Schauspielerin Angelica Domröse ist tot
- Angelica Domröse wurde am 4. April 1941 geboren und wuchs im zerstörten Berlin auf.
- Nach Engagements am Theater und in mehreren Kino- und Fernsehfilmen spielte sie 1973 ihre meist erinnerte Rolle als Paula in "Die Legende von Paul und Paula".
- 1976 unterschrieb sie die Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, reiste in der Folge 1980 aus der DDR aus und schaffte es, eine weitere Karriere in West-Berlin zu starten.
"Um neun ins Bett! Muss doch noch etwas anderes geben, als schlafen, arbeiten und wieder schlafen und arbeiten, und das mit 23 Lenzen", stellte Paula in Heiner Carows Kultfilm "Die Legende von Paul und Paula" fest. Angelica Domröses Augen strahlten in der Überzeugung, dass es noch mehr geben müsse im Leben: mehr Lebenslust, Liebe und Abenteuer. Aber ihre Stimme verriet immer, dass ihr Traum vom Glück in Zeiten tiefer Traurigkeit entstand.
Muss doch noch etwas anderes geben, als schlafen, arbeiten und wieder schlafen und arbeiten.
Sie wurde am 4.4.1941 als Kriegskind in Berlin Mitte geboren, ihr leiblicher Vater soll ein jüdisch-französischer Zwangsarbeiter gewesen sein, ihr Stiefvater ein Tyrann. Ihre Kindheit beschrieb sie als "ohne Wärme". Aber die geteilte Großstadt Berlin lehrte sie zu überleben, nämlich dadurch, "dass sie mir nie Angst gemacht hat. Dass sehr lange Wege zur Schule waren. Dass sie kaputt war. Und dass man als Kind große Instinkte entwickelt, wo es mehr gibt, wo es bunter ist und so weiter". So erinnerte sich die Schauspielerin im MDR KULTUR-Café.
Angelica Domröse 1959 in "Verwirrung der Liebe" von Slatan DudowBildrechte: MDR/DEFA Stiftung, honorarfrei Mit sechzehn Jahren bewarb sie sich an der Filmhochschule, wurde aber zunächst nicht genommen. Mit siebzehn setzte sie sich gegen 1.500 Konkurrentinnen durch und erhielt eine Hauptrolle in Slatan Dudows Film "Verwirrung der Liebe". Auf Empfehlung der Regielegende durfte sie dann doch ins laufende Schuljahr der Schauspielklasse einsteigen. Danach engagierte Helene Weigel sie ans Berliner Ensemble.
"Am Berliner Ensemble engagiert gewesen zu sein, damals, bedeutete, dass es auch in die Lebensbereiche reinging", berichtete Domröse dem MDR: "Das war nicht nur zum Theater gehen und jobben, sondern das war, was man las, wie man angezogen war, was man für Musik hörte. Das hat einen sehr, sehr beeinflusst, diese sechs Jahre."
Durchbruch für Domröse im Kino mit "Effi Briest"
Umso größer war die Verzweiflung, als "die Weigel" sie 1966 entließ. Aber Angelica Domröses Talent bestand auch darin, ihre Chancen im Unglück zu erkennen. Sie wechselte an die Volksbühne, traf dort auf den Schweizer Regisseur Benno Besson, der das Theater für neue Experimente öffnete.
Domröse 1970 als "Effi Briest", Regie: Wolfgang Luderer.Bildrechte: MDR/RBB/DRA/Hans-Jürgen HoeftmannGleichzeitig drehte sie Kino- und Fernsehfilme. Zu Ruhm gelangte sie 1970 mit Theodor Fontanes "Effi Briest". Auch so eine tragische Frauenfigur, die sich nach Sinnlichkeit und Liebe sehnt und aus dem Gefängnis preußischer Moralvorstellungen ausbrechen will. 1973 traf sie dann gemeinsam mit Winfried Glatzeder in "Die Legende von Paul und Paula" den Nerv der Zeit. Paula hat die Nase voll von Kompromissen. Sie will glücklich sein. Auf Pauls Halbherzigkeit, der ihr Freundschaft anbietet, reagiert sie mit einer Ohrfeige.
Paul (Winfried Glatzeder) will Paula zurückerobern und campiert vor ihrer Wohnungstür, doch Paula steigt am Morgen über ihn hinweg.Bildrechte: mdr/rbb/PROGRESS Film-Verleih/Herbert KroissDas Ende der Unschuld
Der Erfolg war riesig, aber nur von kurzer Dauer. Als Angelica Domröse und ihr zweiter Ehemann Hilmar Thate 1976 die Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann unterschrieben, wurde es einsam um die beiden Stars. "Da war nichts mehr mit Unschuld", bilanzierte Domröse: "Im Gegenteil: Man wird krank, man sucht nämlich die ganze Wohnung nach Wanzen ab, das ist die eine Sache, die geht vielleicht noch. Aber man guckt den Freunden anders ins Auge und hat immer einen Verdacht. Und so kann man eigentlich nicht leben."
1980 reisten beide aus der DDR aus, fanden bei dem Intendanten Boy Gobert erst in Hamburg, dann am Berliner Schillertheater eine neue Heimat, bauten eine zweite Karriere auf und waren hochangesehene Künstler in der West-Berliner Kulturszene. Angelica Domröse arbeitete mit Peter Zadek und Michael Haneke, trat in der Regie von George Tabori als Stalin auf, drehte fürs Fernsehen und schrieb ihre Autobiografie, Titel: "Ich fang mich selbst." Darin war auch von ihrer Alkoholsucht die Rede.
Angelica Domröse hat auch in Hörspielen mitgewirkt, hier 1999 im MDR-Studio. Bildrechte: MDR/Matthes40 Jahre Ehe mit Hilmar Thate
Nach dem Tod von Hilmar Thate 2016 hat man nur noch wenig von ihr gehört, die beiden waren vierzig Jahre miteinander verheiratet. Und was wurde aus Paula? Rückblickend fällt auf, dass diese Frauenfigur, die Millionen Mut machte, die alles wollte, Glück, Liebe, Kinder, im Film sterben musste. Aber manchmal emanzipiert sich die Kunst von ihren Erfindern. Angelica Domröse ist tot. Paula lebt.
Während einer Liebesnacht geht Paula auf eine imaginäre Reise, umrahmt von Frauen ihrer Familie.Bildrechte: mdr/rbb/PROGRESS Film-Verleih/Herbert KroissRedaktionelle Bearbeitung: lm
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