Beim Hamburger Stadtderby erteilt der FC St. Pauli dem Aufsteiger HSV ein paar bittere Fußballlektionen – und stellt die Machtverhältnisse klar.

Merlin Polzin kann schreien. In der ZDF-Dokureihe "Always Hamburg" über den sehr langen Aufstieg des Hamburger Sportvereins erlebt man einen jungen Trainer, der so sehr aus der Fassung geraten kann, dass die Kabinenwände wackeln – oder besser: erschrocken das Wackeln einstellen. 

Aber gegen das, was den HSV bei seinem ersten Bundesliga-Heimspiel seit mehr als sieben Jahren erwartete, war Polzins Stimme machtlos: Mit dem Anpfiff des Spiels erhob sich von den Rängen des Volksparkstadions ein Getöse, in dem seine Rufe vom Spielfeldrand untergingen, wie ein Regentropfen in einem Wasserfall verschwindet. 

FC St. Pauli klärt die Machtverhältnisse

Etwa 90 Minuten später hätte man Polzin wieder besser hören können: Die fußballerischen Machtverhältnisse in der Hansestadt waren erst einmal geklärt, zu Ungunsten des HSV. Das Volksparkstadion-Publikum, das mit so großen Erwartungen angereist war, nahm diese Tatsache schweigend zur Kenntnis. Zu deutlich war geworden, dass Strebsamkeit allein nicht reicht, um in einem Erstliga-Spiel zu bestehen. Kommen Harmlosigkeit und Unachtsamkeit dazu, endet der frühe Rausch in Ernüchterung. 0:2, so das Ergebnis. 

Bundesliga HSV-Pleite im Stadt-Derby gegen St. Pauli

Der Fußballtag begann viele Stunden vorher auf den Straßen von Hamburg: In großen Blöcken zogen die Fans beider Mannschaften, getrennt voneinander, Richtung Volkspark, die HSV-Anhänger zu Fuß, die Paulianer auf dem Rad, was bei den Hamburger Verkehrsverhältnissen immer eine gute Entscheidung ist. Besonders, wenn Einsatzkräfte der Polizei die Straße freihalten von schlechtgelaunten Autofahrern. 

Nennenswerte Zusammenstöße gab es keine, die Gruppen waren so getrennt unterwegs, wie sie es später auch im Stadion sein sollten. Dort entrollten die Besucher der Nordtribüne vor Spielbeginn ein Riesentransparent mit den Worten "Gemeinsam gegen alle", und darüber entfaltete sich das Bild zwei Löwen, die das Hamburger Stadtwappen bewachen. Löwen in Hamburg? Sind die aus München entlaufen? Später im Spiel antwortete die Gästekurve mit einem offenbar schnell hingemalten Schriftzug: "Gemeinsam gegen alle? Alleine in der Falle!"

HSV gerät unter Stress

Die ersten Minuten prägten das spätere Geschehen: Ein Abtasten gab es nicht, es war ein Umtreten, Umschubsen, Umkickboxen. Die Paulianer begrüßten die HSV-Spieler auf Kiez-Art, als wollten sie ihn zeigen: Das ist erste Liga hier, Digga.

Der HSV dagegen wollte früh zeigen, dass er spielerisch mithalten kann, die Spieler schafften in den ersten Minuten das, was man im Training Stationen nennt: Der Ball rollt stetig von Spieler zu Spieler, und alle bewegen sich. Zu einem Erstliga-Spiel wurde es dadurch, dass auch St. Pauli spielen wollte und nicht verhindern. So kann Fußball aussehen, wenn zwei Trainer sich etwas Konstruktives ausgedacht haben für den sogenannten Spielplan.

Mit einem Eckentrick, den der HSV-Trainer so eher nicht erwartet haben dürfte, geht St. Pauli in der 19. Minute in Führung. Ein kurz gespielter Ball, Mathias Pereira Lage nimmt ihn auf und spielt ihn scharf in den Strafraum, dort kommt der HSV-Spieler Mirko Muheim nicht dran, der Pauli-Spieler Adam Zwigala aber umso besser. 0:1. 

Zum Nachmachen auch in niederen Spielklassen unbedingt empfohlen: kurz, kräftig, drin.

Von da an setzt St. Pauli den HSV, wann immer es geht, unter Stress: Die Gäste attackieren früh, die Hausherren fühlen sich permanent auf die Füße getreten. Das hatten sie sich anders vorgestellt. Der Effekt für St. Pauli: Wenn ein Gegenspieler den Stress nicht aushält, wenn er wegrutscht oder wegknickt, ist der Weg zum Tor frei, und bald steht Danel Sinani fast mutterseelenallein vor dem HSV-Tor, und doch geht der Ball vorbei. Was schreit Polzin da? Man kann ihn nicht hören. 

Das mit dem Stationen-Fußball ist bald vorbei: Viele HSV-Spieler verzetteln sich auf der Suche nach einem Mitspieler, dann kommt ein St. Pauli-Spieler und grätscht den Ball in Seitenaus. Endstation-Fußball. St. Pauli selbst, hat es einmal den Ball, erteilt dem HSV ein paar Lektionen im Nachlaufen. Sehr unangenehm. 

Der letzte Laufweg der ersten Halbzeit findet,führt den HSV in die Kabine. Vielleicht sind dort ein paar Ideen versteckt. 

Und okay: Eine Idee bringen die Spieler mit in die zweite Hälfte. Wenn wir schon laufen müssen, dann lassen wir unseren Schnellsten wenigstens vorlaufen. Ransford Königsdörfer läuft so lange, bis der Ball im Tor ist, doch welch Malheur: Er lief aus dem Abseits los. Millimeter-Entscheidung, sagen die Fachkollegen vor den Monitoren auf der Pressetribüne. 

Hamburger Stadtderby endet 0:2

Das 0:2 in der 60. Minute ist dann ein Dämlich-Dämlich-Clever-Tor. Dämlich von Giorgi Gosholeishvili, dass er sich so leicht ausspielen lässt, dämlich vom HSV-Torwart Daniel Heuer Fernandes, dass er sich nicht entscheiden kann, ob er rauskommen soll, clever vom Pauli-Angreifer Andreas Hountondji, dass er so lange an Heuer-Fernandes vorbeiläuft, bis der Winkel fast obszön spitz erscheint, aus dem er von links kommend ziemlich genau den rechten Torpfosten anvisiert. Drin.  

Mancher HSV-Spieler scheint sich in den Folgeminuten vorzukommen wie in einem Alptraum, in dem man noch einmal zur Abi-Prüfung erscheinen muss, komischerweise ohne Unterhose. Gosholeishvili weiß sich in der 77. Minute nur noch durch ein taktisches Foul zu helfen, sieht Gelb-Rot und darf sich zu den Kabinenwänden gesellen.  

Die Nummer eins in Hamburg, so der Stand im Spätsommer 2025, ist der so seriös spielende wie wirtschaftende Stadtteilklub, den bitte niemand mehr Underdog nennen sollte. Die Straßenköter von der Reeperbahn haben die Löwen aus dem Volkspark einfach weggekläfft. Der bessere Fußball wird in Hamburg in dieser Saison wohl am Millerntor gespielt werden. Der HSV dagegen fängt noch mal bei Null an. Seine Spieler werden viel laufen müssen, bis es läuft.

wue
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