Keine Kurse, keine Sozialarbeit – wie Sparmaßnahmen den Schulalltag verändern
Görlitz, kurz nach eins. Die Schulglocke läutet in der Oberschule Innenstadt, Kinder strömen aus den Klassenzimmern. Für die meisten ist der Tag vorbei – obwohl früher jetzt zum Beispiel der Kurs „Lernen lernen“ begonnen hätte. Darin wurde mit Fünft- und Sechstklässlern verständliches Lernen in Mathematik geübt.
Schulleiter der Oberschule ist Thomas Warkus. Er erzählt, dass die Schüler gefragt hätten, wo die Lehrerin sei. Es habe schon Pläne für das neue Schuljahr gegeben. "Das war für die Schüler dann schon ein Schock", sagt Warkus. Hintergrund ist, dass die sächsische Landesregierung das Schulbudget gekürzt hat. Ein Budget, das Schulen individuell etwa für Förderangebote, Sportkurse und Wandertage nutzen können.
An der Görlitzer Oberschule wurde es von 90.000 Euro auf 30.000 Euro pro Schuljahr gekürzt. Und das, obwohl sich der Bedarf an Lern-Unterstützung für Schüler laut Warkus über die Jahre erhöht hat. "Wir merken, Schule hat sich verändert." Er bemerke das unter anderem bei der Lehrkräftesituation und beim Einfluss digitaler Medien. "Da haben wir uns natürlich auf die Fahne geschrieben, neue Wege zu gehen im kollaborativen Lernen, im selbstständig organisierten Lernen. Dann ist das natürlich gravierend, wenn solche Projekte weniger werden."
Kultusminister: Wenig Stellschrauben für Kürzungen
Dabei steht Sachsen, in Bezug auf das Bildungsniveau, einer Studie zufolge im Vergleich zu anderen Bundesländern zwar nach wie vor an der Spitze. Aber auch hier zeigt sich eine deutliche Verschlechterung. Waren es 2012 noch 11,5 Prozent der Neuntklässler, die die Mindestanforderungen im Fach Mathematik an einen Mittleren Schulabschluss nicht schafften, stieg der Wert 2018 auf 14 und lag zuletzt bei über 20 Prozent. Kann sich Sachsen also angesichts dieser Entwicklung eine Kürzung von 13,5 Millionen Euro erlauben?
Entwicklung der Mindestanforderungen im Fach Mathematik bei Neuntklässlern in SachsenBildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK"Ja, der Freistaat Sachsen ist in einer ernsten finanziellen Lage und deswegen mussten wir auch im Bildungsbereich schmerzhafte Prioritäten setzen“, erklärt Kultusminister Conrad Clemens MDR INVESTIGATIV im Interview. Man müsse alles daransetzen, dass diese Schüler die gleichen Chancen haben wie ihre Vorgänger. Clemens will in Sachsen erreichen, dass genügend Unterricht stattfindet. "Und da gibt es im Bildungsetat nur wenige Stellschrauben, an denen man wirklich sparen kann. Und dazu gehört leider auch das Schulbudget."
Conrad Clemens, Kultusminister in Sachsen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKUnd da gibt es im Bildungsetat nur wenige Stellschrauben, an denen man wirklich sparen kann. Und dazu gehört leider auch das Schulbudget.
Mehr Schüler mit Defiziten, auch weniger leistungsstarke Schüler
Der Bildungsforscher Prof. Olaf Köller vom Leibniz Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik schätzt die Bildungssituation in Deutschland derzeit als "historisch beunruhigend" ein. Köller zufolge heißt es, dass "zwischen 25 und 30 Prozent der Jugendlichen, die so geringe Kompetenzstände haben, dass sie kaum in Ausbildung kommen werden". Zudem gebe es auch die Beobachtung, dass die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler in den vergangenen zehn bis 15 Jahren prozentual immer weiter zurückgehen. "Und jede Kürzung im Bildungsbereich führt nur zu langfristig weiteren wirtschaftlichen Problemen in Deutschland."
Ein Grund für diese Entwicklung sei, dass der Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung gestiegen ist. Auch durch die Zuwanderung der vergangenen Jahre.
An der Görlitzer Oberschule lernen zum Beispiel Kinder aus bis zu 21 Nationen. Und vor sieben Jahren waren es laut Schulleiter Thomas Warkus noch 48 Lehrkräfte, heute sind es 28 – und das bei gestiegener Schülerzahl. Das bringe auch mehr Ausfallstunden mit sich.
Die Schule profitiert zwar vom Bundesprogramm "Startchancen-Schule". Die finanziellen Defizite durch die Budgetkürzung kann sie damit aber nicht kompensieren. Geld für die Schulsozialarbeit ist dennoch da, andernorts werden sie gekürzt.
Mobbing beginnt immer früher
Nicole Handrack ist Schulsozialarbeiterin an einer Grundschule in Leipzig. Gerade bildet sie dort Viertklässler zu Streithelfern aus. Doch nach acht Jahren ist für sie bald Schluss an der Schule. In dieser Zeit war sie wichtige Ansprechpartnerin für Lehrer, Eltern und vor allem für die Kinder. "Bei Mädchen ist eines der häufigsten Themen tatsächlich Opfer von Gewalt und bei Jungen ist eines der häufigsten Themen Gewalt gegen andere", erklärt Handrack. Das Thema Mobbing zeige sich auch immer früher. "Ich habe ursprünglich die Anti-Mobbing-Projekte in den vierten Klassen begonnen. Seit dem letzten Schuljahr gibt es Mobbing-Fälle schon in den zweiten Klassen."
Schulsozialarbeiterin Nicole Handrack bildet einige Schüler als Streitschlichter aus.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKObwohl sich die außerschulischen Probleme von Schülern häufen, wurde die Schulsozialarbeit-Stelle an der Erich-Zeigner-Grundschule gestrichen. Das kommt bei den Schülerinnen und Schülern nicht gut an. Ein Mädchen findet das "sehr traurig". Zu wem sie gehe, wenn etwas ist? "Dann gehe ich zu niemanden so richtig", erzählt ein anderes Mädchen. Sie weiß nicht, wem sie sich anvertrauen soll. Mit ihren Eltern oder ihrer Lehrerin wolle sie dann über bestimmte Probleme nicht reden.
Drei Sozialarbeiterstellen weniger in Leipzig
Schulsozialarbeit wird zum Teil vom Land und zum Teil von der Kommune bezahlt. Die Stadt Leipzig baut in diesem Jahr fast drei Vollzeitäquivalente ab. Wie Schulsozialarbeit verteilt wird, errechnet sich nach einem neuen Index. Aus Faktoren wie zum Beispiel Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder aus Familien, die Arbeitslosengeld beziehen.
Schulsozialarbeiterin Nicole Handrack kritisiert den überarbeiteten Index für die Verteilung an denSchulen.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKKriterien, die auf die Schüler hier kaum zutreffen. Schulsozialarbeiterin Handrack kritisiert, dass der Index nicht alle Themen abbildet, die vor Ort auftreten. Es gebe auch Probleme wie Leistungsdruck, die eher aus finanziell besser gestellten Familien kommen. "Daher wäre meine Vision natürlich, dass jede Schule grundsätzlich unabhängig davon, was der Sozialindex sagt, Anspruch hätte auf Schulsozialarbeit."
Schulsozialarbeit ist gesetzlich nur an Oberschulen verpflichtend. An Gymnasien und Grundschulen ist es eine freiwillige Leistung der Kommunen. In Zeiten des Sparzwangs sind weitere Kürzungen also zu befürchten. Im gesamten Schulbereich. Dabei gibt Deutschland im europäischen Vergleich bisher schon weniger als andere für Bildung aus. Während hier 2023 etwa neun Prozent vom gesamten öffentlichen Budget in Bildung gesteckt wurde, investierte die Schweiz fast doppelt so viel.
Öffentliches Budget in Bildung im europäischen Vergleich.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKSchulleiter: Genau hinschauen wo man Rotstift ansetzt
Zurück in Görlitz. Kurz vor dem Jahreswechsel gab es für die Schule 2.000 Euro vom Land, die individuell eingesetzt werden können. Die weggefallenen Kurse kann Schulleiter Thomas Warkus damit aber nicht finanzieren. Wenn man immer sage, Bildung ist unsere einzige Ressource, dann müsse man in den Haushaltsdiskussionen wirklich über die Prioritäten nachdenken, so Warkus.
"Wo kürzen wir gar nicht oder ganz, ganz wenig? Und dann müssen wir genau hinschauen. Das hätte ich mir gewünscht: Dass man genau hinschaut, wo sollte man da nicht den Rotstift ansetzen."
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