• Die Künstlerin Sung Tieu hat für die jetzt startende Kunstbiennale in Venedig den Deutschen Pavillon in einen Plattenbau verwandelt.
  • Mit Henrike Naumann und Sung Tieu bespielen erstmals zwei Künstlerinnen mit Ost-Biografie den Deutschen Pavillon.
  • Ihre gemeinsame Ausstellung "Ruin" setzt sich auch kritisch mit der Nazi-Architektur des Pavillons auseinander.

Wer vor dem Deutschen Pavillon auf der 61. Kunstbiennale in Venedig steht, erkennt grauen Beton, Balkone und Graffiti. Drei Millionen Mosaiksteine aus italienischem Marmor formen diese täuschend echte Außenfassade eines Berliner Plattenbaus. Die Künstlerin Sung Tieu hat der faschistischen Architektur des Pavillons aus dem Jahr 1938 eine neue Hülle gegeben.

Die Künstlerin Sung Tieu verwandelte den Deutschen Pavillon in einen Berliner Plattenbau. "Human Dignity Shall Be Inviolable" ist bis Ende November 2026 zu sehen.Bildrechte: Sung Tieu, Foto: Andrea Rossetti

Die Vorlage bildete die Fotografie eines Berliner Wohnblocks in der Gehrenseestraße im Osten Berlins. Hier hat die Künstlerin Sung Tieu einige Jahre mit ihrer Mutter gelebt. Es war eines der größten Wohnheime für Vertragsarbeitende in der DDR. Nach der Wiedervereinigung wurde der Komplex von verschiedenen migrantischen Gemeinschaften weiterbewohnt. Inzwischen sind die Gebäude in Privatbesitz und werden momentan abgerissen – ein neues Wohnquartier soll entstehen.

Die ehemaligen Wohnheime für vietnamesische Vertragsarbeiter im Osten Berlins waren Sung Tieus Vorlage für die Gestaltung des Deutschen Pavillons.Bildrechte: picture alliance / Caro | caro images / Andreas Muhs

Der Plattenbau als Monument

"Für mich ist die Gehrenseestraße ein Monument für die Geschichte dieser Vertragsarbeiterinnen und auch für die Geschichte der vietnamesischen Community, die heute noch in Deutschland lebt", sagte Sung Tieu MDR KULTUR zur Eröffnung in Venedig. "Oft wird vergessen, wie die Menschen dahin kamen, was ihre Lebensumstände waren und wie lange es gedauert hat, bis diese Menschen ein Bleiberecht in Deutschland bekommen haben."

Mit Henrike Naumann (links) und Sung Tieu (rechts) haben erstmals Künstlerinnen mit Ost-Biografien den Deutschen Pavillon in Venedig gestaltet.Bildrechte: Foto: Victoria Tomaschko

Mit dem Titel "Human Dignity Shall Be Inviolable (Die Würde des Menschen ist unantastbar)" verweist Sung Tieu auf Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes. Genau das war für viele Bewohnerinnen und Bewohner keine Selbstverständlichkeit.

Prekäre Bedingungen für vietnamesische Vertragsarbeiter

Zwischen 1980 und 1990 waren etwa 70.000 vietnamesische Vertragsarbeitende und Auszubildende als Teil sozialistischer Solidaritätsverträge in der DDR angestellt, um den Arbeitskräftemangel auszugleichen. Strenge Verträge regelten ihre Aufenthaltsdauer. Es gab nur kurze Sprachkurse, Partnerschaften mit Menschen aus der DDR waren nicht gern gesehen. Schwangerschaften waren untersagt und hatten entweder die Ausreise oder Abtreibung zur Folge.

Das Werk "But The Flesh Is Weak" hat Sung Tieu ihrer vietnamesischen Mutter gewidmet.Bildrechte: Sung Tieu, Foto: Andrea Rossetti

Die Künstlerin Sung Tieu wurde 1987 im vietnamesischen Hải Dương geboren. Ihr Vater war Vertragsarbeiter in der DDR, sie und ihre Mutter kamen 1992 nach Sachsen. Ihre Werke im Deutschen Pavillon hat sie ihrer Mutter gewidmet. Zu sehen sind unter anderem Glasabgüsse von deren Händen und Füßen, gezeichnet von jahrelanger schwerer körperlicher Arbeit.

Ostdeutschland als innere Front

Mit Henrike Naumann hat Kuratorin Kathleen Reinhardt eine weitere Künstlerin eingeladen, die sich seit vielen Jahren ausgehend von den Verbrechen des NSU mit der jüngsten deutschen Geschichte auseinandersetzt. Der von ihr konzipierte Hauptraum des Pavillons ist komplett in mintgrün gestrichen – eine oft eingesetzte Wandfarbe in sowjetischen Kasernen auf dem Gebiet der DDR.

Die Zwickauer Künstlerin Henrike Naumann hat den Innenraum des Deutschen Pavillons in Venedig gestaltet, Titel der Arbeit: "Die Innere Front".Bildrechte: Henrike Naumann, Foto: Jens Ziehe, Berlin

Kettenhemden formen einen überdimensionalen Vorhang, ein eiserner Vorhang, der auffällig viele Löcher hat. Gemusterte Gardinen vor den Fenstern sind gezeichnet von Einschusslöchern und Narben in Form von Reißverschlüssen. Stühle reihen sich wie eine Zeitlinie durch die deutsche Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts.

Henrike Naumann, geboren 1984 in Zwickau (DDR), fragte immer wieder, wie sich politische Umstände in Ästhetik niederschlagen. An ihren Wänden in Venedig begegnen sich Ost und West: Ein großer Reliefrahmen – inspiriert von erzgebirgischen Dioramen traditioneller Bauernstuben – zeigt ein graues Zimmer im Stil des Neuen Deutschen Designs. Gegenüber hängt die Nachbildung eines sozialistischen Wandbildes.

Die im Februar gestorbene Henrike Naumann konnte ihre Konzeption für den Deutschen Pavillon noch fertigstellen.Bildrechte: Henrike Naumann, Foto: Jens Ziehe, Berlin

Vorbild ist "Die Mechanisierung der Landwirtschaft", ein Wandbild ihres Großvaters, des Künstlers Karl Heinz Jakob. Entstanden 1960 für den Rat von Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), befindet es sich heute im Gebäude der Industrie- und Handelskammer in Chemnitz, wo es seit 2002 von einer Trockenbauwand verdeckt ist. "Mein Lebensziel ist es, es eines Tages wieder freizulegen", sagte Naumann einmal über das Bild. Persönliche und politische Geschichte greifen auch hier ineinander – die DDR war zwar in den 80er-Jahren auf der Biennale in Venedig vertreten, jedoch nie im Deutschen Pavillon.

Künstlerische Auseinandersetzung mit Nazi-Architektur

1909 als Bayerischer Pavillon errichtet, wurde das Gebäude 1938 zum Manifest nationalsozialistischer Baukunst. Für die Erweiterung wurde der Schriftzug "Germania" in die Fassade gemeißelt und das Gebäude um vier Meter erhöht. Adolf Hitler persönlich genehmigte den Entwurf. Viele Künstlerinnen haben sich schon an der Geschichte des Pavillons abgearbeitet, sind dieser oft mit Zerstörung begegnet.

Henrike Naumann spannt mit ihrer Arbeit "Die Innere Front" den Bogen zurück bis zu den Folgen des Zweiten Weltkriegs und erinnert an ein Wandgemälde ihres Großvaters Karl Heinz Jakob.Bildrechte: Henrike Naumann, Foto: Jens Ziehe, Berlin

Die "schlimmste Vernichtung", so wird Naumann im Katalog zitiert, scheint die zu sein, "es sich gemütlich zu machen. Den ganzen Dreck nicht immer wieder wundernd und kopfschüttelnd auszugraben und erschüttert zu sein, sondern zu sagen: Das ist die Normalität, mit der wir aufgewachsen sind, und die Realität, die dieses Land geprägt hat und weiter prägen wird. Wir machen es uns im Deutschen Pavillon gemütlich, und spüren an allen Ecken und Kanten, dass es gemütlich hier nicht gibt".

Eröffnung des Deutschen Pavillons unter Trauer

Die Eröffnung des Pavillons wird begleitet von tiefer Trauer: Nach kurzer und schwerer Krankheit ist Henrike Naumann am 14. Februar 2026 im Alter von 41 Jahren an den Folgen einer zu spät diagnostizierten Krebserkrankung verstorben. Noch bis kurz vor ihrem Tod hatte sie für den Deutschen Pavillon Objekte ausgewählt, Möbel bestellt, Farben festgelegt und ihr Konzept präzisiert. Die Realisierung der Installation in Venedig erfolgte in enger Zusammenarbeit mit ihrem Studio und wurde im Sinne ihrer künstlerischen Vision als Gemeinschaftsarbeit umgesetzt.

Deutscher Pavillon Venedig 2026: Sung Tieu : "They Have Eyes, But They See Not, They Have Ears, But They Hear Not" (Sie haben Augen, aber sehen nicht, sie haben Ohren, aber hören nicht)Bildrechte: Sung Tieu, Foto: Andrea Rossetti

Das Ifa – Institut für Auslandsbeziehungen ist als Kommissar für den Beitrag des Deutschen Pavillons der Biennale Arte di Venezia verantwortlich. Deutsche Beiträge gewannen bereits sieben Goldene Löwen, davon viermal als bester nationaler Beitrag: 1984 Lothar Baumgarten und A. R. Penck, 1986 Sigmar Polke, 1990 Bernd und Hilla Becher, 1993 Hans Haacke und Nam June Paik, 2001 Gregor Schneider, 2011 Christoph Schlingensief und 2017 Anne Imhof.

Informationen zur Ausstellung:

"Ruin" von Henrike Naumann und Sung Tieu
61. Kunstbiennale Venedig

9. Mai bis 22. November 2026

Adresse:
Deutscher Pavillon (German Pavilion)
Giardini della Biennale, 30010 Venezia VE, Italien

redaktionelle Bearbeitung: sg

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