• Vom Beatles-Sound zum Staatsfeind: Wie die SED vorging
  • Polizeieinsatz gegen Jugendliche: Schlagstöcke, Wasserwerfer und Festnahmen
  • Zwangsarbeit als Strafe: Wie der Staat junge Musikfans brechen wollte
  • Trotz Verboten: Wie Leipziger Beatbands weiterspielten

"She loves you, yeah, yeah, yeah". Nur ein paar Akkorde, ein paar Worte, doch für Stephan Langer als Teenager in der DDR wurde so die Welt plötzlich eine andere. Ein Röhrenradio in der Küche, die Beatles aus dem Westen, Gänsehaut auf den Armen. "Da standen mir die Haare zu Berge", erinnert er sich. Aus dieser elektrisierenden Begegnung mit der Beatmusik entstand seine Band "The Devils" – ein Echo der großen Vorbilder aus Liverpool, mitten in der DDR.

Die frühen 60er, eine kurze Phase des Aufbruchs: Die Behörden gaben sich liberal, Jugendclubs öffneten die Türen, Bands übten Beatles-Riffs und Rolling-Stones-Grooves. Musik als Ventil, als Freiheit, als Zukunft.

Doch dieser Traum endete abrupt: Im Herbst 1965. In West-Berlin eskalierten bei einem Rolling-Stones-Konzert die Emotionen. Die Band musste ohne Zugabe aufhören, weil die Veranstalter die Anlage abschalteten. Die enttäuschten Fans randalierten. Es gab über 80 Verletzte.

Vom Beatles-Sound zum Staatsfeind: Wie die SED vorging

Für die Hardliner im SED-Staat ein gefundenes Fressen. Der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht erklärte das westliche "Yeah-Yeah-Yeah" zur Gefahr. In Leipzig setzte Paul Fröhlich den Ton. Der erste Sekretär der SED-Bezirksleitung entzog allen 49 Beatbands die Spielerlaubnis.

Außerdem setzte eine beispiellose Medienkampagne gegen die Beat-Fans an, erklärt Juliane Thieme vom Leipziger Archiv Bürgerbewegung. Die Historikerin hat sich intensiv mit dem Verbot beschäftigt und auch ihre Examensarbeit darüber geschrieben: "Langhaarige wurden pauschal als asozial, kriminell, staatsfeindlich eingeschätzt."

Doch die Jugendlichen ließen sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil: Drei Schüler druckten mit einem Kinderstempelkasten 200 Flugblätter. "Sie klebten sie an Litfaßsäulen, warfen sie in Straßenbahnen, legten sie am Hauptbahnhof ab", berichtet Thieme. Schnell wurden diese gefunden und es erging eine Meldung an die Staatsorgane.

Polizeieinsatz gegen Jugendliche: Schlagstöcke, Wasserwerfer und Festnahmen

Erst dadurch kam richtig Schwung in den Protest. "Uns haben die Lehrer auf die Demonstration hingewiesen", sagt Thomas Loest, Sohn des Schriftstellers Erich Loest. Die Lehrer wollten den damaligen Schüler eigentlich vor der "staatsfeindlichen" und verbotenen Demonstration" warnen.

Auf einmal hieß es ‚Schlagstock frei‘. Wir haben überhaupt nicht damit gerechnet, dass wir zusammengeknüppelt werden.

Burkhard SiegelDemo-Teilnehmer

So standen am 31. Oktober 1965 rund 1.000 Jugendliche auf dem Leuschnerplatz. Ein Programm oder eine Kundgebung gab es nicht. Dieses Vakuum füllte dann die Volkspolizei. "Polizei ringsherum und Panzerspähwagen, Maschinenpistolen, Schäferhunde", erinnert sich Burkhard Siegel, der dabei war.

Die Schüler hätten nur friedlich dagestanden: "Auf einmal hieß es ‚Schlagstock frei‘. Wir haben überhaupt nicht damit gerechnet, dass wir zusammengeknüppelt werden", so Siegel. Die Polizei setzte gegen die jungen Demonstranten auch einen Wasserwerfer ein. Schon vor dem 31. Oktober waren 90 Jugendliche festgenommen worden. Am Tag der Demonstration gab es 267 Festnahmen.

Zwangsarbeit als Strafe: Wie der Staat junge Musikfans brechen wollte

Die Historikerin Juliane Thieme hat sich intensiv mit dem Verbot der Beatmusik beschäftigt und auch ihre Examensarbeit darübergeschrieben.Bildrechte: MDR exakt

Historikerin Thieme kommt nach ihren umfangreichen Recherchen zu dem Schluss, dass es den Staatsorganen nie darum gegangen ist, die Ansammlung einfach zu zerstreuen. "Es ging darum, sie einzusammeln, auf LKWs zu verladen." Die Jugendlichen sollten in Arbeitserziehungslagern diszipliniert werden.

Genau das passierte mit Burkhard Siegel. Zuvor wurde er mit dem Gummiknüppel niedergeschlagen und dann von Volkspolizisten auf einen LKW geworfen und in eine Haftanstalt gebracht: "Dann wurden wir in einen langen Gang getrieben. Wir standen dort wie Schwerverbrecher: Arme breit, Beine breit." Lange hätten sie so stehen müssen. "Sie kamen immer wieder vorbei und schlugen dann mit ihren Stiefeln gegen ein Bein."

Am nächsten Morgen wurde Siegel mit den anderen Verhafteten zur Zwangsarbeit in die Braunkohle gebracht. Nach drei Wochen Arbeitslager wurde er entlassen. Da er bei einem privaten Handwerker in die Lehre ging, hatte er keine weiteren Schwierigkeiten.

Trotz Verboten: Wie Leipziger Beatbands weiterspielten

Andere traf es härter. Sie mussten körperliche Schwerstarbeit verrichten, sollten gebrochen werden. Dr. Bernhard Glauch war damals Lehrling. "Ich musste dann als Kellerarbeiter arbeiten." Das hieß Pigmente in Säcken bis anderthalb Zentner auf Paletten laden. "So haben sie mich versucht müde zu machen."

Müde zu machen, weil Glauch nach der Arbeit auf der Abendschule das Abitur machte und das nicht bestehen sollte. Wegen seiner Teilnahme an der Beat-Demo wurden dem leidenschaftlichen Hobbymusiker viele Steine in den Weg gelegt. Er trotzte den Schikanen und war so erfolgreich, dass er später zum Techniker promovierte.

Stephan Langer und "The Devils" fanden einen Ausweg, wie sie doch weiter Musik machen konnten. Da englisch verpönt war, nannten sie sich um in "Luniks". "Klingt nach Sowjetunion", sagt er. "Lunik war eine Mondsonde, die sie hochgeschickt haben." Der neue Name habe für die Band nichts geändert: "Wir spielten Wulle Bulle wie vorher."

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