Die Mission des Alfred Gíslason beginnt in Hannover. Dorthin versammelt der deutsche Handball-Bundestrainer seinen Kader an diesem Sonntag erstmals. Gíslason hat nun elf Tage Zeit, seine Mannschaft bestmöglich auf den schweren Start in die Europameisterschaft einzustellen. Schon in der Vorrunde im dänischen Herning warten echte Hammer-Gegner. Es geht gegen Österreich (15. Januar), Serbien (17. Januar) und Spanien (19. Januar).

Frage: Die Frauen haben im Dezember sensationell WM-Silber gewonnen. Mit viel Selbstvertrauen und einem unglaublichen Teamgeist. Eine Blaupause für die Männer?

Alfred Gíslason: Ja, genau so wollen wir auch auftreten.

Frage: Worauf lag Ihr Fokus bei der Kader-Nominierung?

Gíslason: Wir haben viel Wert auf die Abwehr gelegt. Und auf Flexibilität, darauf, dass wir möglichst viele Spieler haben, die mehrere Positionen spielen können. Ansonsten ist das eine sehr junge Mannschaft. Sie gehört nicht zu den erfahrensten, hat aber inzwischen viel Erfahrung miteinander und ist gut eingespielt. Wir rechnen uns aus, dass wir mit dieser Konstellation sehr gut bestehen können.

Frage: Mit Andreas Wolff, Rune Dahmke und Jannik Kohlbacher sind drei Europameister von 2016 dabei. Was können sie dem Team geben?

Gíslason: Andi gehört seit zehn Jahren zu den besten Torhütern der Welt. Er ist ein extrem wichtiger Spieler, unsere klare Nr. 1. Rune ist aus meiner Sicht einer der besten Abwehrspieler überhaupt und für eine Mannschaft, besonders für die Jüngeren, extrem wichtig. Kohli fehlte letztes Jahr, weil er operiert werden musste. Dieses Jahr spielt er höchstwahrscheinlich seine beste Saison.

Frage: Wie sehen Sie die Entwicklung von Juri Knorr seit seinem Wechsel nach Aalborg?

Gíslason: Er hat ihm gutgetan. In Mannheim lastete viel Verantwortung auf ihm. In Aalborg kämpft er um seinen Platz in einer starken Mannschaft, spielt Champions League und profitiert von der dänischen Lockerheit.

Frage: Für die EM-Nominierung bekamen Sie nicht nur Applaus, vor allem wegen des Verzichts auf Berlins Tim Freihöfer.

Gíslason: Wir haben uns für Dahmke entschieden, weil wir überzeugt sind, dass er der Mannschaft aktuell mehr geben kann als andere Kandidaten. Am Ende entscheiden wir immer im Sinne der Mannschaft.

Frage: Bob Hanning von den Füchsen sieht es anders, hat Ihre Auswahl kritisiert.

Gíslason: Jeder sieht seinen Verein aus eigener Perspektive. Es ist aber schon ungewöhnlich, dass ein anderer Nationaltrainer (Hanning trainiert Italien; Anm. d. Red.) unsere Entscheidungen öffentlich kritisiert. Freihöfer hat bei uns eine gute Rolle gespielt, als er da war. Aber er spielt aktuell keine so starke Saison wie im vergangenen Jahr. Bob setzt sich sehr für seine Berliner Spieler ein, das kenne ich von ihm. Andere Funktionäre hätten ähnlich reagieren können, sind damit aber nicht an die Öffentlichkeit gegangen.

Frage: DHB-Präsident Andreas Michelmann erklärte unlängst, dass man sich Gedanken machen müsse, sofern die EM nicht erfolgreich verlaufen würde, ob Ihr Vertrag bis 2027 Bestand haben würde. Spüren Sie Druck?

Gíslason: Ja, nämlich den, den ich mir selbst mache. Druck von außen spüre ich nicht. Der interessiert mich auch nicht. Ich bin so lange dabei. Und habe viele Tiefen, aber viel, viel mehr Höhen erlebt. Ich bin einfach dankbar, meine absolute Leidenschaft als Job zu haben, und genieße die Arbeit mit den Jungs. Ich bin extrem zufrieden damit. Und ich hoffe, dass ich die Titel, die ich noch nicht habe, holen kann.

Frage: Ist eine Rückkehr in den Vereinshandball für Sie irgendwann noch ein Thema?

Gíslason: Ich glaube nicht. Ich hatte im vergangenen Jahr Anfragen von sehr guten Klubs. Trotzdem werde ich so lange weitermachen, wie mir diese Aufgabe Spaß macht und solange die Rahmenbedingungen passen.

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Frage: Zurück zur EM: Ist Dänemark der Topfavorit auf den Titel?

Gíslason: Ja. Sie sind der Maßstab. Dahinter gibt es etwa zehn Mannschaften, die einander schlagen können. Kroatien ist sehr weit, Europameister Frankreich ist da, Norwegen im Aufschwung und Portugal sehr stabil. Dänemark hat aber eine absolute Sonderstellung.

Frage: Ihr EM-Ziel?

Gíslason: Das Halbfinale. Und wenn wir dort sind, wollen wir natürlich mehr. Wir haben eine schwierige Gruppe und eine sehr schwere Hauptrunde. In der Vorrunden-Gruppe dürfen wir eigentlich keinen Punkt lassen – gegen Österreich, Serbien und vor allem Spanien. Danach kommen normalerweise Dänemark, Frankreich, Norwegen und Portugal. Das wird extrem schwierig, aber wir haben Ambitionen.

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in BILD AM SONNTAG veröffentlicht.

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