Endometriose: Vom System nicht vorgesehen
"Mädchenbauchweh" – mit diesem Diminutiv bin ich aufgewachsen. Wir waren eine ganze Horde von Mädchen mit "Mädchenbauchweh". Wenn eine Mitschülerin im Sportunterricht gekrümmt vor Schmerz und nicht mehr dazu fähig, aufrecht zu gehen, auf der Ersatzbank saß und kurz vor der Ohnmacht stand, dann hatte sie: Mädchenbauchweh. Heute weiß ich: Vermutlich war auch sie eine von diesen zehn Menschen im gebärfähigen Alter, die an Endometriose leiden. Damals wussten wir das nicht – da dachten wir, das sei ganz normal.
Endometriose, eine chronische gynäkologische Erkrankung, ist eines von vielen Beispielen für Geschlechterungleichheit in der Medizin. Laut Gender-Health-Gap-Report des Weltwirtschaftsforums aus dem vergangenen Jahr leben Frauen weltweit durchschnittlich um 25 Prozent weniger Jahre bei guter Gesundheit als Männer. Ein eindrückliches Beispiel: Weil sich die Symptome von Herzinfarkten bei Männern und Frauen stark unterscheiden, bleiben Infarkte bei Frauen oft unerkannt – und obwohl sie sich in medizinische Behandlung begeben, wird ihnen nicht geholfen.
Mangel an Geld, Zeit und Wissenstransfer
Aber zurück zur Endometriose: Zertifizierte Endometriosezentren wie das an der Charité in Berlin erleben einen regelrechten Ansturm. Oberärztin Sylvia Mechsner berichtet von mehr als 30 Anfragen pro Tag. Sie kann lange nicht alle behandeln und muss Triage betreiben, die weniger schlimmen Fälle aussortieren.
Im Durchschnitt sind Betroffene von Endometriose 34 Jahre alt und leben oft schon lang mit der Erkrankung. Mechsner zufolge leiden Betroffene durchschnittlich schon sieben Jahre an Symptomen, bis die Endometriose endlich diagnostiziert wird. Es mangelt an vielem. An Geld, an Zeit, an Wissenstransfer.
Eine Erfahrung, die auch ich machen musste: Symptome werden von Hausärzten oder Gynäkologinnen nicht erkannt. Schmerzen in den Beinen? "Sie haben Muskelkater!" Unerträgliche Unterleibsschmerzen auch vor der Menstruation? "Sie haben Verdauungsprobleme!" Diese Liste ließe sich endlos fortführen. Kleiner Hinweis an die Ärztinnen und Ärzte dieser Welt: Mit Mitte 30 können FLINTA* meist schon einen drückenden Pups von einem schmerzenden Eileiter unterscheiden.
Niedergelassene Gynäkologinnen und Gynäkologen haben, erklärt Sylvia Mechsner, im Schnitt rund fünf Minuten Zeit für die Diagnose einer Endometriose – geht man danach, wie sie diese Diagnose abrechnen können. Der Fehler liegt, man ahnt es, im System, das diese Erkrankung auch finanziell schlichtweg nicht vorsieht.
Endometriose zeigt strukturelle Ungleichheit im Gesundheitssystem
Endometriose ist ein klassisches Beispiel für die strukturelle Ungleichheit im Gesundheitssystem. Obwohl die Erkrankung Millionen Menschen mit Gebärmutter betrifft, hinken Forschung und medizinische Versorgung meilenweit hinterher. Betroffene warten jahrelang auf eine Diagnose. Sie leiden jahrelang, sitzen jahrelang schmerzgeplagt auf Ersatzbänken, in der Schule, in der Uni, im Job.
Der Erforschung von Endometriose ist bisher schlichtweg zu wenig Priorität eingeräumt worden. Der Gender Health Gap zeigt, wie sehr die Medizin immer noch verstärkt an Männern ausgerichtet ist. Gleichzeitig ist die Gesundheit von Frauen noch immer durch eine viel geringere Datenlage als bei Männern gefährdet. Viele Medikamente werden vor allem an männlichen Körpern getestet. Nebenwirkungen oder andere Wirkmechanismen bei Frauen bleiben daher oft unberücksichtigt.
Einen kleinen Wermutstropfen gibt es nun: Seit 2023 werden vom Bund fünf Millionen Euro jährlich zur Erforschung von Endometriose zur Verfügung gestellt. Ende Mai hat das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt mitgeteilt, die Gelder auf 8,5 Mio. Euro aufstocken zu wollen. Das klingt zunächst nach einer ordentlichen Summe – und ja, besser 8,5 Millionen als nichts. Aber bedenkt man, wie aufwändig und teuer umfassende Studien sind, sind diese Gelder zwar ein erstes Zeichen dafür, dass Erkrankungen wie Endometriose peu à peu auch ins Licht der Politik rücken – und dennoch nur ein Tropfen auf den heißen Mädchenbauchwehbauch.
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