„Viele Spieler fragen mich, wie ich es geschafft habe, in dem Alter noch so fit zu sein“
Nach Bayern-Torhüter Manuel Neuer ist Christopher Trimmel der älteste Profi der Fußball-Bundesliga. Der älteste Feldspieler ist der Kapitän des 1. FC Union Berlin ohnehin schon. Als der Österreicher im Jahr 2009 für Rapid Wien sein Profidebüt feierte, wurde Leipzigs Talent Samba Konate, 17, gerade mal geboren. Doch so groß der Altersunterschied auch ist, Trimmel wird noch immer gebraucht, hat im Januar erst seinen Vertrag um ein Jahr verlängert und ist eine feste Größe beim 1. FC Union, mit dem er am Sonntag (17.30 Uhr, Dazn) auf Werder Bremen trifft.
WELT: Herr Trimmel, was gab es bei Ihnen heute zum Frühstück?
Christopher Trimmel: Müsli und Kaffee.
WELT: Wir fragen das, weil Sie in der vergangenen Woche 39 Jahre alt geworden sind und als Fußballprofi möglicherweise bewusster in den Tag starten als noch vor einigen Jahren?
Trimmel: Ich war ja auch mal jung und ein Kandidat von denen, die kurz vor knapp aufgestanden sind, um noch rechtzeitig beim Training zu sein (lacht). Aber je älter ich wurde, umso mehr habe ich realisiert, dass das stressig ist. Und wenn du mit Stress ist den Tag startest, ist das nicht gut. Gerade in Berlin mit dem starken Berufsverkehr brauchst du morgens genügend Zeit. Ich habe seit zehn Jahren einen Hund (Spitz – d. R.), der mich zu einem Frühaufsteher hat werden lassen. Mit ihm drehe ich morgens gemütlich eine Runde, ehe der Tag seinen Lauf nimmt.
WELT: Macht es etwas mit Ihnen zu wissen, mit 39 aktuell der älteste Feldspieler in der Bundesliga zu sein – in der Geschichte der Bundesliga seit 1963 liegen Sie auf Platz zehn.
Trimmel: Es macht mich stolz. Viele Spieler – gerade die jungen – fragen mich, wie ich es geschafft habe, in dem Alter noch so fit zu sein.
WELT: Und was sagen Sie dann?
Trimmel: Ich bin erst mit 23 Fußballprofi geworden, das heißt, da hatte ich weniger Verschleiß als manch anderer Spieler. Und das gibt mir im Vergleich zu Spielern, die heutzutage bereits mit 15 oder 16 höchst professionell trainieren, hinten heraus schon ein paar Jahre obendrauf. Das darf man dabei nicht vergessen. Hinzu kommt, dass ich früh gemerkt habe, dass ich einen guten Ausgleich zum Fußball brauche. Es hält dich fit und hilft dir, wenn du auch andere Leidenschaften hast, ohne dabei den Fokus auf den Fußball zu vernachlässigen.
WELT: Meinen Sie das Tätowieren – Sie besitzen ein eigenes Studio?
Trimmel: Nicht nur das. Mittlerweile bin ich auch als TV-Experte im Einsatz. Ich genieße das, weil es meinen Horizont erweitert und die Sinne in Bezug auf die Sicht eines Trainers, der ich mal werden will, auf den Fußball schärft. Zudem verbringe ich viel Zeit mit meiner Frau, mit der ich eine gemeinsame Leidenschaft habe – die Kunst. Sie ist selbst Künstlerin, weshalb wir viel in Galerien und bei Ausstellungen unterwegs sind. Aber natürlich weiß ich, wie schwer es gerade am Anfang einer Karriere ist, noch Raum für andere Dinge zu schaffen. Da geht es in erster Linie um den Fußball. Du hast ein Ziel, das du unbedingt erreichen möchtest. Dennoch beobachte ich viele junge Spieler, die mehr als nur den Fußball in ihrem Leben sehen – sei es, dass sie anfangen nebenbei zu studieren oder Interesse für etwas hegen. Das imponiert mir. Da geht keiner nach Hause und hängt einfach nur ab. Es fängt ja schon damit an, dass die junge Generation sich viel mehr Gedanken um den Fußball an sich macht.
WELT: Wie meinen Sie das?
Trimmel: Zu meiner Zeit waren wir etwas fauler. Wir wollten nur Fußball spielen, was ja per se nicht schlecht ist. Doch heute wollen die jungen Spieler das Maximale aus ihrem Körper herausholen. Wenn ich sehe ich, wie oft die bei uns im Kraftraum sind – vor dem Training, nach dem Training. Respekt. Das habe ich damals nicht gemacht.
WELT: Wie war das denn bei Ihnen?
Trimmel: Ich bin Profi geworden, weil ich diese körperliche Präsenz hatte. Technisch war ich wahrscheinlich einer der Schlechteren, da ich nie in einer Akademie ausgebildet worden bin. Ich habe allerdings mit 15 bereits gegen 35-Jährige in der 2. Liga spielen und mich behaupten müssen. Als ich später dann zu den Profis kam, musste ich körperlich zulegen – und lernen, wie wichtig es ist, in den Kraftraum zu gehen. Täglich um 7 Uhr in der Früh war ich da. Unter Trainer Peter Pacult, der mich zum Profi gemacht hat, war das Pflicht. Er hat mich diszipliniert. Heute musst du einen jungen Spieler nicht mehr dazu drängen. Die machen das von sich aus – und profitieren von vielen zusätzlichen Angeboten, die es gibt. Du kannst deinen Schlaf tracken, du kannst checken, wie es deinem Körper mit dem ergeht, was du isst und wann du es isst – zum Beispiel spät abends.
WELT: Haben Sie das mal probiert?
Trimmel: Ich habe meinen Schlaf mal drei Wochen getrackt. Das war interessant. Du denkst, du hast wunderbar durchgeschlafen, bist aber zehnmal aufgewacht, ohne es mitzubekommen. Auch mit Blick auf das späte Essen habe ich gemerkt, dass das nicht so gut ist. Das sind schon hilfreiche Informationen.
WELT: Thomas Müller, Weltmeister von 2014, sagte jüngst in einem „WamS“-Interview, dass es folgende Big Wins für ihn gibt: Schlafverhalten checken, Vitamin-D-Unterversorgung und Omega-3 Versorgung prüfen und auf die Proteinzufuhr achten. Würden Sie da mitgehen?
Trimmel: Ja. Ich sage es mal so, das Essen am Tag vor einem Spiel ist für mich von extremer Bedeutung, weil es mir die nötige Energie gibt. Das ist die wichtigste Mahlzeit für mich. Was das Essen an sich betrifft, achte ich seit einigen Jahren verstärkt auf die Qualität, die war mir früher nicht so wichtig. Ansonsten sind wir als Profis gut versorgt. Wir erhalten unsere Blutwerte und wissen gegebenenfalls, wo es Nachholbedarf gibt. Das wird gut gesteuert.
WELT: Empfinden Sie es als angenehm, dass quasi alles überprüfbar oder messbar ist?
Trimmel: Man muss für sich einen Mittelweg finden und das gut einordnen können. Nehmen wir das Tracken des Schlafs: Wenn ich morgens in die App geschaut habe, stand da manchmal „Pass auf, geh’ den Tag heute etwas ruhiger an.“ Mal angenommen, du bist ein etwas ängstlicher Mensch, dann könnten dich Zeilen wie diese leicht beunruhigen und dazu führen, den Trainer um etwas Nachsicht beim Training zu bitten. Ich habe das mit Humor genommen.
WELT: Bei Union gibt es einige Spieler, die vom Alter her Ihre Söhne sein könnten. Wie wirkt die Generation auf Sie?
Trimmel: Wenn wir nur das Training nehmen, ist es manchmal schon so, dass der eine oder andere etwas schüchtern ist. Aber man kann das Eis brechen. Wir Älteren sorgen dafür, dass sie bei allen Teamevents dabei sind. Und dann ist es cool zu sehen, wie sie irgendwann auftauen, auch mal frech sind und uns einen Spruch drücken. Ich mag das – und ich mag, wie gewissenhaft sie sich überwiegend verhalten und wie sehr sie sich auch über kleine Dinge freuen. Wenn wir mal im Stadion trainieren, weil der Trainingsplatz gesperrt ist, freuen sich 18- oder 19-Jährige bei uns. Das finde ich gut.
WELT: Sie sind Profi, haben ein gut funktionierendes Tattoostudio und pendeln regelmäßig zwischen Berlin und Wien für einen Expertenjob an Champions-League-Abenden für Canal+. Wie bekommen sie das alles gehandelt?
Trimmel: Das geht nur mit der Unterstützung meiner Frau und in Absprache mit dem Klub. Ich mache nichts, was Union nicht erlaubt und was meine Leistung beeinträchtigt. Bislang bekomme ich das alles gut organisiert – und es sind Erfahrungen, die ich mache. Kürzlich habe ich ein Champions-League-Spiel von Bayer Leverkusen als Experte analysiert (gegen Piräus – d. R.), um dann einige Tage später selbst gegen Bayer zu spielen. Ich war also perfekt vorbereitet (lacht). Und was das Tätowieren betrifft, mache ich das aktuell auch nur, wenn es zeitlich passt. Denn das kann ja auch mal fünf, sechs Stunden in Anspruch nehmen.
WELT: In der Königsklasse hat Union 2023/2024 auch gespielt, nun muss Ihr Klub aufpassen, nicht wieder in den Abstiegskampf zu rutschen. Warum spielt die Mannschaft so wenig konstant und so wenig effizient?
Trimmel: Nicht konstant zu sein, ist in dieser Saison unsere größte Schwäche. Dabei haben wir oft bewiesen, dass wir es können. Allerdings ist es normal, dass es mal hakt, wenn eine Mannschaft dabei ist, sich zu entwickeln, wenn es Veränderungen gibt, wenn junge Spieler nachrücken.
WELT: Was entgegnen Sie neutralen Zuschauern, die vor allem Unions schwache Offensive und das oftmals unansehnliche Spiel kritisieren?
Trimmel: Wir haben unser Spiel nie groß geändert. Selbst als wir uns für die Champions League qualifiziert haben, war es von der Ausrichtung her so. Weil wir vorhin bei Thomas Müller waren. Ich weiß noch, wie oft er gesagt hat, dass wir die Bälle nur nach vorn schlagen und dass das kein Fußball sei, den wir spielen würden. Aber irgendwann hat er dann mal gesagt, dass man den Fußball akzeptieren muss, den wir spielen. Weil das echt gut wäre, was wir machen. Wir haben es über Jahre echt perfektioniert, hinten nichts zuzulassen und vorn effizient zu agieren. Aber klar, natürlich schaue ich gern ein schön aufgezogenes Spiel und natürlich bin auch ich Fußballer geworden, um zu tricksen und frech mit dem Ball zu sein. Aber wir müssen fein mit dem sein, was wir machen. Und das sind wir. Unabhängig davon ist es unser Ziel uns zu verbessern – und den einen oder anderen Angriff auch mal flach auszuspielen und nicht hoch.
WELT: Im Sommer steht ein großes Fußball-Event an. Werden Sie die WM als Spieler, Experte oder Fan auf der Couch erleben?
Trimmel: Wahrscheinlich als Fan. Es gibt zwar noch eine Option für eine Tätigkeit als TV-Experte im Studio in Wien. Aber da muss ich mal schauen.
WELT: Österreich trifft in der Vorrunde auf Argentinien, Algerien und Jordanien. Wie schätzen Sie die WM-Chancen Ihrer Nation ein?
Trimmel: Die Chance ist da, dass wir die Gruppe überstehen. Jordanien wirst du besiegen müssen, Argentinien ist halt Argentinien. Das wird hart. Unser größtes Problem aber könnte Algerien werden. Die Mannschaft hat kaum einer auf dem Schirm, dabei ist sie richtig gut.
WELT: Für Deutschland wäre Algerien 2014 auf dem Weg zum Triumph bei der Weltmeisterschaft fast zum Stolperstein im Achtelfinale geworden.
Trimmel: Einer Statistik zufolge steht Algerien von der Stärke und Qualität her vor Österreich. Und das sollte auch jedem in Österreich klar sein, denn da sehen viele nur Argentinien und uns in der Gruppe. Aber Nationaltrainer Ralf Rangnick wird alles dafür tun, dass Österreich niemanden unterschätzt und die Mannschaft perfekt vorbereitet ist. Mein Gefühl sagt mir, dass es ein gutes Turnier für Österreich werden kann.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke