Eine neue Dokumentation zeigt den Aufstieg des Footballs und der NFL in Deutschland von der Rand- zur Trendsportart. Dabei verlieren sich die Filmemacher aber in den Details.

Kann eine Sportart, die bislang nur in den Vereinigten Staaten riesige Popularität genießt, auch in anderen Ländern Fuß fassen? Die einfache Antwort darauf liefert die NFL seit mehreren Jahren: sie kann! Nachdem die Liga in London und Mexiko City einen Markt aufgebaut hat, ist seit 2022 nun auch Deutschland der Schauplatz eines jährlichen Saisonspiels. Über eine Million Ticketanfragen gibt es regelmäßig für das "Germany Game", das im vergangenen Jahr erstmals im Berliner Olympiastadion ausgetragen wurde. Wie der Weg der NFL nach Berlin führte, zeichnet nun die RTL-Dokumentation "The Game – Die NFL erobert Deutschland" nach.

Es ist der Januar 2025, als die NFL in einem 43-sekündigen Video ankündigt, wer im November des Jahres im Berliner Olympiastadion der Gastgeber sein wird. Nach 2023 kehren die Indianapolis Colts erneut nach Deutschland zurück. Es ist der Einstieg in einen von zwei Erzählsträngen, die Regisseur und Emmy-Preisträger ("Das Drama von Dresden", "Klitschko") Leopold Hoesch für seine Dokumentation gewählt hat. 

Monatelang folgt ein Kamerateam den Indianapolis Colts bei der Vorbereitung auf die Reise und das Gastspiel in der deutschen Hauptstadt. Mit den Protagonisten erzeugt Hoesch eine große Nähe und gewährt einen interessanten Blick hinter die Kulissen der Milliarden-Industrie NFL, hinter der alles perfekt orchestriert und doch ab und an banal wirkt. "Football ist in den USA mit großem Abstand die Nummer eins. Aber das ist nur ein Land, es gibt da draußen noch eine ganze Welt", philosophiert Ben Guerrero, Director of International bei den Colts. "Wenn wir das in Berlin richtig angehen, werden wir Fans für unsere Marke und unseren Sport gewinnen", lautet eine andere doch recht einfache Erkenntnis.

Jedes Detail zählt in der NFL – doch manchmal ist das in der Doku zu viel

Bernhard Raimann, aus Österreich stammender Spieler der Colts, die Team-Mitinhaberin Carlie Irsay-Gordon, Cheerleader, Maskottchen, Stadionsprecher, und Direktoren aus verschiedenen Abteilungen der Colts kommen in der Folge immer wieder zu Wort. Das ist durchaus interessant, Einblicke in die Abläufe eines Sportteams zu bekommen und auch die kleinen Probleme mitzuerleben, die sich ergeben: Die Verletzungen von wichtigen Spielern, die Verlängerung des Platzes in Berlin, der als Fußballfeld ausreichend ist, aber als Footballfeld zu kurz oder auch, dass die Kabinen umgebaut werden müssen, weil die Spinde zu klein für die massigen Spieler sind und zudem für die Größe der Teams ausgebaut werden müssen.

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Neu und wegweisend ist das jedoch nicht, dafür haben bereits zu viele Streamingdienste Teams über eine Saison begleitet. Zumal in dieser Detailverliebtheit sich zugleich auch eine Schwäche der Dokumentation verbirgt, denn die Filmemacher verlieren sich zu häufig in den Details, springen dazu gerade zu Beginn der Dokumentation immer wieder in den Zeiten. Es ist die Masse an Protagonisten und Informationen, die zum Teil schwer zu verfolgen und einfach zu viel sind für eine 90-minütige Dokumentation.

Patrick Esume, früherer Coach in der NFL Europe und heute Kommentator bei RTL © RTL / BROADVIEW/Al Francesco

Ihre Stärken spielt die Dokumentation immer dann aus, wenn es um den Sport generell geht. Die Bilder des ersten Besuchs der NFL 1990 im Berliner Olympiastadion sind eine kleine Zeitreise, die garniert werden von Erzählungen des heutigen NFL-Chefs Roger Goodell, der kurz nach dem Mauerfall noch kleine Positionen bei der Liga besetzte. "Die Wiedervereinigung spielte sich vor den Augen der ganzen Welt ab. Und als ich den Auftrag bekam, einen Spielort für ein internationales Spiel zu suchen, empfand ich Berlin als perfekten Ort, um das Spiel und die Wiedervereinigung zu feiern." Die Partie, im Gegensatz zu heutigen NFL-Visiten in Deutschland nur ein Vorbereitungsspiel zwischen den Kansas City Chiefs und den Los Angeles Rams, sei ein großartiger erster Schritt gewesen, obwohl Goodell damals selbst Sorgen vor der Austragung hatte. "Ich hatte Panik, dass alles schiefgehen würde, aber dann kamen immer mehr Menschen und haben das Stadion voll gemacht."

Ein sehenswerter Blick in die Historie

Ebenso sehenswert ist das Bestreben der NFL, mit dem Ableger NFL Europe die Sportart nach Europa zu bringen – ein Versuch, der 2007 nach 13 Jahren eingestellt wurde. Oliver Luck, Ex-NFL-Profi, erzählt davon, wie er von der Liga nach Deutschland geschickt wurde, um die Frankfurt Galaxy aufzubauen. "Wir hatten keinen Stadionvertrag, keine Trainingsanlagen, keine Mitarbeiter, keinen Coach – aber die Saison sollte in drei Monaten beginnen", ist eine der vielen unterhaltsamen Anekdoten Lucks. Auch Patrick Esume, früher Coach in der NFL Europe und heute TV-Kommentator, kommt hier zu Wort: "Es war eine coole Zeit, weil Football in Europa immer bekannter wurde." Doch ausgerechnet nach dem "lautesten Spiel, das ich je coachen durfte" (dem World Bowl 2007 zwischen den Hamburg Sea Devils und den Frankfurt Galaxy, Anm. d. Red.), war für Esume und den NFL-Ableger in Europa Schluss. 

Roger Goodell war 2006 zum NFL-Chef befördert worden und sägte den Europa-Ableger ab. "Mir war klar, dass wir unsere Strategie ändern müssen. Wir brauchten einen Markt für unser bestes Produkte, richtige Saisonspiele. Wir wollten unsere besten Teams nach Europa bringen, in Spielen, bei denen es um etwas geht. Und die Fans haben das angenommen", erinnert sich Goodell. Es folgte 2007 die Einführung der London Games, erst 15 Jahre später sollte die Liga dann wieder nach Deutschland kommen. Mit Superstar Tom Brady im Gepäck gastierte die Liga in München. In Erinnerung sollte neben Brady vor allem ein Moment bleiben: als "Country Roads" im Stadion von den Fans gesungen wurde, obwohl das Spiel bereits wieder lief. "Das hat nachhaltig Eindruck gemacht, nicht nur hier, sondern auch bei der NFL", erklärt Esume. Unterlegt wird das mit den begeisterten englischsprachigen Kommentatoren. (mehr dazu lesen Sie hier).

Die Dokumentation endet mit dem Ende des Spiels in Berlin und dem Sieg der Colts. "Wir spüren die Liebe zu Deutschland", wird Colts-Maskottchen Blue, zitiert. 72.000 Besucher zeigten ihre Liebe zum American Football, wie auch Regisseur Leopold Hoesch seine Zuneigung zu der Mannschaftssportart zeigen will. Das gelingt ihm in großen Teilen, doch hätte man sich noch mehr Sequenzen zu den Wurzeln des Footballs in Deutschland gewünscht, denn gerade die deutschen Protagonisten und (Ex-)NFL-Stars kommen hier zu kurz.

Sendehinweis: Die Dokumentation "The Game – Die NFL erobert Deutschland" wird am 8. Februar ab 19.05 Uhr im Vorfeld des Super Bowls bei RTL ausgestrahlt. Die Dokumentation ist bereits bei RTL+ abrufbar.

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