„Der VfB hat einen großen Vorteil“ – Stuttgarts gewachsener Einfluss bei der Nationalelf
Wenn der Bundestrainer am Tag vor einem Länderspiel auf der obligatorischen Pressekonferenz Einblick in seine Gedankenspiele gibt, sitzt dort meist ein Spieler neben ihm. In der Regel kommt der Auserwählte dann auch zum Einsatz. Für Sonntagnachmittag wurde Torhüter Alexander Nübel als weitere Gast neben Julian Nagelsmann vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) angekündigt.
Es ist also davon auszugehen, dass Nübel am Montagabend im WM-Testspiel gegen Ghana (20.45 Uhr/ARD) sein drittes Länderspiel absolviert. Die meisten Zuschauer im Stadion dürfte das freuen, findet die Partie doch in der Arena des VfB Stuttgart statt, bei dem Nübel die unangefochtene Nummer eins ist. In der Nationalelf hingegen ist er hinter Oliver Baumann, der beim 4:3 in der Schweiz am Freitagabend spielte, die Nummer zwei.
Nübel ist einer von fünf Profis des VfB, der zusammen mit dem FC Bayern die stärkste Fraktion in der Auswahl des viermaligen Weltmeisters bildet. Auch von den Münchnern sind fünf Spieler dabei. Hätten Aleksandar Pavlovic und Jonas Urbig in der vergangenen Woche aber nicht verletzungsbedingt abreisen müssen, würde der deutsche Rekordmeister aktuell den größten Block im Team von Nagelsmann bilden.
„Ein sehr, sehr guter Ballverteiler“, lobt Nagelsmann
Beim VfB Stuttgart freuen sie sich über die hohe Anzahl an Nationalspielern. „In erster Linie haben sich die Jungs das verdient“, sagte Alexander Wehrle, der seit 2022 Vorstandschef beim VfB ist, gegenüber WELT: „Ich freue mich für sie, weil es eine Anerkennung für ihre Leistungen ist. Aber dahinter stecken natürlich auch immer andere Spieler, die Trainer und Betreuer, die ihren Teil dazu beitragen, dass wir als Team funktionieren, in dem sich dann Spieler für Nationalteams empfehlen. Auch sie haben ihren Anteil daran.“
Wehrle verwies darauf, dass man aktuell insgesamt zwölf Nationalspieler beim VfB habe. In Bezug auf die deutschen Auswahlspieler erwähnte der 51-Jährige Angelo Stiller namentlich und brachte zum Ausdruck, dass er es „wie viele andere nicht verstanden habe“, warum Stiller anfangs nicht nominiert wurde.
Alexander Nübel wird gegen Ghana am Montag offenbar im Tor stehenBundestrainer Nagelsmann hatte im Kader für die Spiele gegen die Schweiz und Ghana zunächst auf Stiller verzichtet, der beim VfB Dreh- und Angelpunkt im Spiel ist – und dafür Pavlovic und Felix Nmecha vom BVB den Vorzug gegeben. Letzterer aber fiel dann ebenfalls verletzt aus, sodass Stiller in der Partie gegen die Schweiz neben dem Münchner Leon Goretzka sogar von Beginn an zum Einsatz kam – und den Bundestrainer überzeugte.
Nagelsmann lobte Stiller für seine Qualitäten als „sehr, sehr guter Ballverteiler“. Er sei ein Spieler, der extreme Ruhe ausstrahlen würde „und nie nervös wird, auch wenn er Druck hat, das macht er einfach gut“. 81 Minuten stand Stiller gemeinsam mit Goretzka auf dem Rasen, ehe der Bundestrainer mit Pascal Groß und Anton Stach eine neue Doppelsechs brachte.
Die Zahlen untermauern das gute Spiel von Stiller. Er hatte 79 Ballkontakte und spielte 72 Pässe, von denen 92 Prozent auch ankamen. Zudem gewann er die Hälfte seiner sechs Zweikämpfe. Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass Stiller einen Anteil am ersten Gegentor hatte. „Beim 1:0, finde ich, da kann er noch einen Tick aktiver verteidigen. Da lässt er den Gegner sehr weit in den Sechzehner kommen“, hatte Nagelsmann im Nachgang kritisiert – und wissen lassen, dass es zwei, drei Dinge gibt, „die ich mit ihm bespreche“.
Neben Nübel und Stiller gehören noch die Stuttgarter Chris Führich, der ebenfalls nachnominiert wurde, Josha Vagnoman und Deniz Undav zum DFB-Kader. Letzterer ist mit 23 Pflichtspieltreffern und 13 Vorlagen derzeit der mit Abstand beste deutsche Stürmer. Gegen die Schweiz musste Undav zuschauen. Im Angriff startete Kai Havertz, ehe später Nick Woltemade zum Einsatz kam.
Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify, Apple Podcasts oder direkt per RSS-Feed.
Dass Profis vom VfB ein Thema für die deutsche Nationalmannschaft sind, hat Tradition. Bei der EM 2024 stellten die Schwaben mit vier Spielern (Undav, Führich, Waldemar Anton und Maximilian Mittelstädt) nach dem FC Bayern (fünf) die stärkste Fraktion. Bei der WM 2010 zählten mit Sami Khedira, Cacau, Serdar Tasci und Christian Träsch ursprünglich vier Stuttgarter zum deutschen Kader. Da sich Träsch kurzfristig verletzte, reiste nur ein Trio mit nach Südafrika.
Bei der EM 2004 waren mit Philipp Lahm, Kevin Kuranyi, Andreas Hinkel und Timo Hildebrand ebenfalls vier Schwaben dabei, wie auch bei der EM 1984 – Guido Buchwald, Helmut Roleder sowie die Brüder Bernd und Karl-Heinz Förster. Eine WM oder EM mit mehr als vier Stuttgartern im deutschen Kader gab es in der Geschichte noch nie – dafür wurden aber drei Stuttgarter 1980 Europameister: die Förster-Brüder und Hansi Müller.
23. Juni 1980: Die Europameister um Bernard Dietz, Hansi Müller und Hans-Peter Briegel (v. l.) präsentieren den Pokal. Im Finale von Rom war tags zuvor Belgien besiegt wordenMüller, der frühere Stürmer, absolvierte von 1975 bis 1982 insgesamt 186 Spiele für den VfB und erzielte 65 Tore. Der 68-Jährige ist heute Markenbotschafter des Bundesligisten, der in der Bundesliga sieben Spieltage vor dem Saisonende auf Platz drei und damit auf Kurs Champions League liegt. „Dass so viele Spieler des VfB Stuttgart bei der Nationalmannschaft dabei sind, ist quasi ein Spiegelbild von dem, was der VfB abliefert“, sagt der 42-malige Nationalspieler im Gespräch mit WELT und bezeichnete Undav als Phänomen. „Was er zeigt, ist richtig gut“, sagt Müller und lässt ebenfalls durchblicken, dass es für ihn nachvollziehbar gewesen sei, dass Angelo Stiller anfangs nicht zum DFB-Aufgebot gezählt habe.
Nagelsmann gibt WM-Kader am 12. Mai bekannt
„Angelo Stiller ist nicht nur mein Lieblingsspieler beim VfB, sondern er ist der Inbegriff des einfachen Spiels. Mein erster Bundestrainer, der Helmut Schön, der hat mal in einer Besprechung in Argentinien bei der WM 1978 einen Satz gesagt, den ich bis heute nicht vergessen habe. ‚Jungs, denkt dran, die großen Spieler, die ganz großen, erkennt man daran, dass sie die einfachen Sachen besonders gut machen.‘ Und das ist Angelo, und jetzt kommt noch dazu, dass er ein Linksfuß ist. Der VfB hat einen großen Vorteil, weil er oft mit vier, fünf Linksfüßern spielt, was für die Gegner nicht einfach ist.“ Gegen die Schweiz hätte Stiller gut gespielt, ergänzt Müller, aber da sei noch Luft nach oben.
Am 12. Mai, das gab der DFB am Wochenende bekannt, wird Bundestrainer Nagelsmann um 13 Uhr seinen WM-Kader der Öffentlichkeit präsentieren. Man darf gespannt sein, für welche 26 Spieler sich Julian Nagelsmann entscheidet – und für wie viele vom VfB.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke