18 Millionen Euro für Gendermedizin: Bund will Forschung ausbauen
- Frauen zeigen bei schweren Erkrankungen wie Herzinfarkten oft andere Symptome – und werden deshalb später oder falsch diagnostiziert.
- Gendermedizin untersucht biologische und soziale Unterschiede und will Versorgungslücken in Forschung und Praxis schließen.
- Neue Fördermittel und eine Reform der Approbationsordnung sollen gendersensible Medizin künftig fest in Ausbildung und Versorgung verankern.
Denken wir an Herzinfarkte, denken wir an ältere Männer oder gestresste Manager. Nicht an eine 44-jährige Schäferin, die jeden Tag körperlich aktiv ist. Zum Glück war die Notärztin im Hubschrauber eine Frau und wusste, womit sie es zu tun hatte, sagt Jenny. "Hätte ich eine Minute später den Rettungswagen gerufen, wäre es definitiv vorbei gewesen. Das ist Fakt."
Herzinfarkt bei Frauen: andere Warnzeichen
Dabei gab es vorher schon Anzeichen, weiß Jenny heute. "Jetzt, wenn ich zurückdenke und weiß, was die Symptome sind bei Frauen, dann ging das so zwei Monate vorher los. Das ging los, dass mir der linke Arm weh tat, dann hörte das aber auch wieder auf. Dann kamen irgendwann Kopfschmerzen und Schwindel dazu, das hörte auch wieder auf. Zwischendurch hab ich mich dann nochmal übergeben. Auch das war immer mal wieder weg. Und ganz zum Schluss ging es dann noch, dass mir das Gesicht weh getan hat." Am Tag des Infarktes schickte ihr Hausarzt sie mit einer Überweisung zum Physiotherapeuten. Fast wäre das ihr Todesurteil gewesen.
Das sogenannte "medical gaslighting" – also, dass Frauen in ihren Beschwerden von Ärzten immer noch nicht ernst genommen werden – sei ein großes Problem, sagt Sandra Eifert, Oberärztin am Herzzentrum Leipzig. Aber auch die Unwissenheit bei Patientinnen und Ärzten, dass Frauen eben andere Risikofaktoren und meist unspezifische Symptome haben. "Perimenopause, Menopause hat einen großen Einfluss. Wir haben ja den großen Vorteil, dass wir durch das Östrogen viele Jahre sehr gut geschützt sind vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und wenn ab Mitte 40 dieser Schutz ein wenig nachlässt, häufig merken das die Frauen gar nicht, dann können sich Risikofaktoren entwickeln."
Auch die Pille oder Schwangerschaftskomplikationen können das persönliche Risiko erhöhen. Neben den körperlichen gebe es aber auch sozio-kulturelle Faktoren: "Großer Stress spielt eine sehr große Rolle bei den Frauen, das muss man sagen."
Forschungslücken bei Zyklus und Wechseljahren
Diese körperlichen und sozio-kulturellen Unterschiede erforscht die Gendermedizin. Ute Seeland, die bundesweit erste Vollzeitprofessorin für gendersensible Medizin, gesteht nach eineinhalb Jahren im Amt: Die Versorgungslage sei schlimmer, als sie gedacht habe.
Die von Forschungsministerin Dorothee Bär angekündigten jährlichen knapp 18 Millionen Euro seien daher ein wichtiges Signal. "Tatsächlich fehlen uns Daten im Bereich der medizinischen Versorgung, der Grundlagenkenntnisse, der Symptomatik und der Diagnostik. Vor allem bezogen auf Frauen, die sich in der Perimenopause befinden oder auch Frauen mit Zyklus. Von daher ist es absolut richtig, da erstmal einen Schwerpunkt zu setzen. Aber da sind wir noch lange nicht am Ziel."
Gendermedizin soll verbindlich in der Ausbildung verankert werden
Noch viel wichtiger sei aber, dass der dritte Entwurf der sogenannten Approbationsordnung in Kraft tritt. Das soll am 1. Oktober 2027 passieren. Bundesregierung und Länder sind aktuell in der finalen Abstimmung. Mit dieser Verordnung soll Gendermedizin als Fach an allen Unis etabliert werden, eine flächendeckende Ausbildung gewährleistet und damit die allgemeine Versorgung verbessert werden.
Bis dahin nehmen die Frauen in Jennys Dorf ihre Gesundheit erstmal selbst in die Hand. "In meinem Ort sind jetzt alle Frauen dabei – denn die haben es ja nun auch alle mitgekriegt – sich kardiologisch untersuchen zu lassen, weil es kann einfach mal jeden treffen." Eben auch Frauen. Und noch immer enden Herzinfarkte bei Frauen häufiger tödlich.
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