Warum geschlechtersensible Medizin auch für Männer wichtig ist
Inhalt des Artikels:
- Warum Frauen schlechter erforscht sind
- Wie sich Herzinfarkte bei Frauen äußern
- Welche Krankheiten oft zu spät erkannt werden
- Warum geschlechtersensible Forschung wichtiger wird
Internistin Ute Seeland legt bei Patientin Sabine Drygala eine Manschette an, misst den Blutdruck. Für Drygala ein Kontrolltermin, es geht um Blutwerte, Hormone, Routine. Sie leidet unter Schwäche und Erschöpfung.
Um Ostern herum musste sie wegen unspezifischer Beschwerden den Notarzt rufen. Das war merkwürdig meinte sie, der Rückten tat nicht weh, die Arme waren wie in einem Schraubstock. "Das war mir so ein bisschen komisch und auch die ständige Übelkeit. So eine Übelkeit hatte ich noch nie und das war der ausschlaggebende Punkt".
Der Grund: Ein Herzinfarkt. Das Sabine Drygala überhaupt darauf kam, dass hinter ihren Beschwerden etwas so Ernstes stecken könnte, verdankt sie einem Zufall: Davor hatte sie einen Bericht über Ute Seeland und über Geschlechtersensible Medizin in Magdeburg gesehen. Und von unterschiedlichen Signalen für einen Herzinfarkt bei Mann und Frau gehört.
Geschlechtersensible Medizin: Was hinter dem neuen Ansatz steckt
Hier, an der ersten Ambulanz für geschlechtersensible Medizin in Deutschland, versucht Ute Seeland, genau solche Fälle anders zu betrachten. Seit einem Jahr leitet die Internistin die Einrichtung. Vier von fünf Patienten sind Frauen, viele von ihnen in den Wechseljahren, einer Zeit, in der sehr viel im Körper passiert, sich Symptome schwer einordnen lassen.
In der klassischen Medizin werden Krankheiten meist entlang von Organen und Fachgebieten gedacht. Die geschlechtersensible Medizin setzt an einem anderen Punkt an: Sie fragt, wie biologisches Geschlecht, Lebensphase und soziale Faktoren zusammenwirken. Nicht nur Hormone spielen eine Rolle, sondern auch Alter, Lebensumstände oder Umweltbelastungen.
Gender-Data-Gap in der Medizin: Warum Frauen schlechter erforscht sind
In den vergangenen Jahrzehnten tickte die Medizin anders. Viele medizinische Studien seien über Jahrzehnte vor allem mit männlichen Probanden durchgeführt worden, erläutert Ute Seeland – Medikamente überwiegend an Männern oder männlichen Versuchstieren getestet worden. Teils aus Gewohnheit, teils aus praktischen Gründen.
Wenn wir gar keine Medikamente haben, die für Frauen mit Zyklus zugelassen sind, aber wir die Medikamente trotzdem einsetzen, (...) dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Nebenwirkungen oder beziehungsweise unerwünschte Wirkungen auftreten und das ist auch gefährlich.
Diese Unschärfe bei den Unterschieden zwischen den Geschlechtern hat allerdings für den weiblichen Körper konkrete Folgen: Arzneimittel wirken mitunter anders, Nebenwirkungen treten häufiger oder in anderer Form auf: "Wenn wir gar keine Medikamente haben, die für Frauen mit Zyklus zugelassen sind, aber wir die Medikamente trotzdem einsetzen, (...) dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Nebenwirkungen oder beziehungsweise unerwünschte Wirkungen auftreten und das ist auch gefährlich", sagt sie.
Frauen und Männer sind anders krank (zum Ausklappen)
Das doppelte Depressionsparadox
Männer nehmen sich häufiger das Leben als Frauen – drei- bis viermal so oft. Dabei begehen Frauen häufiger Suizidversuche als Männer. Außerdem wird bei ihnen doppelt so häufig eine Depression diagnostiziert. Man spricht auch von einem Depressionsparadox. Warum aber werden Männer seltener diagnostiziert? Weil sie nicht zum Arzt gehen, sie unbestimmte Symptome zeigen?
Krankheiten, die nicht ins Raster passen
Schätzungsweise zwei Millionen Frauen in Deutschland sind von Endometriose betroffen. Trotzdem haben laut Endometriose-Vereinigung sehr viele Betroffene noch nie von ihrer Diagnose gehört. Fehldiagnosen werden der Vereinigung zufolge häufiger gestellt wie die richtige – sie reichen über Entzündungen der Eierstöcke, psychische Beschwerden oder Prämenstruelles Syndrom (PMS).
Obwohl jeder fünfte Mann ab 50 Jahren an Osteoporose erkrankt, wird diese als Frauenkrankheit wahrgenommen. Männer mit typischen Frauenkrankheiten – wie zum Beispiel Osteoporose. Bei Knochenschwund erhalten Männer oft spät eine korrekte Diagnose. Das Problem: Die medizinischen Folgen von Brüchen sind bei Männern schlimmer als bei Frauen.
Gleiches Medikament, andere Wirkung
Viele Medikamente wurden an Männern getestet. Und lange galt die Frau in der Medizin als der kleinere Mann. Aber: Frauen und Männer unterscheiden sich durch deutlich mehr als nur den Hormonhaushalt und dem Körperfett-Anteil. Deutlich wird das unter anderem bei ASS, also dem Wirkstoff von Aspirin. Bei Männern kann ASS 100 zur Herzinfarkt-Vorbeugung helfen – bei Frauen weniger. Bei einigen scheint ASS das Schlaganfall-Risiko zu senken. Natürlich immer alles in Absprache mit einem Mediziner.
Herzinfarkt: Wer überlebt und wer stirbt
Herz-Kreislaufkrankheiten sind in Deutschland die Todesursache Nummer eins. Dem Robert Koch-Institut zufolge verursachen sie insgesamt etwa 40 Prozent aller Sterbefälle. Allen voran Herzinfarkte. Auch hier wieder ein Paradox: Männer erleiden häufiger einen Herzinfarkt – Frauen überleben ihn seltener. Der Grund: Die Signale für einen Herzinfarkt bei Frauen sind grundsätzlich andere als bei Männern: Kalter Schweiß, Übelkeit, Rückenschmerz – alles recht unspezifisch. Daher werden die Symptome seltener erkannt als bei Männern.
Risiko Vergessen
Alzheimer-Demenz ist weiblich: Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen. Nun könnte man einwenden, dass Frauen statistisch gesehen ja auch älter werden, aber ein Vergleich zwischen gleichaltrigen Frauen und Männern zeigt: bei den Frauen ist der Alzheimer dann oft weiter fortgeschritten.
Autoimmunkrankheiten
Frauen sind deutlich häufiger von Autoimmunkrankheiten betroffen: Bis zu vier von fünf Patienten mit Autoimmunerkrankungen sind weiblich. Das wird dem stärkeren Immunsystem und hormonellen Faktoren der Frau zugeschrieben. Eine Folge kann sein, dass eine Autoimmunkrankheit beim Mann später diagnostiziert wird.
Krebs – Männer im Alter häufiger betroffen und mit Vorsorgeproblem
Über die Lebenspanne hinweg erkranken mehr Männer an Krebs (50,7 Prozent) als Frauen (42,8 Prozent). Ab dem 70. Lebensjahr erkranken Männer dann doppelt so oft wie Frauen, auf die Chemotherapie nicht so gut zugeschnitten ist wie auf Männer – mit oft schlimmeren Nebenwirkungen.
Problemzone Geschlecht
Frauen bekommen regelmäßig eine HPV-Untersuchung. Männer nicht – diese Viren führen aber auch bei Männern zu Krebs. Und während bei Frauen inzwischen ein systematisches Brustkrebs-Screening etabliert ist, ist die Prävention beim Prostatakrebs nicht annähernd auf dem Stand des Brustkrebses. Dabei erkrankt jeder sechste Mann an Prostatakrebs.
Lebenserwartung
Frauen leben im Schnitt mehrere Jahre länger als Männer. Aber: Diese zusätzlichen Jahre sind häufig von Krankheit geprägt. Frauen leben länger – aber nicht unbedingt gesünder.
Unterschiede bei Krankheiten: Wie sich Herzinfarkte bei Frauen äußern
Und auch Krankheiten zeigen sich nicht immer gleich. Beim Herzinfarkt etwa gelten Brustschmerzen und ein ausstrahlender Schmerz im Arm als klassische Symptome – typisch für Männer. Frauen berichten häufiger von unspezifischen Beschwerden: Übelkeit, Erschöpfung oder Schmerzen im Rücken, in den Armen, kalter Schweiß. Das kann dazu führen, dass ein Infarkt später erkannt wird.
Frauen, die zum Arzt gehen, sollten schon genau darauf achten, dass die Symptome, die sie schildern, auch ernst genommen werden.
Sabine Drygala hat das erlebt. Heute sagt sie, sie habe ihren Körper vorher anders gelesen. In der Ambulanz fühlt sie sich ernst genommen – nicht nur mit einzelnen Symptomen, sondern in ihrer gesamten Lebenssituation. "Das gibt mir Ruhe", sagt sie. "Ich weiß jetzt: Es ist etwas, das man verstehen und behandeln kann."
Warum geschlechtersensible Medizin nicht nur Frauen betrifft
Seeland geht es nicht nur um Frauen. "Geschlechtersensible Medizin ist keine reine Frauenmedizin. Das ist sehr wichtig", betont Seeland, die zugleich Inhaberin der ersten Vollzeit-Stiftungsprofessur für geschlechtersensible Medizin in Deutschland an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg ist. Allerdings sei auch richtig, sich wegen des sogenannten Gender-Data-Gaps auf Frauen zu konzentrieren, "weil es da einfach die Daten nicht gibt".
Männer in der Medizin: Welche Krankheiten oft zu spät erkannt werden
Doch Männer profitieren von einem differenzierteren Blick. Bei bestimmten Erkrankungen gebe es auch dort Verzerrungen, ein sogenanntes Bias. "Bei den Männern haben wir genauso ein Bias bei bestimmten Erkrankungen. Das liegt einfach daran, dass bestimmte Konstellationen, wie zum Beispiel das Immunsystem bei Frauen und Männern unterschiedlich reagieren", sagt Seeland.
Autoimmunerkrankungen etwa gelten als typische Frauenkrankheiten, entsprechend richtet sich der Fokus der Forschung auf sie. Männer werden seltener diagnostiziert oder später erkannt. Ähnlich ist es bei Osteoporose. Als Frauen-Problem betrachtet, wird sie bei Männern oft übersehen – was Seeland zufolge zu einer höheren Sterblichkeit bei Männern nach Oberschenkelhalsbruch führen kann.
Warum geschlechtersensible Forschung wichtiger wird
Für Ute Seeland liegt die Herausforderung deshalb weniger in einzelnen Diagnosen als im System. Mediziner müssten lernen, biologische, aber auch soziokulturelle Unterschiede systematisch mitzudenken – in der Forschung ebenso wie in der Praxis. Am Ende gehe es um etwas, das selbstverständlich klinge und doch weitreichend sei: die Unterschiede zwischen Menschen ernst zu nehmen. Eine Medizin, die genauer hinsieht, sei nicht komplizierter, sagt Seeland – sondern gerechter.
An der Universitätsklinik in Magdeburg bildet sie Studierende bereits in diesem Ansatz aus und arbeitet sowohl in der Grundlagen- als auch in der Versorgungsforschung: "Ich denke, durch eine gute Ausbildung und durch ein gutes Verständnis von den Unterschieden des weiblichen und des männlichen Körpers können wir enorm viele Fortschritte machen. Und das klingt zwar banal, aber diese Unterschiede zu kennen, ist im Prinzip eine gerechtere Medizin."
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