Die langfristige Logik des deutschen Aktienmarktes war stets eng mit der exportorientierten Wirtschaftsstruktur des Landes verknüpft. Über Jahrzehnte hinweg expandierte „Made in Germany“ im Zuge der Globalisierung kontinuierlich und bildete die Grundlage für eine stabile Bewertungsprämie am Kapitalmarkt. Seit dem Jahr 2025 steht dieses Modell jedoch vor einem seltenen Gegenwind.

Zwei zentrale externe Absatzmärkte verlieren gleichzeitig an Dynamik. In den Vereinigten Staaten bestehen die Zollbarrieren weiterhin. Trotz politischer Signale der Entspannung wirken hohe Zölle in Schlüsselindustrien wie der Automobil- und Stahlbranche nach wie vor belastend auf die deutschen Exporte. In China wiederum verändert der rasche Ausbau lokaler Produktionskapazitäten die Nachfragestruktur grundlegend. Von Elektrofahrzeugen bis hin zu hochwertiger Industrieausrüstung sinkt die Abhängigkeit Chinas von Importen spürbar, wodurch deutsche Exporte unter Druck geraten.
Dies ist keine kurzfristige Schwankung, sondern das direkte Ergebnis eines globalen industriellen Strukturwandels.

 

 

Vor diesem Hintergrund gewinnt der europäische Binnenmarkt zunehmend an Bedeutung als Stabilitätsanker für die deutsche Wirtschaft. Die Belebung des intraregionalen Handels hat den Rückgang der Exporte teilweise abgefedert und erklärt, warum sich der deutsche Aktienmarkt bislang robuster zeigt als die makroökonomischen Daten vermuten lassen. Dennoch ist Klarheit geboten: Die Binnennachfrage wirkt primär stabilisierend, nicht wachstumsstiftend. Eine ausschließliche Fokussierung auf den europäischen Markt reicht langfristig nicht aus, um die veränderte globale Nachfragestruktur zu kompensieren.

Tiefliegender ist die strukturelle Verwundbarkeit der deutschen Industrie selbst. Die starke Abhängigkeit von externer Nachfrage macht den Aktienmarkt besonders sensibel gegenüber globalen Konjunkturzyklen. Gleichzeitig stellt die Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten in Bereichen wie kritischen Rohstoffen, Halbleitern, Batterien und seltenen Erden ein latentes Risiko dar.
Diese strukturellen Einschränkungen deuten darauf hin, dass die zukünftige Entwicklung des deutschen Aktienmarktes weniger von der absoluten Exportmenge als vielmehr vom Tempo des industriellen Wandels bestimmt wird.

Genau hier eröffnen sich jedoch auch strukturelle Chancen. Künstliche Intelligenz und die Energiewende entwickeln sich zu potenziellen neuen Pfeilern der deutschen Wirtschaft. Deutschland verfügt über ausgeprägte Ingenieurskompetenz und eine starke industrielle Basis. Die entscheidende Frage ist, ob es gelingt, KI tief in bestehende Produktionsprozesse zu integrieren, um den Belastungen durch demografischen Wandel und steigende Kosten entgegenzuwirken.
Ähnliches gilt für den Energiesektor: Getrieben durch Europas Klimapolitik verfügen erneuerbare Energien, Energiespeicherung und Elektrifizierung über hohe langfristige Planungssicherheit.

Aus Sicht des Kapitalmarktes bedeutet dies, dass sich die zukünftigen Chancen im deutschen Aktienmarkt weniger aus völlig neuen Branchen ergeben, sondern vielmehr aus Effizienzgewinnen innerhalb bestehender Industrien. Gerade vermeintlich unspektakuläre industrielle Marktführer könnten im Zuge technologischer Aufrüstung und struktureller Neuausrichtung eine Neubewertung erfahren.

Vor diesem Hintergrund bleibe ich für die deutschen und europäischen Aktienmärkte im Jahr 2026 vorsichtig, jedoch nicht pessimistisch. Der Export-Gegenwind hält an, ist aber nicht unüberwindbar. Transformationsschmerzen sind unvermeidlich – sie markieren jedoch oft den Beginn eines neuen Zyklus.
Für Investoren liegt der entscheidende Punkt nicht in der Prognose kurzfristiger Kursbewegungen, sondern in der Identifikation jener Unternehmen, die strukturelle Anpassungsprozesse erfolgreich durchlaufen können.

Zyklen versprechen keine glatten Wege – sie belohnen Geduld.

Markus Vogt
Analyst für Makrozyklen und Asset Allocation
Chief Analyst, Harbour Arts Capital Management LTD (HACM)

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