Eigentlich wissen wir doch alle ungefähr, wie ein gesundes Leben auszusehen hat: viel Gemüse essen, regelmäßig bewegen, ausreichend schlafen, Stress vermeiden. Und obwohl die meisten Menschen möglichst lange leben und dabei gesund bleiben möchten, treffen die wenigsten ausschließlich vernünftige Entscheidungen in Sachen Lebenswandel: Es gibt eine Kluft zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir tun. Oder auch: eine Intentions-Verhaltens-Lücke, so der Fachbegriff.

Willenskraft verliert gegen Evolution

Nun ist es einfach, das Ganze unter "Solche Menschen sind einfach zu weich und haben nicht genug Willenskraft!" zu verbuchen. Doch genau gegen diese Lesart wenden sich die Autorinnen eines Positionspapiers, das nun im European Journal of Neurology veröffentlicht wurde. Sie führen bisherige Forschungsergebnisse zum Thema zusammen und sagen: Wenn wir zu oft zu Süßigkeiten greifen, es uns nicht gelingt, früh (und ohne dann noch ewig am Smartphone zu daddeln!) ins Bett zu gehen, wenn der Schweinehund einfach immer so viel stärker ist als wir selbst – dann hat das nicht oder zumindest nicht nur mit fehlender Willenskraft zu tun. Sondern auch mit unserer Erziehung und der menschlichen Evolution.

Der innere Höhlenmensch hat Hunger

In dem Papier wird etwa der Lebensbereich Ernährung genauer beleuchtet. Unser Organismus sei darauf getrimmt, sich möglichst viele Kalorien einzuverleiben – um in eventuell kommenden Hungerperioden überleben zu können. Die konnten in der Urzeit eben vorkommen, der menschliche Körper passte sich an. Und heute? Stehen wir vor prall gefüllten Supermarkt-Regalen voller Süßigkeiten, die das neuronale Belohnungszentrum kitzeln, weil wir evolutionär, in den Tiefen unseres Stammhirns, schlicht immer noch in Höhlen wohnen. Und weil diese neuronale Belohnung sich so gut anfühlt, essen wir zu viel und zu ungesund, obwohl wir es besser wissen.

Sport? Lieber schonen für den Kampf!

Gleiches gilt beim Thema Bewegung. Auch der innere Schweinehund ist ein evolutionäres Überbleibsel, so die Forscherinnen. Er will uns eigentlich etwas Gutes: Den Körper vor Belastung und (vermeintlichem) Stress in Form von angespannten Muskeln, hohem Puls und hoher Atemfrequenz schützen. Mit den eigenen Kräften haushalten, um dann, wenn der Säbelzahntiger angreift oder ein Mammut erlegt werden muss, einsatzfähig zu sein - so denkt sich das unser Gehirn. Die Tiere gibt es heute nicht mehr, den Mechanismus im menschlichen Gehirn aber schon.

Muster aus der Kindheit

Neben evolutionären Einflüssen benennen die Forscherinnen auch die individuelle Erziehung als maßgeblichen Faktor der sogenannten Lifestyle Dissonanz. Das fängt schon da an, dass, wenn man als Kind für erwünschtes Verhalten oder gute Schulnoten mit Süßigkeiten belohnt wurde, diese Verbindung uns oft bis ins Erwachsenenalter verfolgt. So greifen wir nach einem harten Arbeitstag oder einem anstrengenden Streit fast schon automatisch zur Schokolade: weil der Pfad "Anstrengung fordert Belohnung, Schokolade ist Belohnung" seit Kindestagen in unserem Gehirn so ausgetreten ist, dass es schwerfällt, einen anderen einzuschlagen.

Wie Gewohnheiten sich selbst verstärken

Aber auch im Erwachsenenleben können sich solche Mechanismen noch herausbilden. Als Beispiel nennen die Autorinnen das Schlafverhalten: Viele Menschen bleiben abends oft länger auf, als sie sollten – und obwohl sie wissen, dass sie den Schlaf dringend bräuchten. Vor allem gestresste Menschen bleiben lieber noch bis in die Nacht vor dem Fernseher sitzen, weil sie glauben, so eine Art Freizeit-Ausgleich zu betreiben. Hier entsteht ein Feedback Loop: Durch den Schlafentzug fällt es dem Gehirn noch schwerer als ohnehin schon, solche Muster zu erkennen und zu durchbrechen. Und am nächsten Abend? Hängen wir erneut übermüdet mit der Hand in der Chipstüte vor dem Fernseher, statt einfach mal schlafen zu gehen.

Belohnungs-Fixierung des Gehirns nutzen

Sind wir also am Ende einfach nur Opfer unseres Schicksals? Keineswegs, sagt die Neurologin Daniela Berg, eine der Autorinnen des Positionspapiers. Im Gegenteil: Gerade wenn man diese Mechanismen kenne, könne man sie auch durchbrechen. Denn wo Rückkopplungsschleifen dazu führen, dass wir ein ungesundes Verhalten "lernen", da könne man genau diese Schleifen eben auch nutzen, um ein gesundheitsförderndes Verhalten zu trainieren. Berg hat hierfür ein konkretes Beispiel aus dem Sportler-Alltag: "Wir bewegen uns von Natur aus nicht ohne triftigen Grund. Erfolgreiche Sport-Motivationsprogramme setzen daher bereits auf unmittelbare Incentives, die für die Ausschüttung von Glückshormonen sorgen, sei es der eingeblendete Pokal auf der Laufuhr, Punkte auf einem Bonuskonto oder ein hohes Ranking bei Gamification-Ansätzen, zum Beispiel Challenges", erklärt die Neurologin.

Was tun, um die Lücke zu schließen?

Die einzelnen Erkenntnisse zur Funktionsweise unseres Gehirns, zu seiner evolutionären Prägung und den in uns eingeschriebenen Süßhunger, auf die sich die Forscherinnen beziehen, sind dabei nicht neu. Sie plädieren jedoch dafür, dieses Wissen stärker zu berücksichtigen und einen Perspektivwechsel zu vollziehen, sowohl im Alltag als auch in Forschung und Politik: Weg vom Vorwurf des schwachen Willens, hin zu mehr Verständnis und Wissen. Was heißt das für den Einzelnen? Berg und Co. entwerfen eine Top 3 an Empfehlungen, die sich an den neurologischen Erkenntnissen orientieren und Menschen helfen sollen, die Lücke zwischen ihrem Gesundheitswissen und ihrem Lebensstil zu verkleinern:

Sei geduldig: Das Bilden neuer Gewohnheiten erfordert viele Wiederholungen. Eingelernte Mechanismen verändern sich nur langsam, da sie sich meist über Jahre entwickelt und stabilisiert haben. Eine Veränderung ist möglich, auch wenn sie viel Geduld erfordert.

Sei verständnisvoll: Wir sollten anerkennen, dass wir bei Müdigkeit oder Stress instinktiv in alte Routinen zurückfallen, ohne uns dafür zu verurteilen. Ein vorübergehender Rückfall bedeutet nicht, dass eine langfristige Verhaltensänderung unmöglich ist. Stattdessen sollten realistische Erwartungen entwickelt werden, basierend auf dem Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen.

Plane voraus: In Phasen von Ruhe und Entspannung fällt es uns leichter, unser Verhalten bewusst zu steuern. Daher ist es hilfreich, Entscheidungen im Voraus zu treffen (z. B. Einkaufslisten schreiben, Sporteinheiten planen, Schlafroutinen festlegen), um schwierige Situationen besser zu bewältigen.

Wissen statt Scham und Frust

Darüber hinaus fordern die Forscherinnen auch Konsequenzen für den Bereich Public Health: "Nur wer weiß, dass bei ihm oder ihr neurobiologische Mechanismen das Verhalten steuern, kann sich dem erfolgreich widersetzen. Wir müssen Prävention daher neu aufstellen, denn mit Appellen wie 'Tu dies' oder 'Lass jenes' lassen sich keine nachhaltigen Verhaltensänderungen herbeiführen", erklärt die Neurologin Daniela Berg. "Wir müssen vermitteln, warum es zu dieser Lebensstil-Dissonanz kommt und warum es so schwer ist, Änderungen umzusetzen." Denn ein gesundes Leben sei eben nicht immer nur eine Frage des Willens, entsprechend müsse das Thema von Scham, Frust und (Selbst)Vorwürfen befreit werden.

Links/Studien

Understanding Lifestyle Dissonance: A Neurobiological Narrative to Strengthen Preventive Health Behavior

Autor: MDR Wissen / DS

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