Cyberpsychologin: "Mobbing wird im Netz immer mehr zur Norm"
MDR AKTUELL: Bei Mobbing und Cybermobbing denken die meisten wahrscheinlich erstmal an Kinder und Jugendliche. Kommt Mobbing bei Erwachsenen seltener vor?
Catarina Katzer: Nein, überhaupt nicht. Studien zeigen, dass ein Drittel der Erwachsenen, also der Über-Achtzehnjährigen, von Mobbing betroffen ist. Eine ältere Studie von vor ein paar Jahren zum Thema Cybermobbing zeigt, dass jeder zehnte Erwachsene angibt, Opfer von Cybermobbing geworden zu sein. Wobei man sagen muss, dass ein Viertel der Erwachsenen schon Cybermobbing digital beobachtet hat. Das heißt, dass das Dunkelfeld durchaus groß ist.
Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass die Zahl der Erwachsenen, die schon mal Mobbing oder Cybermobbing erlebt hat, immer größer wird. Woran könnte das liegen?
Wir sehen, dass in den vergangenen Jahren die Fälle von Cybermobbing und Mobbing deutlich gestiegen sind. Das hat eigentlich schon lange begonnen, aber Corona war sozusagen ein Brandbeschleuniger und das Leben in diesem Dauerkrisenmodus. Nach Corona kam dann die Kriegssituation und man muss sagen, dass das die Gesellschaft insgesamt sehr stark verunsichert hat. Die psychische Belastung nimmt extrem zu, Ängste, Zukunftsängste nehmen zu und vielfach weiß man nicht, wie damit umzugehen ist.
Dann kommt hinzu, dass die Impulskontrolle deutlich abnimmt und auch die Problemlösefähigkeit der Menschen, also Probleme konkret anzugehen. Das hat auch etwas mit unserem digitalen Verhalten zu tun. Denn im Netz ist der Rhythmus sehr schnell. Wir bekommen für alles eine schnelle Lösung und das wirkt sich auch auf unser reales Verhalten und auch unser Denken, auf unseren Umgang damit aus. Wir müssen alles sofort erledigen und das hat auch etwas damit zu tun, dass wir schneller aggressiv reagieren.
Und dann kommt noch ein vierter wichtiger Punkt hinzu. Wir sehen, dass Gewalt und Aggression, Mobbing im Netz immer mehr zur Norm wird. Das heißt, die Täter von Cybermobbing haben überhaupt kein schlechtes Gewissen mehr, dieses Verhalten auszuüben.
Wir sehen auch, dass in den vergangenen Jahren bestimmte Gewaltformen, bestimmte Werte im Netz – gerade bei männlichen Jugendlichen und jungen Männern – sehr stark ankommen. Das sind toxische Männlichkeitsnormen, die Schwäche als Stigma propagieren, die sagen, Männer müssen dominant sein, um Stärke zu zeigen. Es wird auch sehr stark die antifeministische Linie gefahren, also frauenfeindliche, frauenverachtende Inhalte, Videos und Influencer, die hier tätig sind.
Mobbing und Cybermobbing treten häufig gleichzeitig auf. Wie hat sich Mobbing dadurch im Vergleich zu früher verändert?
Ich muss ganz klar sagen, dass Mobbing eine andere Qualität bekommen hat, dadurch, dass es eben nicht mehr nur auf dem Schulhof oder im Unternehmen stattfindet. Es war ja so, dass man, wenn man nach Hause geht, einen geschützten Raum hatte.
Cybermobbing findet aber über die Smartphones sozusagen 24 Stunden statt. Das heißt, ich nehme die Täter mit nach Hause, mit ins Kinderzimmer, weil immer und überall, über WhatsApp, über Mail, über Instagram oder TikTok aufpoppt, was andere über mich denken, was andere über mich veröffentlichen. Und das macht natürlich die psychische Belastung für Cybermobbing-Opfer deutlich höher.
Wir sehen gerade bei Kindern und Jugendlichen, dass jeder Vierte mittlerweile suizidgefährdet ist. Aber das haben wir auch bei den Erwachsenen. Da sagen immerhin 17 Prozent: "Wir denken an Suizid" – aber auch Alkoholmissbrauch, Tablettenmissbrauch, Depressionen werden dadurch geschürt. Also Cybermobbing ist deutlich belastender geworden.
Frauen sind der Studie zufolge öfter von Mobbing betroffen – Männer dafür etwas öfter von Cybermobbing. Wieso gibt es diese Geschlechterunterschiede?
Es war eigentlich in den vergangenen Jahren immer so, dass Frauen stärker gemobbt wurden – im normalen Umfeld, aber auch im Netzumfeld. Das hat etwas damit zu tun, dass Frauen eher als ein schnelles Opfer gelten, aber auch damit, dass Frauen eher sagen: "Wir sind Opfer". Das heißt, Männer outen sich nicht so gerne, gerade Erwachsene.
Dass das jetzt in der neuen Studie etwas anders ist, erstaunt. Es scheint auch so zu sein, dass sich Männer mittlerweile mehr outen, sich mehr trauen. Das sehen wir auch bei Kindern und Jugendlichen. Das heißt, dass auch Jungs sich mittlerweile eher anvertrauen. Das war vorher nicht so der Fall.
Aus welchen Gründen mobben Erwachsene überhaupt?
Bei den Erwachsenen findet es sehr häufig am Arbeitsplatz statt, aber auch im privaten Umfeld. Und wenn wir den Arbeitsplatz anschauen, dann ist es häufig so, dass dieses horizontale Mobbing oder Cybermobbing unter Gleichgesinnten, also unter Kollegen, stattfindet.
Vielfach hat man heute Angst um den Arbeitsplatz, man weiß nicht, wie die Zukunft für einen selber aussieht und das fördert natürlich auch Tendenzen, andere Leute aus dem Job zu drängen und die eigene Position zu sichern.
Wir haben aber auch von verschiedenen Hierarchieebenen Cybermobbing, das heißt, auch Vorgesetzte mobben andere Mitarbeiter oder Untergebene. Hier muss man allerdings sagen, dass das Mobbing so aussieht, dass häufig die Mitarbeiter oder Kollegen als inkompetent dargestellt werden und werden auch aus Meetings oder aus Treffen ausgeschlossen, indem man ihnen falsche Zeiten sagt.
Wenn wir auf das private Umfeld gucken, wenn man zum Beispiel an Ex-Freunde oder auch Ex-Freundschaften denkt, die auseinandergegangen sind: Da werden intime Fotos oder Videos veröffentlicht, auch private Fotos von Partys oder von ehemaligen Ferien, die man gemacht hat, die vielleicht auch ein bisschen peinlich sind. Aber es gibt auch einen Trend zu mit KI entstandenen Videos und Fotos. Denken Sie mal an Deepfake – auch das findet immer mehr Einzug in das Cybermobbing.
Viele Täter waren vorher selber Opfer von Mobbing oder Cybermobbing. Wie passt das zusammen?
Früher hatte man im Normalfall des Mobbings eigentlich kaum Möglichkeiten, sich zu wehren. Mobbing im realen Umfeld ist sehr schwierig durchzuführen. Wenn man Opfer ist, dann traut man sich schon gleich gar nicht.
Cybermobbing findet im digitalen Raum statt. Ich mache das von meinem Schreibtisch oder von meinem Kinderzimmer aus. Das heißt, ich sehe niemanden, ich bin für mich, ich mache es nur über das Smartphone und habe eine extreme emotionale Distanz zu den anderen, über die ich etwas Schlechtes schreiben möchte.
Das macht es einfach, das senkt die Hemmschwelle – auch für die Opfer, also dieses Gefühl, dass ich Angst haben muss, dass ich vielleicht wieder Opfer werde, das ist im realen Umfeld dann doch stärker als im digitalen Raum. Dadurch hat man eher das Gefühl, dann man sich jetzt auch mal wehren und die anderen zur Rechenschaft ziehen kann.
Wir sehen auch, dass wir Menschen haben, die andere rächen wollen. Also die sagen: Wir können im realen Umfeld nichts tun, aber im digitalen Raum.
Wie sollten Menschen, die gemobbt werden, am besten reagieren und wo können sie Hilfe bekommen?
Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass die Menschen das nicht in sich hineinfressen, sondern dass sie nach außen gehen, dass sie Hilfe suchen, dass sie Menschen ansprechen – vielleicht Kollegen im Unternehmen, mit denen sie sich gut verstehen oder einen guten Vorgesetzten oder auch in der Familie.
Für Kinder und Jugendliche haben wir im Netz einige Anlaufstellen, für Erwachsene gibt es die eigentlich kaum. Das Bündnis gegen Cybermobbing bietet auch Hilfe für Erwachsene an – leider Gottes gibt es das insgesamt in Deutschland viel, viel zu wenig. Das heißt also: Man sollte sich an Experten wenden, wie man mit der psychischen Belastung umgeht und hier ist eigentlich auch die Politik gefordert, dass die sozialen Netzwerke oder die Anbieter der Plattformen, auf denen Cybermobbing stattfindet, stärker in die Pflicht genommen werden.
Wir fordern schon seit langem einen Notfall-Button in ganz Deutschland auf allen sozialen Netzwerken, der immer sichtbar ist, egal, wo sich man sich im sozialen Netzwerk bewegt, wo dann praktisch jeder, der Opfer geworden ist, nur einen Klick von der Hilfe oder vom Rat entfernt ist – und wo auch Menschen, die das beobachten, sofort etwas melden und sagen können: Hier ist etwas, das nicht in Ordnung ist.
Das Bündnis gegen Cybermobbing ist der Meinung, dass Deutschland in Sachen Mobbing kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsproblem hat und fordert unter anderem ein Mobbinggesetz. Wie sehen Sie das?
Ja, ich denke, wir brauchen das ganz klar. Wir fordern das mittlerweile eigentlich schon seit Jahrzehnten. Wir brauchen gesetzliche Regelungen, die klarstellen, dass Cybermobbing in seinen Formen ein Straftatbestand ist. Weil bisher werden viele einfach abgewimmelt, dass man sagt: "Es ist eine Lappalie", "Es ist ja nicht so schlimm" oder "Dann gehen Sie doch aus dem Netzwerk heraus". und Ähnliches. Das ist ein Fehler.
In Österreich haben wir ein Cybermobbinggesetz, in Italien in anderen Ländern wie Neuseeland zum Beispiel auch. Also die sind schon viel weiter, haben das schon viel länger und nehmen noch ganz andere Maßnahmen in den Griff.
Ich glaube, gesamtgesellschaftlich muss man ein Zeichen setzen, dass Cybermobbing keine Lappalie ist und dass die Täter bestraft werden. Denn aus Sicht der Opfer bleiben die Opfer alleine, trauen sich nicht mehr sich in sozialen Netzwerken zu bewegen, trauen sich zum Teil auch gar nicht mehr auf die Straße – oder wenn der Beruf gewechselt wird, tauchen die Fotos und Videos und unangenehmen Dinge auch wieder in einem anderen Unternehmen auf. In der Schule ist es ähnlich. Die Opfer müssen wechseln und die Täter können bleiben. Das müssen wir verändern.
Gibt es denn noch andere Ideen, was man außer einem Gesetz umsetzen kann, um zu verhindern, dass Mobbing und Cybermobbing weiter zunehmen?
Spannend ist, wenn man auf der psychologischen Ebene versucht, Cybermobber davon abzuhalten, was sie tun. Wir haben Experimente gemacht, in denen wir Cybermobbern kurz bevor sie ihren Post oder das Video mit den bösen Texten weggeschickt haben, ein Pop-up auf ihr Smartphone oder auf ihren Laptop geschickt haben: "Weißt du, was du gerade machst?", "Möchtest du, dass das auch mit dir passiert?", "Weißt du, was du bei den anderen auslöst?"
Indem man den Tätern psychologisch gesehen den Spiegel vorhält, kann man die Schwelle erhöhen. Es schreckt nicht alle Täter ab, aber es ist eine Maßnahme, um zu den Leuten vorzuführen, wie sie eigentlich agieren und welches Verhalten sie mittlerweile an den Tag legen.
Ich glaube, wir müssen insgesamt auch viel mehr Zivilcourage im Netz zeigen und den Leuten den Spiegel vorhalten, wenn wir uns in den sozialen Netzwerken bewegen, dass wir sagen: "Hey, stopp, so könnt ihr nicht miteinander umgehen." Es gab auf Facebook mal die Gruppe "Ich bin hier", die sich gegen Hass gewendet hat, die gesagt hat: "Wir schützen euch, wir sind bei euch". Ich glaube, das muss viel mehr passieren. In den vergangenen Jahren hat die digitale Empathie und Zivilcourage eher abgenommen als zugenommen. Daran müssen wir arbeiten.
Die Fragen stellte Annekathrin Queck.
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