• Mit seinem Auftritt in der DDR 1983 schrieb Udo Lindenberg deutsch-deutsche Geschichte.
  • Autor Jörg Schieke erinnert sich aber auch noch an die Schuldisko 1983: als Lindenberg verboten war.
  • Für die SED blieb er schwer einzuschätzen – DDR-Bands wie Transit übernahmen trotzdem seinen Duktus.

Manche Episoden, damals aus dem Jugendleben im Osten, erscheinen mir heute wie eigens für dieses Format erlebt – für das Format "Zeitzeuge". Zeitzeuge in Sachen Udo Lindenberg in der DDR zum Beispiel.

Udo Lindenberg: das Original mit der Leierstimme

Höre ich heute dieses alte Swing-Stück, "Chattanooga Choo Choo", die Originalkomposition von "Sonderzug nach Pankow",  ist sofort der deutsche Text da. Und überhaupt der ganze Udo Lindenberg mit seiner Leierstimme und den, wie ich noch immer finde, vielen meisterhaften Texten.

Dieses ganze Durcheinander von feinstem Kitsch ("Du kannst dir echt nicht vorstell‘n, wie sehr ich dich geliebt hab‘"), experimenteller Worterfindung und genauer Alltagsbeobachtung. Am besten zu fassen mit Udos eigenen Vokabeln: ein bisschen "Udopia" und ein bisschen "Panik auf der Titanic", "zwischen den Knien" vielleicht "der Tank voll Benzin". Auf jeden Fall "gegen die Strömung und gegen den Wind", "in den Lederjackentaschen dicke Feuerwasserflaschen" und voll gegen den "Spießertran".

Und zwischendrin der "Oberindiander" (Erich Honecker) und das "Mädchen aus Ostberlin", denn Udo wollte ja damals so gern für uns mal singen, für seine "Freunde in der DDR". Und das hat er dann auch geschafft, am 25. Oktober 1983 im Palast der Republik.

Schuldisco in der DDR und ein verbotenes Lied

1983, jenes Jahr, in dem sich an der Erweiterten Oberschule in Stralsund, der Hansa-EOS – der "Penne" – eine Geschichte zutrug, die seinerzeit einen jungen Mann den Studienplatz kostete und doch auch schon so etwas wie das erste Signal zum politischen Aufbruch war. Ich, damals Schüler der Elften, erinnere mich sehr gut an diese Schuldisco mit einem aus der Zwölften als Discjockey. Einem, der als Schauspieltalent galt und im Stralsunder Theater schon in mancher Jugendrolle geglänzt hatte. Ein Typ, der auch wegen seiner rhetorischen Erfindungsgabe und seinem politisch ungebundenen Witz bei seinen Mitschülern eine beliebte Erscheinung war.

Udo Lindenberg und sein Panikorchester spielten 1983 erstmals in der DDR, waren aber gerade noch verboten.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die große Enttäuschung aus Sicht der Parteileitung der Hansa-Oberschule war dann auch gar nicht, dass dieser "ideologisch unreife Abiturient" bei jener Schuldisco das – zu dieser Zeit in der DDR natürlich verbotene – Lied vom Sonderzug nach Pankow spielte. Sondern, die große Enttäuschung war, dass die Tanzfläche rammelvoll war. Inzwischen war die Staatssicherheit aktiv geworden und hatte die Schulleitung verständigt und zu Erziehungsmaßnahmen aufgefordert. Niemand von uns anderen, so der Vorwurf, war mutig genug gewesen, dem DJ auf die Anlage zu hauen und so diese Attacke gegen den Genossen Honecker wirksam zu bekämpfen. Im Gegenteil, viele waren vor Freude über dieses Lied regelrecht ausgeflippt!

Udo Lindenberg war wohl überhaupt eines der heißesten Eisen damals für die Kulturoberen der DDR.

MDR-Autor Jörg Schieke

Was tun? Man konnte ja kaum dreißig, vierzig Leute von der EOS schmeißen, wohl aber den Anführer, jenen DJ also, der seinen Studienplatz – Schauspiel, ein hochbegehrter Platz – verlor und, wenn ich mich richtig erinnere, auch von der Schule relegiert wurde.

Für die SED eine schwierige Personalie

Udo Lindenberg – auch wegen solcher Geschichten – war wohl überhaupt eines der heißesten Eisen damals für die Kulturoberen der DDR. Keiner besang so drastisch auch die Missstände im Westen, das Alkoholmädchen und die Junkies und die Einsamkeit des Einwandererjungen ("Ali ist ein Türkenjunge…"). Aber anders als dem Liedermacher Hannes Wader oder der Politrockband "Floh de Cologne" konnte man Udo nun beim besten Willen nicht den klaren Klassenstandpunkt – die geheime Gefolgschaft mit der SED – anheften. Mensch Udo!

Einfluss auf Bands in der DDR: die Gruppe "Transit" 1982 in der Jugendfernsehsendung "Rund" – Egon Linde (zweiter von links) konnte singen wie Udo.Bildrechte: picture alliance / ZB | Günter Gueffroy

All die Kassetten und schließlich ja sogar eine Amiga-LP bezeugten am Ende immer wieder nur Udos Lust am Unruhe-Stiften und seine geheime Gefolgschaft mit der deutschen Sprache, mit ihren unendlichen Möglichkeiten von Reim und Übertreibung, Verballhornung und tiefschürfender Metapher:

Hinterm Horizont geht’s weiter!

Udo gehörte in der DDR genauso wie in der Bundesrepublik ins Repertoire einer Jugend, die sich mit der alten Ordnung von Eltern und Großeltern anlegen wollte. Der, der in der DDR wiederum am besten Udo nachsingen konnte, hieß Egon Linde und gehörte zur Band Transit. Ihre Songs "Ich fahr' an die Küste" oder "Ein Mädchen wie du für mich warst" ließen sich auf die Udo-Kassette durchaus mit raufschmuggeln. Zu Transit-Konzerten ging man eben auch deshalb, weil Linde so ähnlich wie Lindenberg klang.

Udo Lindenberg durfte zumindest nach dem Mauerfall natürlich erst recht im Osten singen, und nun wird er achtzig! Und der Stralsunder Abiturient, der seinerzeit mutig – oder vielleicht auch nur naiv genug – war, diesen Song zu spielen? Ist später doch noch Schauspieler geworden und in diesem Beruf heute hochgeachtet.

Redaktionelle Bearbeitung: lm

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