„Mit Tätern diskutiert man nicht, die nimmt man fest“
Personalisierte Eintrittskarten, KI-Gesichtserkennung, zentral verfügte Stadionverbote – ab Mittwoch tagt die Innenministerkonferenz (IMK) in Bremen. Ganz oben auf der Agenda stehen geplante Maßnahmen für mehr Sicherheit in den Stadien und damit weniger Polizei-Einsatzstunden.
Kommt jetzt der „gläserne Fan“? Das ist die Befürchtung der Ultras, die im Vorfeld der IMK auf die Barrikaden gehen, zum Beispiel mit einem Protestmarsch in Leipzig vor dem Länderspiel gegen die Slowakei, an dem bis zu 20.000 Anhänger teilgenommen hatten. Und seit zwei Spieltagen mit einem zwölfminütigen Stimmungsboykott in den Bundesliga-Stadien.
Am Samstag zeigten dann die Ultras des FC Bayern, was sie von dem Vorhaben der Innenminister halten. Sie präsentierten ein Plakat in Richtung des bayrischen Innenministers Joachim Herrmann. „Populismus können wir genauso. Unschuldsvermutung auch für Fans statt nur für CSU-Amigos“, stand darauf geschrieben. Herrmann hatte in der Vergangenheit schärfere Maßnahmen in Stadien gefordert.
Ein anderes Plakat richtete sich gegen Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD), der die Arbeitsgruppe (BLoAG) „Fußball ohne Gewalt“ leitet. „Grote schwingt wieder seinen Unverhältnismäßigkeitspimmel“, hieß es neben einer Abbildung des Politikers, der ihn mit einem Schlagstock zeigt, den er aus seiner geöffneten Hose hält. Grote gilt als Hardliner. Auch in anderen Stadien der 1. und 2. Liga wurde der Unmut über die Politik der Innenminister adressiert.
Die aktive Fanszene sieht sich zu Unrecht im Visier der Politik. Sie fordert von DFB, DFL und Vereinen, die diskutierten Sicherheitsverschärfungen abzuwenden. Und mehr Mitspracherecht. „Schluss mit den Verhandlungen hinter verschlossenen Türen, Stopp der Pläne und Start eines offenen und faktenbasierten Dialogs zur Stadionsicherheit mit allen Beteiligten“, fordert Danny Graupner vom Dachverband der Fanhilfen e. V.
Für Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), ist das Maß längst voll: „Diese Leute werden viel zu wichtig genommen. Sie sollten von der Sicherheitsdebatte ausgeschlossen werden. Mit Tätern diskutiert man nicht, die nimmt man fest. Ich rede doch auch nicht mit einem Ladendieb darüber, wie viel er stehlen darf.“
Während die Fanszenen monieren, die Gleichsetzung von Pyrotechnik mit Gewalt zeige, „dass jegliches Verständnis für Fankultur fehlt“, sind für Wendt die Ultras, die Böller, Raketen und Bengalos im vollbesetzten Block zünden, „Hooligans und Schwerverbrecher, die Menschen in Lebensgefahr bringen.“
Um sie zu identifizieren und zu sanktionieren, plädiert er für eine weitere Aufrüstung der Video-Überwachung in den Stadien inklusive Gesichtserkennungs-Software. Die Polizei in Bayern, NRW und Hessen nutzt bereits die Software „Gotham“ des US-Unternehmens Palantir. Gegen deren Einsatz läuft aber eine Verfassungsbeschwerde wegen datenschutzrechtlicher und verfassungsrechtlicher Bedenken.
DFL, DFB und Vereine verweisen auf Statistiken
DFL, DFB und Vereine betonen derweil: Die Stadien sind sicher – und verweisen auf die Statistik der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS). So wurden in der vergangenen Saison in der Bundesliga, 2. und 3. Liga sowie im DFB-Pokal rund 22 Prozent weniger Strafverfahren durch die Polizei eingeleitet. Auch wurden 17 Prozent weniger Personen verletzt. Bei insgesamt 25,26 Millionen Zuschauern in den ersten drei Ligen wurden 1107 Verletzte registriert.
Fakt ist aber auch: Unter den Verletzten waren neben 160 Polizisten und 89 Ordnern auch 624 Unbeteiligte. Und: Beim Missbrauch von Pyrotechnik gab es eine Steigerung um 73 Prozent auf knapp 4800 Verstöße.
Um den Stadion-Zündlern das Handwerk zu legen, setzte die IMK nach dem Sicherheits-Gipfel im Herbst 2024 die Arbeitsgruppe (BLoAG) „Fußball ohne Gewalt“ unter der Federführung von Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) ein, der als Hardliner gilt. Genau wie Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD), die Gäste-Fans bei den brisanten Derbys von Hannover 96 gegen Eintracht Braunschweig teilweise ausgeschlossen hat und zusammen mit Grote der IMK über die Ergebnisse der BLoAG berichtet.
Schon am vorigen Dienstag informierten DFL-Geschäftsführer Marc Lenz und DFB-Präsident Bernd Neuendorf per Video-Schalte die 36 Profiklubs, was sie mit der Politik – vorläufig – aushandeln konnten. Mit der Einschränkung, die IMK könne trotzdem andere Beschlüsse fassen.
Die Details der vorläufigen Verhandlungen
- Angedrohte Kollektivstrafen wie Zuschauer-(Teil-)Ausschlüsse sind vorerst vom Tisch – Ausnahmen wie in Niedersachsen aber möglich. Auch soll die Verweigerung behördlicher Spielgenehmigungen wie im Fall von Unterhaching, das Anfang 2025 sein Drittliga-Spiel gegen Rostock aus Sicherheitsgründen nicht austragen durfte, vermieden werden. Voraussetzung: Die Klubs verstärken ihre Präventivmaßnahmen, etwa durch die geplante Erhöhung der Fan- und Sicherheitsbeauftragten, und die Einzeltäter-Verfolgung.
- Personalisierte Tickets werden nicht eingeführt. Die Politik folgt den Argumenten des Fußballs: Bei der WM und EM würden sie zwar funktionieren, aber vornehmlich als Instrument im Kampf gegen den Schwarzmarkt. In der Bundesliga würden sie das Aus der Stehplätze bedeuten, die zur Fankultur gehören. Auch würde die Überprüfung, ob der Name auf dem Ticket mit dem Personalausweis übereinstimmt, in Stadien mit 50.000 Zuschauern und mehr wie in Dortmund, Hamburg, München oder Köln zu viel Zeit in Anspruch nehmen.
- Eine zentrale, unabhängige Kommission zur Festsetzung von Stadionverboten wird nicht eingesetzt. Über Stadionverbote entscheiden weiterhin lokale Kommissionen der Klubs. Aber: Es wird eine sogenannte „Rechts- und Fachaufsicht“ installiert, aufgehängt beim DFB, die eine einheitliche Anwendung der Stadionverbots-Richtlinien gewährleisten soll. An diese können sich die Behörden wenden, etwa wenn die Polizei dem Verein hinreichende Beweise für die Einleitung eines Stadionverbots-Verfahrens zur Verfügung gestellt hat, der Klub aber nichts gegen den Täter unternimmt.
Hintergrund: Die Politik wirft dem Fußball vor, nicht konsequent und einheitlich mit Stadionverboten gegen die Chaoten vorzugehen. Auch der ZIS-Bericht kritisiert, dass die Vereine das Mittel Stadionverbot „weitestgehend ungenutzt lassen“. Realität ist: Zahlreiche Klubs werden – Beispiel Hansa Rostock – von ihren Ultras dominiert.
Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify, Apple Podcasts oder direkt per RSS-Feed.
Unter dem Strich wird der „gläserne Fan“ diesmal wohl noch verhindert werden. Doch sicher sein dürfen sich weder Ultras noch Vereine. Denen sitzt die Politik auch beim Thema zusätzliche Polizeikosten bei Hochrisikospielen im Nacken. Gebührenbescheide an die DFL erhebt bisher nur Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) bei Risikospielen von Werder.
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke