Die „beste Entscheidung“ war die Suspendierung des Weltfußballers
Frankreichs Ligue 1 gilt gemeinhin als mindestens so einseitig wie die deutsche Bundesliga. Insofern ist es ein überraschendes Bild, das sich vor dem Saisonfinish ergibt. Paris Saint-Germain liegt noch nicht entscheidend vor dem Racing Club Lens, zumal das direkte Duell beider Klubs noch aussteht. Ein kleiner Nachteil vor den Champions-League-Halbfinals gegen den national bereits gekrönten FC Bayern, aber immerhin auch mal wieder eine Steilvorlage für Luis Enrique. Der Pariser Trainer liebt wenig so sehr, wie den Medien die Leviten zu lesen. „Ihr wolltet doch immer ein umkämpftes Championat“, entgegnet er Kritikern, „nun, hier habt ihr es.“
Es ist keine kurvenfreie Saison für den PSG, der besonders in der ersten Hälfte für einen erholungsarmen Sommer bezahlte. Am letzten Maitag gewann man die Champions League mit einem epochalen 5:0 in München gegen Inter Mailand, dann ging es zur Klub-WM in die USA, die man ebenfalls bis ins Finale bestritt (Niederlage gegen Chelsea), und einen knappen Monat später standen schon wieder europäischer Supercup (Sieg gegen Tottenham) und der Beginn der Ligue 1 auf dem Spielplan. Eine Saisonvorbereitung existierte nicht, Verletzungen und Müdigkeit waren die Folgen.
Aber natürlich auch Ruhm und Status, wie sie Paris im Fußball vorher nie hatte. PSG, das war seit der Übernahme durch den Sportableger der katarischen Staatsholding 2011 immer ein vulgär reicher Verein, der mit Geld um sich warf wie allenfalls noch englische Konkurrenten. Der dabei ein Ensemble von Superstars anhäufte, das mäßig harmonierte und im entscheidenden Moment immer versagte. Ein Diven-Varieté, das für Unterhaltung sorgte, freiwillig oder nicht, aber außerhalb Frankreichs nichts gewann. Das für individuelle Glanzmomente stand, aber nicht für stilbildendes Spiel.
Schöpfer der neuen Pariser Herrlichkeit
Mittlerweile kommt dieser PSG als Nonplusultra daher und hat gute Chancen, als erster Klub nach Real Madrid die Champions League im heutigen Format zu verteidigen. Keinesfalls geht er als Außenseiter in die allseits als vorgezogenes Finale eingestufte Auseinandersetzung mit den Bayern. Zwar plagt er sich mit dem zwölfmal so bescheiden budgetierenden Lens herum, scheiterte im nationalen Pokal früh am Lokalrivalen Paris FC und musste in der Champions League, unter anderem wegen einer Vorrunden-Heimniederlage gegen die Bayern, eine Ehrenrunde in den Play-offs drehen. Doch letzteres war vor einem Jahr genauso.
Erneut scheint der PSG nun genau im richtigen Moment zu internationaler Hochform aufzulaufen. Chelsea und Liverpool wurden in Achtel- und Viertelfinale mit vier Siegen bei einer Gesamttordifferenz von 12:2 demontiert. Auch das erinnerte an die Vorsaison, als gleich drei Teams aus der Premier League den Weg zum Titel ebneten. „Das Paris von Luis Enrique schafft, was Frankreich nicht mal mit Napoleon Bonaparte gelang: England zu erobern“, witzelt im spanischen Heimatland des Trainers die Sportzeitung „As“.
PSG-Trainer Luis EnriqueLuis Enrique ist der Schöpfer der neuen Pariser Herrlichkeit, alle Erklärungen führen unweigerlich zu ihm. Im Juli 2023 kam er zu einem Verein, der im Champions-League-Achtelfinale kläglich am FC Bayern gescheitert war. Lionel Messi hatte die WM gewonnen und sein zweijähriges PSG-Abenteuer ohne allzu nennenswerte Spuren beendet. Neymar, seit seinem Rekordtransfer sechs Jahre zuvor für 222 Millionen Euro in jeder Hinsicht das Sinnbild des Klubs, wirkte immer derangierter. Kylian Mbappé, der dritte Hahn im Stall, verweigerte eine Vertragsverlängerung und war daher vom Training ausgeschlossen.
Luis Enrique ließ Neymar verkaufen, schloss eine Zweckgemeinschaft mit Mbappé für dessen letztes Jahr, forcierte die Verpflichtung von Ousmane Dembélé und kümmerte sich dann um das, was ihn wirklich interessiert: den Aufbau einer Mannschaft mit offensivem Gestaltungswillen, temporeichem Passspiel und gnadenlosem Pressing. Teamfußball auf der Basis der Schule des FC Barcelona, mit dem er 2015 die bis heute letzte Champions League der Katalanen gewann. Mit Paris ging es nun gleich bis ins Halbfinale, wo man zwar wegen schlechter Chancenverwertung an Borussia Dortmund scheiterte. Doch ein erster Schritt war getan, und Luis Enrique kündigte an: „Wir werden ohne ihn noch besser sein.“ Er meinte Mbappé.
Man mochte es für einen der typischen Sprüche eines Mannes halten, der im körperlichen wie im übertragenen Sinne gern die Brust herausstreckt. „No tenéis ni puta idea“, lautete der Titel einer von ihm autorisierten Dokuserie über sein erstes PSG-Jahr. In der jugendfreien Übersetzung: „Ihr habt nicht die geringste Ahnung.“ Zum robusten Charme von Luis Enrique gehört, dass man bei ihm nie so recht weiß, ob und wie viel Selbstironie mit von der Partie ist. Entscheidend im Hinblick auf sein Mbappé-Zitat war allerdings etwas anderes: Es sollte sich als prophetisch erweisen.
Während Frankreichs Vorzeigestürmer bei Real Madrid zumindest mittelbar eine funktionierende Mannschaft durcheinanderbrachte und aktuell auf Kurs der zweiten titellosen Saison liegt, feierte der PSG ohne ihn nicht nur den lang ersehnten Champions-League-Titel – sondern tat es auf eine so dominante Art und Weise, wie man es im Spitzenfußball nur selten erlebt. Beim 5:0 gegen Inter, dem höchsten Finalsieg in 70 Jahren Europapokalgeschichte, streifte das Pariser Spiel die Perfektion. Technisch wie taktisch, in seinem Tempo wie in seiner Variabilität.
Und während Mbappé trotz seiner galaktischen Liaison mit Real Madrid weiter auf einen Podiumsplatz beim Goldenen Ball wartet, ging die prestigeträchtige Auszeichnung für den Weltfußballer des Jahres an Dembélé. Ein Spieler, dem immer das Image des Luftikus angehaftet hatte. Der sich in Dortmund aus dem Vertrag streikte, der danach während sechs Jahren beim FC Barcelona nie stabil war, immer verletzungsanfällig und begleitet von Gerüchten über einen ungesunden Lebenswandel.
Luis Enrique fand die ideale Position für den beidfüßigen Angreifer – er lässt ihn als „falsche Neun“ auflaufen, als mobilen Mittelstürmer im Raum. Luis Enrique machte ihn außerdem zu einem der intelligentesten Profis im Pressing – als Speerspitze löst Dembélé die Mechanismen des Teamschwarms aus. Doch „meine beste Entscheidung“ nannte der Trainer rückblickend eine Disziplinarmaßnahme aus dem Herbst 2024. Wegen eines Streits strich er Dembélé für ein Europacupspiel bei Arsenal aus dem Kader. Anders als bei vorherigen Stationen reagierte Dembélé positiv auf den Affront und steigerte sein Engagement. „Wenn du nicht bei hundert Prozent bist und dich nicht anstrengst, spielst du bei Luis Enrique nicht“, erkannte er.
Einst in Dortmund gestreikt: Weltfußballer Ousmane DembéléDer 55-Jährige, seinerseits zum Coach des Jahres gekürt, hat in Paris eine zuvor undenkbare Trainerautorität etabliert. Keine Entscheidung wird ohne sein Plazet getroffen. Dabei ergänzt er sich mit dem ein Jahr vor ihm zum PSG gekommenen Sportdirektor Luis Campos, einem brillanten Kaderplaner, der bei Überraschungsmeistern wie Monaco oder Lille bewiesen hatte, wie weit ein gut komponiertes Team den Wert seiner Einzelteile übertreffen kann. Der katarische Vereinspräsident Nasser Al-Khelaifi vertraut dem Duo vollkommen – „das Ende vom Bling-Bling“ schillernder Superstars war sein expliziter Auftrag.
An exzellenten Darstellern mangelt es in Luis Enriques Autorentruppe trotzdem nicht. Das High-Speed-Sturmtrio mit Dembélé, 28, dem georgischen Dribbelkönig Khvicha Kvaratskhelia, 25, und Jungstar Desiré Doué, 20, steht dem der Bayern aus Harry Kane, Michael Olise und Luis Díaz in Qualität nicht nach; auf der Ersatzbank warten dann noch Alternativen wie Bradley Barcola, 23, ebenfalls französischer Nationalstürmer. Die Außenverteidiger Achraf Hakimi, 27, und Nuno Mendes, 23, sind die Weltbesten auf ihrer Position und können überall auf dem Platz auftauchen. Im Zentrum führt mit dem Portugiesen Vitinha, 25, der aktuell wohl weltbeste Spielmacher die Regie, assistiert von seinem kaum weniger veranlagten Landsmann João Neves, 21.
Neue Idee auch bei den Gehältern
Für Augenhöhe mit so einem Team werden die Bayern alles Selbstvertrauen vom gelungenen Exorzismus gegen Real Madrid benötigen. Sie könnten allerdings davon profitieren, dass Vitinha, Nuno Mendes und Mittelfeldallrounder Fabián Ruiz zuletzt verletzt ausfielen. Eine Schwachstelle bietet womöglich auch das Pariser Tor. Dort hat Zugang Lucas Chevalier so weit enttäuscht, dass ihm derzeit der ursprüngliche Ersatzmann Matvey Safonov vorgezogen wird. Vorige Saison retteten noch die Glanzparaden von Welttorwart Gianluigi Donnarumma manches Ergebnis.
Der Keeper wurde dann nach Manchester ziehen gelassen, weil er, wie Campos erklärte, „ein Gehalt auf dem Niveau des PSG von früher verlangte, nicht auf dem des PSG von heute“. Paris lässt sich nicht mehr von den Stars erpressen und verteilt seine gegenüber der Bling-Bling-Epoche um fast 200 Millionen Euro gesunkenen Lohnkosten lieber in die Breite. Nach einer Studie von „L’Équipe“ kassiert PSG-Topverdiener Dembélé mit 1,5 Millionen Euro im Monat weniger als bei den Bayern in Kane, Jamal Musiala, Manuel Neuer, Joshua Kimmich und Dayot Upamecano gleich fünf Profis.
Allerdings schreibt PSG weiterhin Verluste, wenn auch weit geringere als früher. Vor allem in zwei Bereichen können die Pariser noch zulegen. Bei den Fernseheinnahmen erlöst die Ligue 1 nach dem Absprung zahlreicher Anbieter so wenig Geld, dass in einer Anwerbeaktion für den ligaeigenen Streamingdienst an diesem Wochenende alle Partien gratis ausgestrahlt werden. Beim Thema Stadion wiederum antichambrierte der Verein jahrelang erfolglos bei der Stadt für einen Ausbau. Unterdessen lässt der Verein zumindest in einer Personalie keinen Zweifel daran, dass alles nötige Geld in die Hand genommen wird. Luis Enrique steht vor einer Vertragsverlängerung bis 2030, er soll dafür besser entlohnt werden als jeder seiner Spieler. Der Star in Paris ist inzwischen der Trainer.
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