Es geht um die Wurst: Höhere Mehrwertsteuer auf Fleisch gut für Klima (und Gesundheit)
- In Deutschland und der EU wird zu viel Fleisch gegessen
- Eine höhere Mehrwertsteuer könnte helfen, die Menge zu reduzieren – im besten Fall, ohne dass es zulasten der Verbraucherinnen und Verbraucher geht
- Noch effektiver wäre aber die Ausweitung des EU-Emissionshandels auf die Bereiche, die die Lebensmittelproduktion betreffen
Wenn es in Deutschland denn überhaupt mal sowas wie eine Fleisch-Scham gab, dann scheint die den Höhepunkt ihrer Viralität längst hinter sich gelassen zu haben – hohe Absatzzahlen bei der veganen Mortadella hin oder her. Schon 2024 nahm der Fleischverzehr nach Jahren des Rückgangs wieder zu. Die Produktion dürfte auch im vergangenen Jahr weiter gestiegen sein, aktuelle Zahlen fehlen aber noch. Und für das laufende Jahr rechne man mit einer weiteren Steigerung, sagte Steffen Reiter, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Fleischwirtschaft, dem Berliner Tagesspiegel. Die Rede ist sogar von einer Trendumkehr, und zwar ausgerechnet bei den jungen Leuten, also denen, deren Schatten man noch als Fridays For Future durch die Straßen ziehen sieht.
Was sich allerdings nicht geändert hat, sind die gesundheitlichen Bedenken, insbesondere bei rotem Fleisch. Und es sind die Umweltauswirkungen: "Das sind zum einen natürlich Treibhausgasemissionen, es sind aber auch Biodiversität, Landnutzung, Wassernutzung, Stickstoff- und Phosphorausstoß", sagt Charlotte Plinke vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Sie weist darauf hin: Fast ein Viertel der privaten Emissionen gehen auf Lebensmittel zurück. Der größte Teil davon, mehr als zwei Drittel, auf tierische Produkte.
Nur noch Haferbrei und Kartoffeln statt Fleisch?
Nun ist die Nahrungsaufnahme eine Notwendigkeit, an der es nichts zu rütteln gibt. Klimabilanz hin oder her, essen muss der Mensch. "Umso wichtiger ist es, dass wir die Emissionen, die vom Essen kommen, nicht ignorieren, sondern eben systematisch reduzieren", argumentiert Charlotte Plinke vom PIK, "und das natürlich ohne die Versorgungssicherheit oder soziale Aspekte aus dem Blick zu verlieren". Fakt ist: Tierische Produkte sind in der gegenwärtigen Hülle und Fülle unnötig – fordern aber deutlich mehr Ressourcen als pflanzliche Nahrung. "Das heißt im Umkehrschluss natürlich nicht, dass man jeden Abend Kartoffeln und jeden Morgen Haferbrei essen muss."
Davon sind die Deutschen weit entfernt. Anstelle der von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlenen 300 Gramm Fleisch pro Woche verspeisen sie im Schnitt mehr als ein Kilo. In einer aktuellen Studie haben Charlotte Plinke und Team deshalb untersucht, wie sich Treibhausgasemissionen und andere Umweltfaktoren verändern würden, wenn auf Fleisch nicht mehr die ermäßigten sieben Prozent, sondern die vollen 19 Prozent Mehrwertsteuer anfallen würden.
22 von 27 EU-Staaten erheben auf Fleisch eine ermäßigte Mehrwertsteuer
Innerhalb der EU ist das bisher nur in Dänemark, Bulgarien und den baltischen Staaten der Fall. "Die Idee dahinter ist, dass Fleischprodukte im Verhältnis zu anderen Produkten teurer werden", erklärt Plinke. Dementsprechend können Menschen ihre Kaufentscheidungen anpassen und die verhältnismäßig günstigeren Produkte wählen.
Die Idee dahinter ist, dass Fleischprodukte im Verhältnis zu anderen Produkten teurer werden.
"Wir haben dafür repräsentative Daten aus der gesamten EU genutzt, um uns tatsächlich empirisch anzuschauen, wie Haushalte auf Preise reagieren." Und wie sich das Kaufverhalten ändern würde. Die Studie zeigt, dass die höheren Preise durch eine volle Mehrwertsteuer Wirkung zeigen könnten. Private Emissionen würden allein durch diese Maßnahme um fünf Prozent zurückgehen.
EU-Emissionshandel auf Lebensmittelbereich ausweiten?
Das ist nun recht effizient für eine politisch verhältnismäßig überschaubare Maßnahme, argumentieren die Forschenden. Perspektivisch sinnvoller wäre es aber, den europäischen Emissionshandel (ETS) auf den Lebensmittelbereich auszuweiten – in der Folge mit einem CO₂-Preis wie beim Sprit. Zwar betrifft der die Lebensmittelproduktionskette in Teilen bereits jetzt. Aber: "Die landwirtschaftlichen Kernelemente sind bislang nicht enthalten. Genau die machen aber einen großen Teil der Klimawirkung von den Lebensmitteln aus", erklärt Plinke.
Der Agrarsektor wird bisher nicht im Rahmen des Emissionshandels berücksichtigt, auch wenn es entsprechend diskutierte Pläne gibt. Im Falle, dass die umgesetzt werden, würden klimaschädliche Produkte automatisch teurer als klimafreundliche, egal ob Fleisch oder Flug-Mango. "Da man diesen Preis auch anheben kann, bis hin zu dem Niveau, das die tatsächlichen gesellschaftlichen Kosten des Lebensmittelkonsums widerspiegelt."
Beim Fleisch zählt häufig der Preis. Den deutlich größeren Anteil verputzen im Übrigen Männer.Bildrechte: IMAGO/Connect Images52 Euro haben die Forschenden am PIK ausgerechnet, so hoch müsste der CO₂-Preis sein, um die gleichen Effekte zu erreichen wie eine Anhebung der Mehrwertsteuer auf Fleisch. Der Preis ist damit vergleichbar mit dem seit Januar gültigen Preiskorridor für Heizen und Tanken, der zwischen 55 und 65 Euro pro Tonne liegt.
Teures Fleisch – kann das gerecht sein?
Geklärt sein müsse in dem Zusammenhang allerdings eine soziale Frage: Denn ein hoher Preis fürs Fleisch dürfte für wohlhabende Menschen unerheblich sein, was dazu führt, dass sich die oberen Bevölkerungsschichten Fleischprodukte auch weiterhin einverleiben können, wie es beleibt. Die Mehrkosten bei einem erhöhten Mehrwertsteuersatz sind aber recht überschaubar und liegen demnach bei 109 Euro im Jahr. Würden die Mehreinnahmen der Mehrwertsteuer als Ausgleich zurückgezahlt, sind es nur noch 28 Euro pro Jahr, ohne dass der Effekt verloren geht, auch wenn das Ganze nach linke Tasche, rechte Tasche klingt. Der Mechanismus ist vielmehr vergleichbar mit dem Klimageld.
Bei einer CO₂-Bepreisung von Lebensmitteln wären es sogar nur zwölf Euro jährlich, die zulasten der Haushaltskasse gehen. Generell ist es für Charlotte Plinke eine Form der Gerechtigkeit, dass die gesellschaftlichen Kosten von den Menschen getragen werden, die auch tatsächlich klimaschädliche Produkte konsumieren: "Und dementsprechend es auch in einer anderen Art und Weise ungerecht wäre, wenn dieser Konsum der gesamten Gesellschaft auferlegt wird." Denn die im Supermarktregal unsichtbaren Klimafolgekosten werden derzeit nicht nur von Fleischliebhabern getragen, sondern im gleichen Maße von Menschen, die sich vegan oder flexitarisch ernähren.
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