Warum sich mehr Menschen gegen Kinder entscheiden – und was die Politik tun muss
- Viele Menschen wünschen sich eigentlich Kinder, bekommen aber wegen unsicherer Rahmenbedingungen keine.
- Bevölkerungsforscherin Katharina Spieß fordert mehr familien- und bildungspolitische Investitionen.
- Familienforscher Tilmann Knittel geht davon aus, dass wieder mehr Kinder geboren werden, wenn sich die Weltlage stabilisiert.
Im vergangenen Jahr sind in Deutschland so wenige Babys geboren worden wie noch nie – seit 1946. Seit vier Jahren sinkt die Zahl Jahr für Jahr weiter, in den östlichen Bundesländern deutlicher als in den westlichen. Das hat das Statistische Bundesamt mitgeteilt.
Ein Grund liegt auf der Hand, erklärt Tilmann Knittel, Soziologe am Cornelia-Helfferich-Institut für Geschlechter- und Familienforschung in Freiburg: "Es fehlt zunehmend die Elterngeneration, was sich in besonderer Ausprägung in Ostdeutschland zeigt. Die Kinder, die nach Wende und Wiedervereinigung nicht geboren worden sind, wären jetzt im typischen Alter, Eltern zu werden. Die gibt es aber nicht."
Zwischen Einstellungswandel und Zukunftsängsten
Hinzu kommt laut Knittel, dass die Zahl der Geburten je Frau stark rückläufig ist. Der Familienforscher und sein Team bemerken in ihren Befragungen einen deutlichen Einstellungswandel: Es sei weniger selbstverständlich, Kinder zu bekommen. Mehr Menschen seien der Überzeugung, man könne auch ohne Kinder glücklich sein.
Die Gründe, keine Kinder zu bekommen, hätten oft mit Ängsten zu tun, sagt Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen, die regelmäßig Befragungen zum Thema macht. "Viele Bürger haben Angst, nicht genügend Geld zu haben, dass sich Karriere schlecht mit Familie vereinbaren lässt, Angst vor Scheidung, Angst vor einer unsicheren Zukunft für die Kinder, Angst, den falschen Partner zu erwischen."
Lücke zwischen Kinderwunsch und tatsächlichen Geburten
Elternschaft sei aber nicht out, betont Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Es gebe einen "Fertility Gap", einen Unterschied zwischen Kinderwunsch und dessen Umsetzung.
"Wir sehen, dass Menschen sich Kinder wünschen, aber ihre Wünsche nicht umsetzen." Genau an diesem Punkt könne die Politik ansetzen. "Woran liegt das eigentlich? Liegt das daran, dass wir eine unzuverlässige Kinderbetreuung haben? Dass die Mieten zu hoch sind? Dass wir in Deutschland wirtschaftlich gerade eine instabile Situation haben und Menschen sich Sorgen machen, wie ihre Kinder vor dem Hintergrund der globalen Krisen zukünftig aufwachsen?"
Bevölkerungsforscherin: Politik muss handeln
Trotz weniger Geburten sollte die Politik in Kinder, Jugend, Familien und Bildung investieren, fordert Bevölkerungsforscherin Katharina Spieß. Damit sich wieder mehr Menschen für Kinder entscheiden und die Menschen später länger arbeiten könnten.
Der Trend zu weniger Geburten sei schon lange bekannt, die Politik müsse dringend ins Handeln kommen und das Sozialsystem anpassen. "Deshalb müssen wir schneller ins Tun kommen, wenn wir zum Beispiel das Pflegethema angehen wollen. Was machen wir, wenn eine große Anzahl von Menschen pflegebedürftig wird? Wenn die Babyboomer genau in diese Jahre kommen, in denen das Risiko, pflegebedürftig zu sein, massiv zunimmt?"
Familienforscher: Negativtrend nicht überbewerten
Aktuell gehen viele der sogenannten Babyboomer in Rente – ein internationaler Sonderfall, sagt Familienforscher Tilmann Knittel. Die Rentenfinanzierung und der Fachkräftemangel seien bekannte Probleme, auf die der Staat sich einstellen müsse.
Knittel warnt aber auch, den Trend nicht zu überzeichnen. Für ihn ist klar: Wenn sich die globale Situation wieder verbessert, wird wahrscheinlich auch die Geburtenzahl wieder steigen.
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