„Mercedes stapelt tief. Das Auto könnte eine Waffe sein“
Die Formel 1 steht vor ihrer neuen Saison. Los geht es am Wochenende mit dem Großen Preis von Australien in Melbourne. Es gibt umfangreiche Änderungen mit neuen Autos, Regeln und Teams. Wer geht damit am besten um? Ex-Rennfahrer und Sky-Experte Ralf Schumacher wagt einen Ausblick auf die elf Teams und nimmt Stellung zu elf Thesen.
McLaren
Der Streit zwischen Weltmeister Lando Norris und Oscar Piastri wird eskalieren.
Ralf Schumacher: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die McLaren-Dominanz vom letzten Jahr sofort wieder da ist. Und wenn du dann die Dinge intern laufen lässt wie vergangenes Jahr, kann dich das am Ende richtig Punkte kosten. Beide fahren auf einem ähnlichen Niveau – das Risiko für Zoff ist groß. Entscheidend wird sein, wem das neue Auto besser liegt. Mit den veränderten Eigenschaften dürfte Lando besser klarkommen. Das wird auf jeden Fall spannend. Klar ist: Harmonie ist schön, aber Titel werden nicht mit Friede, Freude, Eierkuchen entschieden.“
Mercedes
George Russell wird Weltmeister.
Schumacher: „Das glaube ich nicht. Mein persönlicher Favorit ist – und das klingt vielleicht verrückt – Kimi Antonelli. Er ist einfach extrem talentiert. Wenn er sein Lerntempo aus der zweiten Saisonhälfte beibehält, ist er für mich der stärkere Mann. George hatte letztes Jahr einen tollen Start, hat dann aber nachgelassen, als es mehr und mehr um seinen Vertrag ging. Dazu kommt: Mercedes stapelt tief. Ich glaube, sie haben etwas am Auto gefunden, was andere übersehen haben – typisch Mercedes eben. Das Auto könnte eine Waffe sein, und Kimi könnte damit überraschen.“
Red Bull
Max Verstappen verliert die Lust an der Formel 1 und hört auf.
Schumacher: „Dass Max keinen Spaß an den neuen Regularien hat, hat er ja deutlich zum Ausdruck gebracht. Dass er jetzt zum Beispiel auf der Geraden herunterschalten muss, um die Batterie zu laden – das widerstrebt seinem Rennfahrer-Instinkt. Trotzdem: Red Bull ist sein Zuhause. Er will unbedingt mit seinem Rennstall erfolgreich sein. Aber wenn er dann doch irgendwann merkt, dass er den Fahrstil zu sehr verbiegen muss und der Erfolg ausbleibt, passt die These, dass er aufhört oder wechselt, durchaus. An Interessenten mangelt es nicht.“
Ferrari
Lewis Hamilton hört Ende 2026 auf.
Schumacher: „Das ist hart, aber möglich. Lewis hat letztes Jahr geschwächelt. Deshalb will er es sich noch einmal beweisen. Aber wenn er in den ersten drei, vier Rennen merkt, dass er gegen Leclerc (sein Teamkollege Charles; d. Red.) oder mit dem Auto kein Land sieht, könnte er von sich aus die Reißleine ziehen. Er hat nichts mehr zu verlieren, sein Ruf als siebenmaliger Weltmeister steht. Für ihn geht es nur noch um die Frage: Kann ich es noch? Wenn nicht, wird er ehrlich zu sich sein.“
Williams
Der Fünfte der Vorsaison jagt jetzt die Top-Teams.
Schumacher: „Da bin ich skeptisch. James Vowles ist zwar ein super Teamchef, aber der verpasste Test in Barcelona und die Probleme in der Vorbereitung fallen dem Team auf die Füße. So etwas darf in dieser Phase einfach nicht passieren. Dazu kommt die Fahrerpaarung Alex Albon und Carlos Sainz jr. Beide sind eher passive Fahrer, die eine stabile Hinterachse brauchen. Die neuen Autos sind aber nervös und instabil. Das kommt ihnen nicht entgegen. Außerdem haben die großen Teams durch ihre Simulationstools einen riesigen Vorsprung. Ich sehe Williams schwer kämpfen in der neuen Saison.“
Racing Bulls
Arvid Lindblad, der einzige Neuling, wird die große Überraschung.
Schumacher: „Bei Arvid wird es darauf ankommen, wie schnell er sich eingewöhnt. Normalerweise muss man ihm zwei bis drei Saisons geben, weil er auch die Strecken teilweise kennenlernen muss. Ob er die Zeit bekommt, ist fraglich. Er sollte sich Isack Hadjar zum Vorbild nehmen. Der hat sich letztes Jahr einfach in die Racing Bulls gesetzt und war auch auf ihm unbekannten Kursen schnell. Das macht einen Weltklassefahrer aus. Deshalb ist er auch zu Red Bull aufgestiegen. Wenn Arvid das auch will, dann muss er schnell besser werden.“
Aston Martin
Rennstallbesitzer Lawrence Stroll fliegt das Team um die Ohren.
Schumacher: „Zuerst mal: Lawrence Stroll hat viel richtig gemacht. Die neue Fabrik ist die modernste der Formel 1. Dazu hat er die besten Leute geholt, wobei Adrian Newey sein Königstransfer war. Aber: Die Formel 1 ist kein normales Business. Du kannst Erfolg nicht einfach kaufen, das Team muss auch harmonieren. Dazu kommt: Aston Martin als Automarke schreibt tiefrote Zahlen. Die Formel 1 verschlingt Unsummen an Geld. Meine These ist: Irgendwann muss der Cashflow stimmen, sonst geht dem Projekt die Luft aus.“
Haas
Oliver Bearman steht in dieser Saison mehrfach auf dem Podium.
Schumacher: „Oliver ist auf jeden Fall ein Mann für die Zukunft, wenn nicht bei Haas, dann bei einem anderen Team. Ferrari hat ihn ja nicht umsonst auf der Liste. Ob er dieses Jahr Podien holt, ist schwierig zu sagen. Da müssen das Auto und das Team mitspielen. Und das sehe ich bei Haas nicht so. Teamchef Ayao Komatsu macht zwar einen tollen Job, aber es gab schon vor Saisonbeginn Ärger mit dem zweiten Fahrer Esteban Ocon. Da hat Komatsu öffentlich gemacht, dass er einfach mehr Teamplay erwartet. Diese Nebengeräusche könnten zum Problem werden.“
Audi
Der Einstieg in die Formel 1 wird zum Desaster.
Schumacher: „Ein Desaster wird es, glaube ich, nicht. Aber der Einstieg war schon ein gewaltiger Kraftakt. Sie haben dieses Projekt quasi aus dem Boden gestampft: Motor, Getriebe – alles neu. Und das, während der Konzern wirtschaftlich kämpft. Mit Nico Hülkenberg und Gabriel Bortoleto haben sie eine gute Fahrermischung. Bortoleto wird immer noch unterschätzt, aber er ist verdammt schnell. Man darf jedoch nicht vergessen: Audi hat massiv Personal aufgestockt. Und bis eine Mannschaft harmoniert, dauert es. Sie werden kein schlechtes Team sein, aber Wunderdinge darf man im ersten Jahr nicht erwarten.“
Alpine
Franco Colapinto holt auch in dieser Saison keinen einzigen Punkt.
Schumacher: „Das hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Franco hat Talent, ist aber zu inkonstant. Und auch im Team rumort es. Wenn du als junger Fahrer mehr Zeit neben der Strecke verbringst als darauf, wird die Geduld bei Alpine sehr kurz sein. Das Team muss liefern, sonst rollen Köpfe.“
Cadillac
Der neue Rennstall wird das Pannen-Team der Formel 1.
Schumacher: „An besonders viele Pannen auf der Strecke glaube ich nicht. Viele der Autoteile sind ja eingekauft: Motor, Getriebe, Elektronik kommen von Ferrari. Aber im Hintergrund knirscht es. Sie haben das Team extrem schnell aufgebaut. Und die ersten Mitarbeiter sind schon wieder weg, es gibt sogar schon erste Klagen von Ex-Managern. Das Personal-Karussell wird sich noch weiter drehen. Das ist normal. Man darf nicht erwarten, dass alles sofort funktioniert. Formel 1 ist kein Start-up mit Happy End nach zwölf Monaten. Sie werden Lehrgeld zahlen.“
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