Die Ostalgie lebt in Schwepnitz in Themenzimmern
Zwei Sätze hören die Ehrenamtlichen im DDR-Museum ín Schwepnitz am häufigsten: "Weißt Du noch, das hatte Mutti? Das hatte die Oma", erzählt Mario Gerbet. Er hilft im Museum im alten Glaswerk mit und sieht, "wie die Leute dann an Exponaten lange stehen bleiben und sich die Geschichten von damals erzählen". Da höre er gerne hin, mische sich auch mal ein und freue sich, "dass wir den Leuten und uns einfach eine schöne Zeit gönnen wollen". Am ersten Maiwochenende ist das Museum mit einem Oldtimertreffen, Flohmarkt und der überarbeiteten Ausstellung in die neue Saison gestartet. Rund 1.000 Menschen seien am 1. Mai da gewesen, erzählt Gerbet am Sonntagvormittag, als es etwas ruhiger ist.
Wir haben alles umgeräumt und neugestaltet, weil wir viele wiederkehrende Besucher haben.
"Schmiechen" als Spielzeug
In der Sonne schlendert Martin Höfer mit seiner Familie über den Flohmarkt. Auf dem werden überzählige Sachen aus der DDR-Sammlung auch verkauft. Während er sich bei den Werkzeugen umsieht, hat seine Tochter ein Stühlchen aus einer DDR-Kinderkrippe ins Herz geschlossen und sich hingesetzt. "Vielleicht finden wir ein Spielzeug für die Tochter", erzählt die Mutter. Viele der DDR-Sachen im Trödel auf dem Gelände kennt sie von ihrer Mutter und Großmutter. Beim Blick auf DDR-Kittelschürzen in verschiedenen Größen und Farben am Kleiderständer sagt sie: "Meine Oma kenne ich zu Hause nur mit Kittelschürze."
Für Martin Höfers (li.) kleine Tochter (Mi.) hat sich der Besuch auf dem DDR-Flohmarkt schon gelohnt. Sie hat einen neuen Zollstock zum Spielen bekommen.Bildrechte: Kathrin KönigDerweil ist Martin Höfer fündig geworden und kommt mit fünf Zollstöcken zurück. "Die Schmiechen brauche ich, weil meine Tochter gerne damit spielt und auch kaputt bekommt." Der junge Familie ist aus Hochkirch gekommen, um auf dem DDR-Flohmarkt zu stöbern. Er hätte zu gerne für sich einen Trabi oder Wartburg. Aber weil die Zeit für Oldtimer fehle, müsse er sich einstweilen mit sechs DDR-Simsons in der Garage begnügen. In Schwepnitz hofft er auf ein paar Ersatzteil-Funde. "Ich finde die Technik klasse, einfach zum Schrauben und nicht so kompliziert."
Erinnerungen an Wandertage mit DDR-Trinkflasche
Keine so weite Anreise wie die Höfers hatte Falco Rumpel. Der 38-Jährige wohnt in Schwepnitz und wollte sehen, was neu im Museum ist. Seine Freundin Madlen Klemmt ist zum ersten Mal mit und freut sich vor allem über die Küchengeräte. Am schönsten findet sie die Trinkflaschen von Pneumant. "Da durften wir früher nur Früchtetee oder Wasser einfüllen, sonst verfärbten sich die Flaschen", erinnert sich die 42-Jährige. Dann wird ihre Freude noch größer beim Anblick von Plaste-Brotdosen. "Die nehme ich heute noch! Sie sind scheinbar unkaputtbar. Manche Kollegen gucken da schon neidisch", erzählt sie lachend.
Interessant, dass das Glas aus dem Glaswerk Schwepnitz hier auch ausgestellt ist.
Madlen Klemmt (li.) war zum ersten Mal im Museum und durfte ausnahmsweise fürs Foto eine Brotbüchse aus DDR-Produktion anfassen. Eine davon hat sie selbst noch im täglichen Gebrauch. Ihr Freund Falco Rumpel aus Schwepnitz hatte nur eine kurze Anreise.Bildrechte: Kathrin KönigNeues Themenzimmer für 2026
So wie den beiden geht es den meisten beim Blick auf lange vergessene DDR-Gegenstände, die auf rund 2.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zu sehen sind. Die meisten reden laut über ihre Erinnerungen. Es gibt 15 Themenzimmer, in denen Spielzeug, Schulsachen, Musikinstrumente, aber auch Radios, Fernseher, Kinderroller und Superfest-Glaswaren aus dem Schwepnitzer Glaswerk ausgestellt sind.
Ein Zimmer ist neu in diesem Jahr. Helfer Mario Gerbet nennt es "das neue Bakelit-Zimmer". Dafür seien die NVA-Exponate verringert worden. "Bakelit ist ein Kunststoff, der in verschiedene Formen gepresst werden konnte und megainteressant ist, auch schon vor DDR-Zeiten." Vor der Erfindung von Plaste - oder Plastik - wurden seit 1907 vor allem Lichtschalter, Steckdosen, Radios, Telefone und Küchengeräte aus Bakelit geformt.
Berühmt geworden ist das VEB-Glaswerk Schwepnitz mit seinen Superfest-Gläsern. Aber auch andere Produkte aus dem Betriebsverbund standen in Millionen Haushalten.Bildrechte: Kathrin KönigRundgang mit Aha-Effekten
Beim Rundgang durchs Gebäude des einstigen VEB Sachsenglas Schwepnitz sind neben Alltagsutensilien und Verpackungen auch Bilder des Kommunisten-Führers Lenin und Bücher über beide Weltkriege zu sehen, dazwischen Bildnisse der DDR-Staatschefs Ulbricht und Honecker, aber auch AfD-Werbung. "Wir sehen uns als weitgehend unpolitisch. Das AfD-Plakat bezieht sich auf deren Simson-Werbung für Ausfahrten", erklärt Gerbet und führt weiter aus: "Geschichte können wir nicht verändern. Damit müssen wir umgehen. Wir wollen allen zuhören und sind für einen offenen Umgang."
Im DDR-Museum gehe es um den Erhalt der Ostalgie. Jahrelang hätten der Museumschef Uwe Jähnig und er Sachen aus DDR-Zeiten "einfach gerettet und wegverstaut". Dann seien sie auf den Gedanken gekommen, all das auszustellen. Wenn Gerbet bei den Besuchern "lachende Gesichter sieht, ist das genau unser Ansinnen. Dass man sich erinnert." An die Menschen in der Region hat er noch eine Bitte: "Leute, wenn Ihr irgendwo noch etwas findet, nicht wegwerfen, das DDR-Museum nimmt es gerne entgegen."
Holzlineale und Dreiecke in vielen Größen: Die hatte jeder DDR-Schüler mal in seinem Schulranzen.Bildrechte: Kathrin KönigWeiterführende Links
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