Der beeindruckende Kurswandel von Schalke 04
Miron Muslic war auch eine gute Stunde nach Schlusspfiff noch aufgebracht. „Ich muss aufpassen, ich bin sehr emotional“, sagte der Trainer von Schalke 04 und erklärte dann abermals, dass ihm jegliches Verständnis für eine folgenreiche Entscheidung von Schiedsrichter Dr. Robin Braun fehlt. „Mit ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl gibt man hier keine Rote Karte und greift so massiv ins Spiel ein“, schimpfte Muslic. Weil Braun dies aber nicht aufgebracht habe, hätte seine Mannschaft gegen Hannover 96 am Ende nur 2:2 (2:0) gespielt – und es deshalb versäumt, sich an der Tabellenspitze der Zweiten Liga abzusetzen.
Die Schalker sahen sich um eine große Chance gebracht. Mit einem Sieg über den Verfolger hätte der Spitzenreiter den Vorsprung auf den Zweiten – Darmstadt 98 – auf vier Punkte ausbauen können. So aber bleibt es bei zwei Zählern. Am kommenden Samstag geht es nun zum Spitzenspiel nach Darmstadt (20.30 Uhr/live Sky und RTL).
Dort müssen die Königsblauen ohne ihren wichtigsten Spieler antreten. Denn ausgerechnet Edin Dzeko war der Auslöser für die ganze Aufregung. Der Torjäger hatte in der 52. Minute bei einem Versuch, einen Ball aus der Luft zu stoppen, den Hannoveraner Husseyn Chakroun mit offener Sohle im Rippenbereich getroffen. Dzeko hatte zwar noch versucht, seinen Fuß zurückzuziehen. Doch Braun gab dem Stürmer sofort Rot.
Dzeko bereits an neun Toren beteiligt
„Der Bruch im Spiel war natürlich da“, sagte Muslic. In der Folge beschränkten sich die dezimierten Schalker auf das Verteidigen ihres Zwei-Tore-Vorsprungs – bis sie auf dramatische Weise doch noch den Ausgleich hinnehmen mussten. In der achten Minute der Nachspielzeit kassierten sie nach einem Torwartfehler von Loris Karius das 2:2. Braun musste anschließend unter wüsten Beschimpfungen des Publikums den Platz verlassen. Der Referee stand jedoch zu seiner Entscheidung. Die Aktion von Dzeko hätte, selbst wenn keine Absicht vorgelegen habe, eine „klar gesundheitsgefährdende Komponente“ gehabt.
Das sehen die Schalker ganz anders. „Jeder, der mal Fußball gespielt hat, weiß, dass das keine Rote Karte war“, sagte Sportdirektor Youri Mulder. Für den Fall, dass Dzeko für mehr als die kommende Partie in Darmstadt gesperrt werden sollte, kündigte er Protest an. Die Erfolgsaussichten eines solchen Unterfangens dürften allerdings begrenzt sein.
Er kam vor der Saison zum FC Schalke 04 und brachte das Team auf Aufstiegskurs: Trainer Miron MuslicFür Muslic stellt die zu erwartende Sperre seines Schlüsselspielers eine Herausforderung dar. Denn die Tatsache, dass die Schalker in diesem Kalenderjahr eine bemerkenswerte spielerische Weiterentwicklung hinbekommen haben, hängt eng mit Dzeko zusammen. Der Bosnier, der im Januar von der AC Florenz gekommen war, ist an neun der 15 Rückrundentreffer beteiligt. Er ist Dreh- und Angelpunkt des Offensivspiels. Die Transformation vom reinen Konterfußball der Hinrunde hin zu einem offensiven, dominanten Stil wäre ohne den Routinier, der Dienstag 40 Jahre alt wird, kaum gelungen.
Dzekos Wert für das Team war auch gegen Hannover deutlich geworden. In der 29. Minute hatte er nach einem Zuspiel von Kenan Karaman für den Führungstreffer gesorgt – es war sein sechstes Tor im erst achten Spiel für Schalke. „Edin ist herausragend“, sagte Mulder. Zum einen, so der Ex-Stürmer, benötige er nur wenige Chancen, um zu treffen – zum anderen ist da sein besonderes Spielverständnis.
Neben Dzeko schlugen weitere Spieler ein
Dzeko versteht es, Bälle festzumachen und die Mitspieler einzusetzen. Er gibt dem Offensivspiel eine Struktur, die so vorher nicht vorhanden gewesen war. Es wäre zwar zu weit gegriffen, dass Schalke regelrecht abhängig von Dzeko sei („Ich finde, dass da ein bisschen übertrieben wird, wir standen vorher auch ohne ihn oben“) – doch Dzekos Einfluss kann auch Mulder nicht leugnen.
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Tatsächlich gibt es aber auch andere Gründe für die Entwicklung. Denn im Windschatten von Dzeko, dessen Verpflichtung große Aufmerksamkeit ausgelöst hatte, waren im Januar auch weitere Spieler gekommen, die auf Anhieb einschlugen. Mit Linksverteidiger Moussa Ndiaye (23), der vom RSC Anderlecht ausgeliehen wurde, sowie dem Mittelfeldspieler Adil Aouchiche (23), der ablösefrei vom AFC Sunderland geholt wurde, und Dejan Ljubicic (28), der für vergleichsweise bescheidene 750.000 Euro von Dinamo Zagreb kam, konnte die spielerische Qualität erheblich angehoben werden. „Wenn du taktisch etwas ändern willst, brauchst du auch die passenden Spieler dafür“, so Mulder. Die habe Schalke mittlerweile.
Trotz des Punkteverlustes gegen Hannover: Der grundsätzliche Kurs stimmt. Das hängt vor allem mit einer gegenüber den Vorjahren deutlich effektiveren Einkaufspolitik zusammen. Bereits bei den Transferbemühungen im vergangenen Sommer war die Trefferquote hoch: Ob die Innenverteidiger Nikola Katic, Hasan Kurucay und Timo Becker oder Mittelfeldspieler Soufiane El-Faouzi – so viele Zugänge, die sich auf Anhieb zu entscheidenden Verstärkungen entwickelten, hatte Schalke seit Jahren nicht mehr zu verzeichnen.
Dies wiederum steht im Zusammenhang mit der Korrektur früherer Fehler und Änderungen in der Führungsstruktur. Mit Frank Baumann war im vergangenen Juni ein hauptamtlicher Vorstand Sport installiert worden. Dieser Posten war zuvor nach dem freiwilligen Rückzug von Peter Knäbel anderthalb Jahre lang unbesetzt gewesen. Baumann setzte eine Reihe von Optimierungen durch – vor allen Dingen im Bereich Scouting.
Ein Beleg der positiven Auswirkungen dieser Maßnahmen war trotz des Ärgers auch am Sonntag zu erkennen. Die Schalker beherrschten die Hannoveraner, eine der spielstärksten Mannschaften der Liga, klar – solange sie in Gleichzahl agieren konnten. „Wir hätten den Sieg verdient gehabt. Wir spielen eine super erste Halbzeit“, sagte Kapitän Karaman.
Hätte es die Rote Karte nicht gegeben – es wäre wohl auf den 16. Saisonsieg hinausgelaufen. „Wir haben Hannover überrollt, in allen Belangen dominiert. Dann kriegst du noch das 2:2, das ist extrem bitter“, erklärte Muslic. Dabei hätte der Gegner auch in der zweiten Halbzeit „absolut gar nichts“ an klaren Möglichkeiten aus dem Spiel heraus gehabt.
Seine Mannschaft müsse in den kommenden Wochen einfach so weiterspielen, sagte er – auch ohne Edin Dzeko.
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