Freiburgs Stadionsprecherin – eine Wohltat zwischen all den Krakeelern
Die Sensation ist perfekt. Der SC Freiburg steht erstmals in seiner Geschichte in einem Europapokal-Endspiel. Als der erlösende Schlusspfiff im Rückspiel gegen den portugiesischen Klub SC Braga ertönte, brachen im Stadion alle Dämme. Nach dem 3:1 stürmten die seligen Fans auf das Spielfeld und feierten ihre Helden, die natürlich in den Reihen der Mannschaft zu suchen waren. Eine Gewinnerin aber saß auch oben auf der Tribüne: Stadionsprecherin Julica Goldschmidt.
Solch ein Europokal-Halbfinale schauen ja auch viele Menschen, die in der Regel Spiele des SC Freiburg nicht in voller Länge verfolgen. Denen fiel dann auf, dass dort eine Frau die Durchsagen macht. Was schon mal eine Seltenheit ist: Die 35‑Jährige ist eine von zwei Stadionsprecherinnen in der Bundesliga. Aber darum soll es hier gar nicht gehen, sondern um ihre wohltuende Art.
Goldschmidt ist tatsächlich noch Stadionsprecherin, nicht Krakeelerin, Schreihälsin oder Selbstdarstellerin wie so viele ihrer Kollegen. Goldschmidt sagt, was zu sagen ist. Sie gibt die Zuschauerzahl durch, nennt die Einwechslungen und gut ist. Natürlich hebt auch sie bei Toren ihres Vereins freudig die Stimme und lässt die Zuschauer den Nachnamen des Torschützen ausrufen – das muss mittlerweile so sein. Sie schreit aber nicht wie eine Wahnsinnige auf das Mikrofon vor ihr ein, als sei sie von diesem gerade aufs Tiefste beleidigt worden.
Wofür ist noch mal dieses Mikrofon hier gut?
Das ist nämlich in der jüngeren Vergangenheit Standard in Fußballstadien geworden. Ansager sehen sich zunehmend nicht mehr als Informationsquelle, sondern als Alleinunterhalter, Einheizer und Selbstdarsteller. Manche brüllen nach jedem Tor so ausdauernd und laut in ihr Mikrofon, als wüssten sie nicht, welchen tieferen Sinn das Gerät vor ihnen hat. Andere stolzieren und tanzen (ebenfalls schreiend) durch das Stadion, als seien sie der Hauptact des Tages. Oder sie sind so empathielos, dass sie selbst beim Stand von 0:2 in der 88. Minute noch glauben, dass irgendwer auf dem mentalen Nachhauseweg noch bereit sei, den Familiennamen eines mäßig begabten Einwechselspielers rufen zu wollen.
Änd ei-i-ei will olwäys laaav juuuuuuuuuu-uuuuuWir führten hier vor einigen Jahren ein Interview mit Robert Moonen, der schon damals seit über 50 Jahren Stadionsprecher bei Alemannia Aachen war und dies bis heute noch ist. Der heute 80-Jährige sagte da: „Wenn die Alemannia von mir verlangen würde, dass ich wie der Stadionsprecher in Leipzig ein gelbes Sakko oder einen gelben Anzug anziehen müsste, blöd über den Platz rumzuspringen hätte und die Mannschaftsaufstellung tanzend verkünden müsste, dann wäre das mein letzter Arbeitstag.“
Ob es Frau Goldschmidt ähnlich ginge, wissen wir natürlich nicht. Es könnte aber gut sein.
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