• Der Missbrauch von ADHS-Medikamenten zur Leistungssteigerung kann zu psychischer Abhängigkeit führen.
  • Ziel von Hirndoping ist es "besser zu sein als andere", sagt Soziologe Guido Mehlkop.
  • Einer Studie zufolge haben hochgerechnet 3,4 Millionen Menschen in Deutschland schon einmal versucht, mit Ritalin und Co. ihre Leistung zu steigern.

Mit Ritalin während der Klausurenphase etwas nachhelfen, um länger lernen zu können – diese Gedanken hatten auch meine Freundinnen und Freunde während des Studiums. Mehr als zehn Jahre später sind Ritalin und Co. als kurzfristiges Gehirndoping weiter ein diskutiertes Thema. Aber wie viele Menschen missbrauchen die Mittel wirklich?

Nebenwirkungen und Abhängigkeitsrisiko

Der Wirkstoff von Ritalin heißt Methylphenidat und wird eigentlich bei Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen, kurz ADHS, als Medikation eingesetzt. Methylphenidat wirkt unter anderem auf den Dopamin-Haushalt ein. Dopamin steuert als Botenstoff Motivation, Freude, Belohnung und geistige Aktivität.

Auf Menschen ohne ADHS wirkt der Stoff deshalb wachmachend, bei hoher Dosis auch euphorisierend. Dabei werden aber oft die Nebenwirkungen vergessen: Innere Unruhe, Schwitzen, Erbrechen und Übelkeit oder Kopfschmerzen. Auch Krampfanfälle, Herzrhythmusstörungen, Verwirrtheit, Angstzustände, Wahnvorstellungen oder Aggressivität gehören dazu. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit warnt: "Bei nicht bestimmungsgemäßem Konsum kann sich auch eine psychische Abhängigkeit entwickeln."

Besser sein als andere

Warum erscheinen solche Medikamente, die verschreibungspflichtig und sogar unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, dennoch verlockend? Wieso versuchen Menschen ihr Gehirn "zu dopen"? Das liege an den Zielen, die Menschen damit verfolgen, sagt Guido Mehlkop. Er ist Professor für Quantitative Methoden und empirische Sozialforschung an der Universität Erfurt und beschäftigt sich wissenschaftlich mit Strategien kognitiver Leistungssteigerung.

Eines der Ziele sei, "einfach besser zu sein als andere" – bei einem Bewerbungsgespräch, einer Prüfung, auf dem Arbeitsmarkt. Und: "Menschen versuchen mit diesen Mitteln eine Abkürzung zu nehmen. Sie wollen mit weniger kognitivem Aufwand mehr erreichen." Sie denken, sie könnten eine Aufgabe dann in sechs statt acht Stunden erledigen.

Ritalin und Co. als Gehirndoping

Guido Mehlkop hat hierzu gemeinsam mit Sebastian Sattler von der Universität Bielefeld und Partnern in Köln und Kanada vier Jahre lang geforscht. 22.000 Menschen ab 18 Jahren wurden unter anderem befragt, welche Medikamente sie zum Zwecke der Leistungssteigerung einnehmen. 5,2 Prozent der Befragten in Deutschland gaben an, schon einmal in ihrem Leben mit Mitteln wie Ritalin experimentiert zu haben, um ihre Leistung zu steigern. Hochgerechnet auf ganz Deutschland sind das 3,4 Millionen Menschen.

Als Filter würden die moralischen Werte der Menschen fungieren, sagt Mehlkop. Wen es ethisch-moralisch nicht stört, Hilfsmittel einzunehmen, hinterfragt ihre Kosten und Nutzen. Dabei schätzen allerdings nicht wenige die Nebenwirkungen als medizinische Laien falsch ein. Menschen mit geringer Selbstkontrolle würden darüber hinaus eher dazu neigen, risikoreiche Strategien wie die Einnahme von Ritalin und Co. in die Tat umzusetzen.

Guido Mehlkop erklärt weiter: "Bei verschreibungspflichtigen Medikamenten wie Ritalin deutet sich an, dass jüngere Menschen es eher nutzen als ältere Menschen. Aber dieser Effekt ist statistisch nicht bedeutsam, also nicht signifikant."

Unterstützung bei ADHS

Für Kjell aus Leipzig ist Ritalin im Gegensatz dazu wichtig, um überhaupt arbeiten zu können und fungiert nicht als Wachmacher oder Leistungsverstärker. Mit dem in Ritalin enthaltenen Methylphenidat können ADHS-Patienten wie Kjell – anders als Menschen ohne ADHS – nämlich zur Ruhe kommen.

Das Medikament ermögliche ein Leben mit weniger Chaos, dafür mit mehr verantwortungsvollen Aufgaben, sagt Kjell. Kjell arbeitet als Inklusionshelfer für einen Jungen mit ADHS. "Ich helfe quasi meinem jüngeren Ich", lacht Kjell im Gespräch mit MDR AKTUELL und sagt: "Das ist der erste Job, den ich halten kann." Dabei unterstütze der Wirkstoff.

Stress reduzieren statt Substanzen einnehmen

Wer Ritalin illegal zur Leistungssteigerung und in hohen Dosen einnimmt, missbraucht das Medikament hingegen und gefährdet womöglich die eigene Gesundheit. Guido Mehlkop sagt dazu: "Wir sollten uns als Gesellschaft darüber Gedanken machen, wie wir die Arbeitswelt so strukturieren können, dass nicht auf breiter Fläche die Menschen das Bedürfnis haben, ihren Stress zu reduzieren, indem sie irgendwelche Substanzen einnehmen."

Bis das passiert, werden legale und illegale Mittel zur Leistungssteigerung wohl weiterhin auf all jene eine Faszination ausüben, die das Gefühl haben, um jeden Preis "abliefern" zu müssen. Trotz ihrer Risiken und Nebenwirkungen.

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