Der „Blitz“ elektrisiert Europa – das Erfolgsgeheimnis hinter dem Norwegen-Wunder
Das Märchen des zeitgenössischen Fußballs beginnt an einem Hof namens Hundholmen. Um ihn wurden Anfang des 19. Jahrhunderts ein paar Häuser errichtet, die bald unter dem Namen Bodö das Stadtrecht erhielten. Dank großer Heringsschwärme vor der Küste wuchs der Ort zu einem wichtigen Fischereihafen. Von Vorteil war dabei die geschützte Lage mit zwei vorgelagerten Inseln, die ihn das ganze Jahr über eisfrei hielt. Keine Selbstverständlichkeit nördlich des Polarkreises.
Dort oben liegt Bodö, das ist ein Grund, warum diese Geschichte so ungewöhnlich ist. Die zweitgrößte Stadt Nordnorwegens kommt auf rund 50.000 Einwohner. Bis in die Hauptstadt Oslo sind es 1200 Kilometer oder 16 Autostunden. Manche Tage im Winter haben weniger als eine Stunde Licht. Doch FK Bodö/Glimt, der lokale Fußballklub, steht vor dem Einzug in das Viertelfinale der Champions League.
Am Mittwoch wurde im Achtelfinal-Hinspiel der portugiesische Klub Sporting mit 3:0 demontiert. Es fühlte sich fast schon wie eine Routineübung an, nachdem an den letzten beiden Gruppenspieltagen zunächst Manchester City zu Hause, dann Atlético Madrid auswärts besiegt worden war. Und nachdem dann Inter Mailand im Play-off gleich zweimal den Kürzeren zog, 3:1 und 2:1. Inter war in den vergangenen drei Jahren zweimal Finalist in der Champions League. City bewegte vorige Saison einen Umsatz von 830 Millionen Euro. Bodö/Glimt kommt nicht mal auf ein Zehntel.
Historiker berichten Erstaunliches: Danach bedeuteten die Siege über Inter das erste Mal, dass ein Klub abseits der fünf großen Ligen Europas vier Spiele in Serie gegen Vereine dieser Ligen gewann. Nur das Ajax Amsterdam von Johan Cruyff habe das im alten Europacup 1971/1972 mal geschafft, aber wer würde Ajax als kleinen Klub bezeichnen. Bodö hingegen spielt in einem Stadion für 8200 Zuschauer und kommt aus einem Land, das seit 18 Jahren keinen Champions-League-Teilnehmer mehr gestellt und zuletzt vor 29 Jahren ein Team in die K.-o.-Runde gebracht hatte.
Dieses Team, Rosenborg Trondheim, wurde in jener Frühzeit der Champions League dem deutschen Fernsehzuschauer vor allem als Ärgernis des Fußballkaisers bekannt. Franz Beckenbauer lästerte als TV-Experte über den unattraktiven Fußball, den meistens gefrorenen Rasen und die Absenz jedweden Glamours bei „Rosenheim Trondborg“, wie er spottete. Über Bodö/Glimt kann man Beckenbauer nun leider nicht mehr befragen, aber sich ziemlich sicher sein: Er hätte seine helle Freude daran.
Bodö/Glimt zündet regelmäßig wahre Offensivfeuerwerke
Denn das Erstaunlichste an allem ist, wie Glimt – der „Blitz“ – den Fußball zelebriert. Mit alten Wikinger-Klischees von zermürbender Defensive und weiten Bällen nach vorn hat es nichts zu tun, wenn die Mannschaft von Trainer Kjetil Knutsen besonders in Heimspielen wahre Offensivfeuerwerke zündet. Durch schnelle, kurze Pässe, bevorzugt mit der ersten Berührung, kombiniert sie sich durch das Mittelfeld und findet kreative Lösungen, selbst gegen tief gestaffelte Abwehrreihen. Solche errichten die Gegner in Glimts Aspryma-Stadion nämlich immer ungenierter. Der Trip an den Polarkreis gilt längst als eine der unangenehmsten Auswärtsfahrten im europäischen Fußball, und das nicht wegen der Kälte oder des Kunstrasens, auf dem angesichts des Klimas gespielt werden muss.
Es liegt an Glimt, seinen klugen Balleroberungen, dem hohen Rhythmus, den bestens einstudierten Automatismen – und seiner Gepflogenheit, auch bei einer Führung immer weiter nach vorn zu spielen. „Fast bei jedem Ballbesitz haben wir für Unordnung bei ihnen gesorgt“, sagte Knutsen nach dem Duell mit Sporting stolz. In neun der elf Champions-League-Matches hat Glimt mindestens zwei Tore erzielt. Dabei nimmt es zum ersten Mal überhaupt am Wettbewerb teil.
In kleineren Europacups sorgte Bodö schon für Aufsehen, seit es 2020 erstmals die norwegische Meisterschaft gewann. 2021 in der Conference League verpasste es Trainerlegende José Mourinho, damals AS Rom, mit einem 6:1 dessen höchste Niederlage einer Karriere von weit über 1000 Spielen. Vorige Saison dann erreichte Glimt das Halbfinale der Europa League. Erst als im Mai der Schnee schmolz, schied es gegen den späteren Cupgewinner Tottenham Hotspur aus.
„Ich glaube nicht an Wunder“, erklärte Knutsen dem schon damals verblüfften Fachpublikum: „Ich glaube an unsere Reise.“ Nach dem Triumph über Sporting am Mittwoch sagte er: „Mich hat das nicht überrascht.“ Knutsen strahlte dabei keine Überheblichkeit aus, nur diese norwegische Überzeugung, dass das richtige Vorgehen und das entsprechende Arbeitsethos eben zu guten Ergebnissen führen.
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Wie breit das Königreich im Sport über seine a priori kleine Gewichtsklasse von fünfeinhalb Millionen Einwohnern hinauswächst, ist schon fabulös. Bei den Olympischen Winterspielen führte es gerade zum vierten Mal nacheinander den Medaillenspiegel an.
Aus Norwegen kommen aber auch Schachgenie Magnus Carlsen, Spitzenspieler in Tennis und Golf, die Champions-League-Rekordtorschützin Ada Hegerberg und Topstürmer Erling Haaland. Die Männer-Nationalelf wird im Sommer nach der besten Qualifikation aller Teilnehmer erstmals seit 1998 wieder bei einer WM starten. Nun hat man also auch einen Topverein im Klubfußball.
20 Norweger im Kader, drei Dänen
Es gibt so manches, was man als landestypisch bezeichnen kann an Bodös Aufstiegsgeschichte. Die offene Gesprächskultur in der Mannschaft, die allseits betont wird. Das zwischen bis zu sieben Spielern rotierende Kapitänsamt, das einen unbedingten Teamgedanken symbolisiert. 20 Profis im Kader sind Norweger, drei der fünf anderen Dänen.
„Das passt kulturell, wir kommen von denselben Werten sozialdemokratischer Gesellschaften“, erläuterte Sportdirektor Håvard Sakariassen vorigen Sommer, fügte aber hinzu, dass etwa auch der heutige Bundesliga-Profi Victor Boniface aus Nigeria einst bei Glimt brillierte. Es gehe einfach um die Haltung: „In Bodö glauben wir, dass, wer alles in die Gruppe einbringt, alles aus ihr zurückbekommt.“ Wer hingegen sein Eigeninteresse voranstelle, der „gehört hier nicht hin“.
Gemeinschaft: Patrick Berg richtet vor dem Spiel gegen Sporting letzte Worte an sein Team. Der Leistungsträger wurde in Bodö geborenAber dann sind da auch Elemente, die schon sehr spezifisch sind für diesen Klub und seine Region. Dazu kann der Mentaltrainer Bjørn Mannsverk gezählt werden, ein von den internationalen Medien begierig thematisierter ehemaliger Kampfpilot. Der passt insofern zu Bodö, als die Stadt im 20. Jahrhundert zu einem Luftwaffenstützpunkt avancierte. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie von den Deutschen zerbombt, nach dem Wiederaufbau beherbergte sie lange eine Nato-Basis.
Einmalig für den heutigen Spitzenfußball ist aber besonders die tiefe Verwurzelung etlicher Profis im Verein. Leistungsträger wie Spielgestalter Patrick Berg, Linksverteidiger Fredrik Bjørkan oder Linksaußen Jens Petter Hauge – doppelter Vorlagengeber gegen Sporting, doppelter Torschütze gegen Inter – sind alle im kleinen Bodö geboren, doch nicht nur das: Bjørkans Vater Aasmund war Amtsvorgänger von Trainer Knutsen und ist heute Chefanalyst im Klub.
Bei den Bergs wiederum spielten schon Vater Ørjan, Großvater Harald und Onkel Runar für den Verein. Ørjan und Runar zählten auch zu den treibenden Kräften, die den klammen Klub zu Beginn der 2010er-Jahre mit einer Reihe von Benefizaktionen vor dem Verschwinden retteten.
Berg und Bjørkan gehörten während der WM-Qualifikation zum Stammpersonal der Nationalelf, andere wie Hauge oder Håkon Evjen (aus dem noch mal 300 Kilometer nördlicheren Narvik; Vater Andreas spielte auch schon bei Bodö) dürften ob ihrer überragenden Darbietungen in der Champions League bald dazustoßen. Das Quartett hat auch schon im Ausland gespielt, Hauge unter anderem bei der AC Mailand und Eintracht Frankfurt, aber sie sind dann alle schnell wiedergekommen. Außenposten bleibt soweit Norwegens neuestes Talent Andreas Schjelderup, der bei Sportings Lokalrivale Benfica spielt und zum Rückspiel am Dienstag in Lissabon natürlich kommen wird. Sein Elternhaus liegt nur 100 Meter vom Glimt-Stadion entfernt.
Die Geschichte mit den Zahnbürsten
Von Bodö in die weite Fußballwelt: Das hört sich selbstverständlicher an, als es war. Bis 1972 durfte Glimt nicht mal in Norwegens erster Liga mitspielen. Das feindliche Klima und die langen Reisen wurden offiziell als Begründung angegeben, aber es war auch noch eine Zeit, in der die Nordländer im eigenen Königreich als hinterwäldlerisch galten. Mit dieser Diskriminierung und den Wunden von damals hat womöglich auch die Sache mit den Zahnbürsten zu tun – es gibt da unterschiedliche Versionen.
Jedenfalls bringen die Glimt-Fans gern riesige Zahnbürsten in der gelben Vereinsfarbe mit zu den Matches ihres Teams. Die Tradition begann in den 1970er-Jahren, bisweilen heißt es, als ironische Reaktion auf Lästereien über die vermeintlich schlechten Zähne der Nordländer.
Noch bekannter ist die Darstellung, wonach ein Anhänger namens Arnulf Bendixen während eines Spiels so frustriert über die mauen Fangesänge war, dass er mit irgendetwas den Takt vorgeben wollte – und in seinem Block nur eine Zahnbürste zur Hand war.
So oder so, vielleicht war es eine Mischung aus allem. Norwegens größte Zahnpflegefirma erfuhr von der Nummer und stattete die Fans fortan mit den gelben Bürsten aus. Früher sollen sie Gastmannschaften vor dem Match sogar als Geschenk vom jeweiligen Bodö-Kapitän überreicht worden sein.
Geschichten vom Polarkreis, fast zu schön, um wahr zu sein. Geradezu so, als ob ein Fußballklub aus einem Fischerort ins Champions-League-Viertelfinale einziehen könnte.
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