Zu Besuch beim übermächtigen Freund
Russlands Präsident Putin ist wegen des Überfalls auf die Ukraine im Westen isoliert. Doch mit China hat der Kremlchef einen starken Verbündeten gefunden. Bei einem Besuch in der Volksrepublik sollen die Beziehungen noch einmal vertieft werden.
Wladimir Putins zwanzigste offizielle Visite in China als russischer Präsident werde völlig beispiellos sein, kündigte Kremlsprecher Dmitri Peskow an. Wohl nicht nur, weil sie vier Tage dauert. "Mit China haben wir eine besondere privilegierte strategische Partnerschaft, ihr Umfang ist kaum zu überschätzen", sagte Peskow. Gleichzeitig sei man sich mit den chinesischen Genossen einig: "Das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft."
In Peking soll Russlands Konzern Gasprom ein weiteres Abkommen mit China unterzeichnen. Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine und der folgenden Sanktionen ist China mit Abstand der größte Abnehmer von russischem Öl und Gas. In einem Vorab-Interview für Chinas Nachrichten-Agentur Xinhua erklärte Putin, dafür sei sein Land ein Hauptmarkt für chinesische Autos.
Keine Angst mehr vor Comeback deutscher Autos
Maxim Galichenkovs Firma Peloton vertreibt sie in Moskau. Der Händler bestätigt, dass vor dem Krieg ihr Marktanteil bei gerade zehn Prozent gelegen hätte, jetzt sei es über der Hälfte. Das hat die Sanktionen abgemildert. Von 2022 bis 2024 hätten die Menschen den unbekannten Marken vorsichtig gegenübergestanden, sagt Galichenkov. Jetzt hätten sie sich bewährt. "Unser Verkauf ist robust. Wir Händler chinesischer Autos fürchteten die Rückkehr von Audi, BMW oder Volkswagen. Aber jetzt machen wir uns über ein Comeback keine Sorgen mehr."
Moskau und Peking lehnten gemeinsam "diskriminierende" Sanktionen im Welthandel ab, sagte Putin in dem Interview. Die Partnerschaft beider Länder sei ein stabilisierender Faktor. Man schaue - was eine "gerechte multipolare Weltordnung" anbelangt - in dieselbe Richtung.
Putin erinnerte auch an den Zweiten Weltkrieg und wiederholte sinngemäß seine Aussagen vom Tag des Sieges am 9. Mai in Moskau: "Zusammen mit unseren chinesischen Freunden wachen wir entschieden über die historische Wahrheit, schützen die Erinnerung an die Kriegsjahre und wirken neuem Neonazismus und Militarismus entgegen."
Dieses Narrativ gibt Putin auch für seinen Krieg gegen die Ukraine vor. China ist ideologischer Partner - genau wie dort überwacht Russland per Internet und Gesetz täglich mehr seine Bevölkerung. China ist auch der größte Handelspartner für Moskau.
Warenaustausch ist gesunken
Doch die Lage habe sich eingetrübt, erklärte China-Experte Alexej Tschigadajew beim unabhängigen YouTube-Kanal "Schiwoj Gwozd": Von Januar bis Juli dieses Jahres sei der Warenaustausch zwischen Russland und China um mehr als acht Prozent gesunken. Nach Russland kämen weniger chinesische Autos und Russland selbst exportiere weniger Öl und Gas.
"Chinas Wirtschaft wächst nicht mehr wie vorher", sagt Tschigadaiew. "Wir werden also kein bilaterales Rekord-Handelsvolumen von mehr als 240 Milliarden Dollar sehen wie noch letztes Jahr."
Chinas Wirtschaft ist etwa neunmal größer als die Russlands. Peking erhält von Moskau schon Sonderpreise, sitzt aber am längeren Hebel. Während Chinas Staatschef Xi Jinping weltweit hofiert wird, ist Putin zumindest im Westen isoliert. Deshalb habe China noch einen Trumpf mehr, sagt Tschigadaiew. "Darüber werden sie sicher sprechen. Sie werden sagen: 'Lieber Freund Wladmir, wir setzen uns wegen Dir Kritik aus, weil wir Öl und Gas bei Dir kaufen. Vielleicht bietest Du uns noch was an, einen neuen Flugzeugmotor vielleicht. Damit wir Dir weiter helfen!'"
China drohen Strafzölle aus den USA. Krach vermutet der China-Experte dennoch nicht. Putin komme schließlich zu Xis Feier zum 80. Jahrestag des Sieges über Japan. Da schüttle man Hände, besonders weil Putin als Hauptgast der Parade gilt, das feiert der Kreml. Global gesehen braucht aber auch China einen Partner als Gegengewicht zu den USA.
"Russlands Regime ist für China günstig"
Es sei besser, einen ruhigen Nachbarn im Norden zu haben, als keinen, der einen von allen Seiten schützt und über Land Energie liefert, sagt Tschigadaiew. "Russlands Regime ist für China günstig. Sie haben mit einem Mann zu tun, den sie seit 25 Jahren kennen und schätzen. Besser als eine unvorhersehbare Demokratie."
Im chinesischen Geschäftsviertel im Nordosten Moskaus ist der Unternehmer Roman Dmitriev im Huamin-Park mit seinen Tempeln und Teichen ganz pragmatisch: "China bedeutet Industrie und Arbeitsmarkt, aber nicht Technologie. Die kommt aus den USA und Europa. Sobald sich der Westen wieder für uns öffnet, switchen wir zurück. Jetzt aber ist China unsere Trägerrakete. Vergleichbar mit einem sportlichen Klassenkameraden, der für Dich kämpft."
So schnell wird das Switchen nicht gehen, sagt Natalya Wang, die in Moskau die Sprachschule "Chinese First" leitet und wachsende Schülerzahlen hat: "Der Trend geht aufwärts. Wir sehen, wie die Lage der russischen Wirtschaft ist. Das wird sich wohl in den nächsten fünf Jahren nicht ändern. Angestellte mit Chinesisch-Kenntnissen sind deshalb sehr gefragt."
Auch die Touristenströme hätten sich mehr als verdoppelt, vermeldete Putin in seinem Vorab-Interview. Nun muss der Kremlchef in China aber erstmal seine Alliierten bei der Stange halten.
Benjamin Eyssel, ARD Peking, tagesschau, 31.08.2025 06:57 UhrHaftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke