Weniger Aufmerksamkeitsfokus – mehr Kreativität?
"Es gibt eine Tendenz, aufmerksamkeitsbezogene Zustände wie ADHS rein durch die Brille des Defizits zu betrachten: Was ist falsch, was fehlt oder was muss repariert werden", sagt die Neurowissenschaftlerin Dr. Radwa Khalil. Sie erforscht an der Constructor University, einer privaten Hochschule in Bremen, Prozesse im menschlichen Gehirn. Nun hat sie Erkenntnisse aus verschiedenen Forschungsdisziplinen in einer Übersichtsarbeit zusammengeführt und kommt zu dem Ergebnis: Aufmerksamkeit und Kreativität verfügen über gemeinsame neurologische Mechanismen, nutzen dieselben Netzwerke im Gehirn. Und ausgerechnet da, wo die Aufmerksamkeit ins Trudeln gerät, könnte umso mehr Platz für Kreativität sein.
Lockerer Fokus - mehr Platz für Geistesblitze
Radwa Khalil erklärt dieses sogenannte "Knowledge Access Model" so: Man müsse sich Aufmerksamkeit wie einen Scheinwerfer vorstellen, der sich auf eine einzige Sache bündele. Bei ADHS sei der Lichtkegel breiter, nehme mehr Informationen auf einmal wahr. Das erschwere die Konzentration, aber: "Dieser weitere Blickwinkel oder die 'defokussierte Aufmerksamkeit' fördert exploratives Denken und neue Ideenkombinationen, die die Kreativität befeuern", so die Forscherin. Wichtig: Das Ganze funktioniert nur situationsabhängig. ADHS macht nicht automatisch kreativ; vielmehr zeigt die Review, dass kreative Stärke und ADHS-Alltagsprobleme sich aus der gleichen Quelle speisen, nämlich Problemen mit der Fokussierung.
Wer loslässt, kommt auf Ideen
Auch Menschen ohne ADHS kennen das Phänomen mitunter: Wenn die Gedanken auf Wanderschaft gehen, man den Fokus (unbewusst) von etwas löst und sich etwa in Tagträumerei verliert oder, wie es so schön heißt, "Löcher in die Luft starrt" – dann kommt es manchmal zu überraschenden Erinnerungen, kreativen Einfällen und zündenden Ideen.
Auch Schmerz und Kreativität hängen zusammen
Es ist nicht Dr. Radwa Khalils erste Forschungsarbeit rund um die Frage, wie Kreativität in unserem Gehirn entsteht, welche Areale aktiv sind und was das für andere neuronale Phänomene bedeutet. Erst kürzlich hat sie mit einem internationalen Team eine Übersichtsarbeit zur Frage publiziert, wie Kreativität und Schmerz zusammenhängen. Auch hier kam heraus: Schmerz und Kreativität nutzen überlappende Hirnregionen, etwa die für Aufmerksamkeit und kognitive Kontrolle zuständigen Areale. Und das heißt: Das eine Phänomen kann das andere potenziell beeinflussen.
Kreativ gegen den Schmerz
Studien zeigen bereits, dass kreative Aufgaben die Wahrnehmung von Schmerz lindern können, weil die Aufmerksamkeit ein Stück weit "abgezogen" wird und gleichzeitig Belohnungsnetzwerke aktiviert werden. Andersherum kann akuter Schmerz Kreativität hemmen, weil er Ressourcen bindet und "zuspitzt".
Neue Therapieansätze?
Aus all den genannten Erkenntnissen leitet sich die Idee ab, dieses Wissen beispielsweise für neue therapeutische Ansätze zu nutzen. Gleichzeitig verweist Neurowissenschaftlerin Khalil darauf, dass es noch viele offene Fragen gebe und die Wissenschaft immer noch nicht in Gänze begreift, wie das Gehirn funktioniert und wie Kreativität mit anderen neuronalen Prozessen verwoben ist.
Links/Studien
Attention unleashed: Creative therapy for thoughtful transformation
Pain as muse: How creative acts flourish in the shadow of struggle
Autor: MDR WISSEN / DS
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