• Die Krisen der letzten Jahre haben sich auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt ausgewirkt. Über 80 Prozent der Deutschen empfinden das Land als gespalten.
  • Die Konfliktlinien ziehen sich entlang an Themen wie Migration, Klimaschutz oder soziale Ungleichheit.
  • Doch es gibt auch Hoffnung: Millionen Menschen engagieren sich ehrenamtlich und spenden für gemeinnützige Zwecke.

Feindseligkeiten in Kommentarspalten, Aggressionen auf der Straße, Themen, die aus Angst vor Konflikten gemieden werden. Das Zusammenleben in Deutschland scheint rauer geworden, der gesellschaftliche Zusammenhalt gesunken.

Menschen empfinden Spaltung

Mehr als 80 Prozent der Deutschen empfinden das Land inzwischen als mehr oder minder gespalten – das ist ein Ergebnis des jüngsten Polarisierungsbarometers vom Mercator Forum Migration und Demokratie (MIDEM) an der TU Dresden. Größtes Streitthema: die Migration. Weitere Themen, die die Gesellschaft spalten, sind das Klima und die Unterstützung der Ukraine. Ältere Menschen, Männer und Geringverdienende zeigen laut der Untersuchung die höchsten "affektiven" Polarisierungswerte, also bei Konfliktthemen die stärkste emotionale Aufladung.

Dass seit der Corona-Pandemie immer mehr Menschen die Gesellschaft als gespalten wahrnehmen, belegen auch Befragungen und Studien des Thinktanks "More in Common". 67 Prozent der Befragten einer Untersuchung von 2024 schätzten die deutsche Gesellschaft als "eher gespalten" ein. Parallel diagnostizierten die Macher in ihrem Impulspapier "Was uns verbindet" zudem große wahrgenommene Ungerechtigkeit.

"More in Common" registriert dabei ähnlich wie das Polarisierungsbarometer der TU Dresden das Empfinden von Ungerechtigkeit und Spaltung, nicht deren tatsächliche Ausprägung. Danach herrscht Pessimismus und Politikverdrossenheit, wenn die Befragten ihren Blick auf die Gesellschaft richteten, wie Forschungsleiter Jérémie Gagné im Interview mit MDR AKTUELL erzählt. Deutschland werde dann eher gespalten denn geeint empfunden und das Empfinden, wonach sich die meisten nur um sich selbst kümmerten, stehe im Vordergrund. Außerdem wachsen Gagné zufolge Zweifel an der politischen Handlungsfähigkeit.

In der Krise nicht zusammengerückt

Offenbar haben die Pandemie, Sorgen um die Strom- und Heizungskosten und die russische Aggression in der Ukraine nicht zusammengeschweißt, sondern im Gegenteil, das Vertrauen in Mitmenschen scheint ebenso gesunken wie das in Institutionen.

Nicht der Wahrnehmung sondern der tatsächlichen Qualität von gesellschaftlichem Zusammenhalt hat sich die Bertelsmann Stiftung zuletzt in einer Studie 2023 angenähert. Ergebnis war dabei, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt zwischen 2017 und 2023 gesunken ist.

Für die Untersuchung entwickelten die Studienmacher ein "Radar", das den gesellschaftlichen Zusammenhalt in neun Dimensionen misst. Jede dieser Dimensionen wurde dabei bei einer Umfrage mit mehreren Fragen gemessen.

Die Autorinnen und Autoren diagnostizierten eine Eintrübung des Zusammenhalts. Ob diese bleibt, ein erstes Zeichen einer Spaltung der Gesellschaft ist, oder wieder aufklart, bewerteten sie nicht.

Konflikte zwischen arm und reich, rechts und links

Die Gesellschaftsforschung widmet sich auch den Konflikten, die den Zusammenhalt schwächen. Laut "More in Common" verlaufen große Konfliktlinien zwischen arm und reich, zwischen den politischen Orientierungen sowie zwischen unterschiedlichen Einstellungen zu Klimaschutz oder Migration. Außerdem gibt es große Unterschiede beim Vertrauen in Institutionen und die Demokratie.

Natürlich sind gewisse Werte, Einstellungen, politische Präferenzen teilweise ungleich über unsere Gesellschaft verteilt. Was wir nicht sehen, ist, dass es zwei große, klar definierte Lager gibt, die einander in allen Fragen unversöhnlich gegenüberstünden, zwischen denen sich die gesamte Bevölkerung entscheiden müsste.

Jérémie GagnéMore in Common

Nicht die objektive Spaltung ist laut Gagné das Problem, sondern das Gefühl der Spaltung. So gebe es Zweifel an der Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Früher, so die Wahrnehmung, habe das Land besser funktioniert, sei es verlässlicher und effizienter gewesen. Es werde eine mutige und ambitionierte Politik erwartet statt einer "Klein-Klein-Verwaltung". Viele Menschen hätten den Glauben an die Leistungsgerechtigkeit verloren; insbesondere "Alltagshelden" – Berufstätige in der Pflege beispielsweise. Es herrsche ein großer Wunsch nach Wiederherstellung des gesellschaftlichen Versprechens.

Allerdings fühlen sich Gagné zufolge die Menschen im eigenen Umfeld, Verwandten, Arbeitskollegen oder Nachbarn gut verbunden.

Verbundenheit mit den Nächsten

Diese Verbindung im engeren Umfeld belegt auch die ARD-ZDF-Deutschlandradio-Zusammenhaltsstudie "Was die Gesellschaft zusammenhält und was öffentlich-rechtliche Medien dazu beitragen". Zwei Drittel, nämlich 67 Prozent der Befragten, spüren demnach ein starkes Zusammenhaltsgefühl in der Familie, im Verein, unter Kollegen – also im engeren Umfeld.

Auch diese Studie kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass die Menschen mit deutlich mehr Skepsis aufs große Ganze blicken. Immerhin ein Drittel ist der ARD-ZDF-Studie zufolge etwa nicht zufrieden mit dem aktuellen Zustand der Demokratie.

Die ARD-ZDF-Studie fragte nach der Wahrnehmung von "Gefährdung" für den Zusammenhalt. Sie erlaubt auch den Blick auf die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Deutlich mehr Menschen sehen den gesellschaftlichen Zusammenhalt demnach im Osten gefährdet als im Westen.

Weitere soziodemografische Merkmale der Befragten, die mit einer höheren Gefährdungswahrnehmung einhergehen, sind Alter und Wohnort. Ältere sowie Bewohner von Orten mit weniger als 50.000 Einwohnern sehen den gesellschaftlichen Zusammenhalt demnach ebenso als stärker gefährdet an.

Hohes Spendenaufkommen und großes Engagement

Über die Bereitschaft zu spenden und über Zahlen zum ehrenamtlichen Engagement kann man sich der Frage annähern, wie sehr Menschen bereit sind, für andere Verantwortung zu tragen. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland nach einer Erhebung des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) unter den 30 Organisationen im DZI Spenden-Index rund 12,5 Milliarden Euro für gemeinnützige Zwecke gespendet. Das ist etwas weniger als im Vorjahr, aber angesichts des "schwierigen wirtschaftlichen und politischen Umfelds weiterhin auf einem sehr hohen Niveau", meinte DZI-Chef Burkhard Wilke bei Vorstellung der Zahlen.

Und rund 16,9 Millionen Menschen engagieren sich laut Allensbach ehrenamtlich in Deutschland, arbeiten also freiwillig und unentgeltlich bei einer Organisation, einer Initiative, einem Verein oder etwas Ähnlichem – viele davon in Sportvereinen, kirchlichen Einrichtungen und Hilfsorganisationen sowie bei der Feuerwehr und dem Technischen Hilfswerk. Diese Zahl ist seit 2019 einigermaßen stabil. Nach Angaben der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt sind es sogar 29 Millionen Menschen in Deutschland, die sich ehrenamtlich einbringen – und es kursieren sogar noch höhere Zahlen.

Zusammenhalt rückt auf die politische Agenda

Mit den politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre ist der gesellschaftliche Zusammenhalt nicht nur in der Wissenschaft in den Blick geraten. Die Stärkung des Zusammenhalts ist vor dem Hintergrund der Spaltungswahrnehmung auch in der Politik präsenter. 16-mal kam das Schlagwort "gesellschaftlicher Zusammenhalt"im Koalitionsvertrag 2021 vor, vier Jahre später 19-mal.

Derzeit bereitet das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) seinen neuen Zusammenhaltsbericht vor. Im Fokus diesmal: die sozial-ökologische Transformation – wie die Deutschen das Thema Klimawandel bewerten. Vorgestellt wird der Bericht am 13. November in Berlin. Am Abend laden das Zukunftszentrum Deutsche Einheit und Europäische Transformation und der Mitteldeutsche Rundfunk ein zur Podiumsdiskussion in die Franckeschen Stiftungen in Halle.

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