Turbo-Radikalisierung durch Soziale Medien
Radikalisierung in Wochen statt in Monaten – Social Media soll es möglich machen. Experten sprechen in diesem Zusammenhang von "Turbo-Radikalisierung". Der islamistische Terroranschlag in Solingen und der Messerangriff im österreichischen Villach sollen Beispiele dafür sein, wie sich junge Menschen innerhalb kürzester Zeit über Soziale Medien radikalisieren.
Soziale Medien beschleunigen die Radikalisierung
In den neunziger Jahren habe die Radikalisierung Monate gedauert, heute vergingen zwischen erstem Kontakt und tatsächlichem Treffen der jeweiligen Gruppierung teilweise nur Wochen, erklärt Stephan Kramer, Chef des Verfassungsschutzes in Thüringen. Die Ursache dafür sieht er vor allem in den Möglichkeiten, die Soziale Medien mit sich bringen.
Stephan Kramer ist seit 2015 Präsident des Amtes für Verfassungschutz in Thüringen.Bildrechte: MDR MEDIEN360GIm analogen Bereich habe sich eine Radikalisierung früher durch Gruppentreffen, Veranstaltungen, Lagerfeuerabende, den Sportclub oder auch durch Personen, die als Vorbilder fungiert haben, über Monate, manchmal sogar Jahre hingezogen.
"All das funktioniert heute innerhalb von wenigen Wochen, weil die Intensität, die Emotionalität durch die Sozialen Netzwerke im Grunde genommen 24/7 auf die jungen Leute einrieselt und dort dann entsprechend auch Dinge auslöst", so Kramer.
Dabei sei die "Turbo-Radikalisierung" vor allem ein Phänomen im Rechtsextremismus und Islamismus. Hier werde immer mehr auf digitale Ansprache und reichweitenstarke Online-Plattformen gesetzt, so Stephan Kramer. Linksextreme rekrutierten dagegen noch immer eher analog. Zum Beispiel am Rande von Demonstrationen oder an Szene-Treffpunkten.
Dass die Eigenschaften Sozialer Medien den Extremisten in die Hände spielen, sieht auch die Medienpädagogin Iren Schulz:
"Es ist eine viel nahbare, persönlichere Ansprache. Ob da jetzt ein distanzierter Fernsehbeitrag, ein Zeitschriftenartikel oder eine Musik-CD daherkommt oder, ob mich ein Influencer, den ich Tag und Nacht begleiten kann, der quasi vermeintlich mein Freund ist, mir sagt: 'Komm hier zu uns, du gehörst dazu, du bist Teil unserer Gruppe, wir geben dir Sicherheit.' Das ist viel näher und damit auch eine Möglichkeit, eine emotionale Bindung einzugehen."
Staatliche Überwachung vs. mehr Aufklärung
Laut Verfassungsschutzchef Kramer gibt es Belege dafür, dass Extremisten gezielt geschult werden, um immer jüngere Jugendliche anzuwerben. Den Sicherheitsbehörden seien hier jedoch die Hände gebunden, denn Unter-14-Jährige dürften sie nach derzeitigem Recht nicht einmal zur Kenntnis nehmen:
"Wenn ich den Hinweis bekomme – und ich habe auch Anhaltspunkte und es ist nicht nur ein Gerücht – ich habe hier einen 12- oder 13-Jährigen, der in der Gefahr steht, auf eine solche Bahn jetzt aufzusteigen, weil er schon von entsprechenden Häschern angefixt wird, dann darf ich so jemanden nach der geltenden Rechtslage nicht einmal zur Kenntnis nehmen. Bildlich gesprochen: Ich muss den Kopf drehen und in eine andere Richtung schauen. Das kann es einfach nicht sein."
Kramer fordert: Die Altersgrenze im Verfassungsschutzgesetz müsse gesenkt werden. Ziel ist es, auch Unter-14-Jährige bei Radikalisierungsverdacht registrieren und die Hinweise weiterleiten zu können.
Vorschläge zur Absenkung des Mindestalters werden jedoch auch immer wieder kritisiert. Es werden Eingriffe in die Rechte besonders schutzbedürftiger Personen befürchtet. So sieht beispielsweise das Institut für Menschenrechte unverhältnismäßige Eingriffe in die Privatsphäre und eine Gefahr für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern.
Die Medienpädagogin Dr. Iren Schulz ist seit 2017 Mediencoach bei der Initiative Schau Hin!Bildrechte: MDR MEDIEN360GAuch Medienpädagogin Iren Schulz setzt statt auf staatliche Überwachung auf mehr pädagogisches Engagement. Kontrolle sei zwar wichtig, aber noch wichtiger sei Aufklärungsarbeit.
"Also die Medienkompetenz, das kritische Denken einfach jungen Menschen mitzugeben, zu hinterfragen, was sie sehen und was sie mit diesen Antworten anfangen können. Das ist, glaube ich, wichtiger denn je. Und es ist auch schwieriger denn je für uns alle zu durchschauen, gesamtgesellschaftlich zu verstehen, was in Social Media für Akteure unterwegs sind."
Gefahren bei der Mediennutzung präsenter denn je
Iren Schulz ist aber auch optimistisch. Risiken im Umgang mit Medien seien aktuell stärker im Bewusstsein als jemals zuvor:
"Nicht nur auf einer juristischen Ebene im Sinne von Gesetzgebung oder Verboten, sondern auch in der Kompetenzförderung. [...] Das wird nicht heute und morgen Früchte tragen. Das ist ein langer Prozess [...] Aber ich finde, dass da eigentlich ein guter Weg gerade gegangen wird.”
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