufgrund der dort noch immer hohen Sterblichkeit und eines stagnierenden Geburtenrückgangs wird erwartet, dass Männer dort noch bis weit nach dem Jahr 2100 eine höhere Fertilitätsrate behalten werden als Frauen.

Auch in Deutschland und speziell in Mitteldeutschland ist der Geburtenrückgang ein zentrales Thema, das weit über die reine Statistik hinausgeht. Während die globale Studie den Männerüberschuss als Treiber identifiziert, kämpft Deutschland bereits mit den handfesten wirtschaftlichen Folgen der schrumpfenden Geburtenzahlen. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, den Handel und die soziale Infrastruktur wie Kindergärten bereits deutlich spürbar.

Soziale Sprengkraft und politische Lösungen

Die Folgen dieser Entwicklung sind laut der Forschungsgruppe gravierend. Schubert warnt: "Die Herausforderungen betreffen vor allem Männer, die kinderlos bleiben – ein Status, der oft mit schlechterer Gesundheit und wachsender Abhängigkeit von professioneller Pflege im Alter verbunden ist. Um geschlechtsspezifische Unterschiede in der Fertilität und deren Folgen wie die Kinderlosigkeit bei Männern entgegenzuwirken, braucht es dringend politische Lösungen".

Ohne Gegensteuern drohen laut den Experten nicht nur Probleme in den Pflegesystemen, sondern auch soziale Konflikte. "Werden die Herausforderungen dieser Männer nicht berücksichtigt, besteht die Gefahr einer kulturellen Gegenreaktion gegen die Gleichstellung der Geschlechter und gesellschaftlicher Konflikte", betont das Forscherteam. Als Maßnahmen schlagen die Wissenschaftler unter anderem vor, die Stellung der Frau weltweit zu stärken, um gezielte Abtreibungen von Mädchen zu verhindern, sowie bessere Bildungs- und Karrierechancen für alleinstehende Männer zu schaffen. Auch neue soziale Netzwerke jenseits der klassischen Familie werden in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen müssen.

Links / Studien

H.-A- Schubert et al. (2026): "Masculinization of populations reverses sex differences in fertility", PNAS

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