• In seinem neuen Buch "der geteilte Rasen" stellt Autor Jan Mohnhaupt fest: Der Ost-Fußball ist immer noch da, mit Seele und Ehrgeiz.
  • Er beantwortet auch die Frage, ob der ostdeutsche Fußball im gesamtdeutschen angekommen ist.
  • Mohnhaupt beschreibt auch, wie nach dem Ende der DDR dunkle Seiten des ostdeutschen Fußballs hervortreten, wie Rassismus und Antisemitismus.

Der ostdeutsche Fußball war Staatsfußball im Sinne des sozialistischen Leistungsauftrags. Aber er hat eben auch, viele Samstage lang, die Fans in den Stadien begeistert und ihnen eine Möglichkeit zur regionalen Identifikation gegeben. Und das tut er bis heute. Die Vereine in Dresden, Magdeburg, Jena, Erfurt und anderswo haben auch 35 Jahre nach dem politischen Umbruch ihre Fans, weil Menschen so etwas wollen und brauchen: das Miteinander für eine gemeinsame Sache, das Weitergeben von Traditionen und Legenden.

Der 1. FC Magdeburg und SG Dynamo Dresden gehen im Mai 1990 unentschieden auseinander.Bildrechte: imago/Rust

Die Probleme heute: Die Finanzen und gewalttätige Hooligans

Der Ost-Fußball ist immer noch da, mit Seele und Ehrgeiz. Die bekannteste Hymne einer DDR-Vereinsmannschaft ist bis heute das Dynamo-Lied der einstigen SG Dynamo Dresden. Fängt man die Geschichte des ostdeutschen Fußballs von hinten, von ihrem Ende her an, so führt dieses Wort, "Dynamo", direkt ins Zentrum.

Die einen, Dynamo Dresden, qualifizieren sich neben Hansa Rostock im Jahr 1991 für die nun gesamtdeutsche 1. Profiliga. Die anderen Dynamos, die vom BFC aus Berlin, verschwinden nach jahrelanger Vorherrschaft in der DDR Oberliga aus dem bezahlten Fußball und werden bis heute als Stasi-Mielkes Haus-und-Hof-Klub ausgebuht.

Die ostdeutsche Fußballtradition und -gegenwart hat es schwer, so ist es dem Buch "Der geteilte Rasen" von Jan Mohnhaupt zu entnehmen. Sie hat mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten und mancherorts auch mit gewalttätigen Fans zu kämpfen.

Der Journalist Jan Mohnhaupt ist der Autor des Sachbuches "Der geteilte Rasen".Bildrechte: Delius Klasing Verlag

Fußball-Weltmeisterschaft und Wiedervereinigung

Während die DDR abgewickelt wird, gewinnt die BRD zum dritten Mal nach 1954 und 1974 die Fußball-Weltmeisterschaft. Der Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer spricht die natürlich auch in diesem Buch zitierten Worte, nach denen das wiedervereinigte Deutschland nun für Jahre nicht zu bezwingen sein wird.

Der Kaiser lebt inzwischen nicht mehr, seine Prophezeiung hat sich nicht erfüllt. Aber ist der ostdeutsche Fußball im gesamtdeutschen angekommen oder nicht? Ist es die Geschichte einer großen Befreiung, einer skrupellosen Täuschung oder eines üblichen marktwirtschaftlichen Vorgangs?

Wahrscheinlich ist es von allem etwas. Der Autor Jan Mohnhaupt dröselt die Geschichte des geteilten und schließlich wieder-vereinten Rasens anhand zahlreicher Fußballspiele auf. Von 1989 bis 2025 reichen die Spiele auf Vereins- oder Nationalmannschaftsebene, über die der Autor die Fußball-Wende- und Nachwendegeschichte der Ostdeutschen erzählt.

Letzte Saison: Heiko Scholz von Dynamo Dresden (links) im Zweikampf gegen Sven Köhler vom Chemnitzer FC im Jahr 1990.Bildrechte: IMAGO / Camera 4

Der DDR-Verband überspielt Probleme – auch 1989 noch

Schon im Flucht-Sommer 1989 hatte es Veränderungen gegeben. Am 5. August 1989 spielten der amtierende Meister Dynamo Dresden und der Pokalsieger BFC Dynamo in Cottbus gegeneinander.

"Der DFV – der DDR-Fußball-Verband – versucht, die angespannte Lage im Land mit einem 'anspruchsvollen Rahmenprogramm' zu überspielen", hält Jahn Mohnhaupt die Partie fest. "Während die Mannschaften aufs Feld laufen, kommt eine gelbe Kutsche mit zwei schwarzen Pferden auf den Rasen gefahren. Obenauf sitzt, in himmelblaue Ballonseide gehüllt, Schlagersänger Achim Mentzel. Das Mikrofon in der rechten Hand, springt Mentzel vom Bock und dribbelt dann mit Ball am Fuß zur Mittellinie, macht unterwegs noch einen Hackentrick und singt, während sich die beiden Mannschaften schon im Mittelkreis aufgereiht haben und unruhig auf der Stelle hüpfen."

Beim DDR-Supercup 1989 treffen SG Dynamo Dresden und der Berliner FC Dynamo aufeinander.Bildrechte: imago/WEREK

Anhand einzelner Spiele und Personalien, bewegt sich Jan Mohnhaupt durch die Zeit von politischer Wende und Nachwende: Mauerfall und Währungsunion, die Auseinandersetzungen zwischen dem mächtigen West-Fußballbund und dem im Untergang befindlichen DDR-Verband.

Rassismus und Antisemitismus im Ost-Fußball

Die ostdeutschen Stars wie Matthias Sammer, Andreas Thom, Ulf Kirsten, Rainer Ernst oder Thomas Doll werden umworben und an Westklubs verkauft, nach Stuttgart, Leverkusen, Kaiserslautern oder Hamburg. Von den ehemaligen DDR Oberliga-Vereinen hingegen werden es nur einige in die erste oder zweite Bundesliga, in den Profifußball also, schaffen.

Andreas Thom vom BFC Dynamo bei einem Spiel im Jahr 1987.Bildrechte: IMAGO / Camera 4

In dem Moment, da die staatlichen Zensurmaßnahmen nicht mehr greifen, tritt auch all das hervor, was bis dahin einfach ignoriert worden war, wie Mohnhaupt beschreibt: "Die antisemitischen und rassistischen Gesänge, die es im Umfeld des DDR-Fußballs seit vielen Jahren gibt, von Staatsführung und Medien aber lange verschwiegen wurden, treten nun immer offener zutage. Gewaltausbrüche wie in Karl-Marx-Stadt, Dresden oder Ost-Berlin hallen nach und sind erst der Auftakt."

Debatten um Alkoholismus und Stasi-Affären

Zudem gibt es erste Berichte über Alkoholprobleme bei DDR-Leistungssportlern und bald natürlich auch die ersten Stasi-Geschichten von Fußballern und Trainern: Namen wie Matthias Sammer und Eduard Geyer, Ulf Kirsten und Hans Meyer tauchen auf, inklusive der dazugehörigen Dementis, Relativierungen, Leugnungen oder Eingeständnisse. Es passiert, was auch in anderen Bereichen der ostdeutschen Gesellschaft passiert.

Eduard Geyer trainierte in der DDR jahrelang den Verein Energie Cottbus. Für die Stasi arbeitete er als inoffizieller Mitarbeiter.Bildrechte: IMAGO / Sportfoto Rudel

Am 12. September 1990 schließlich bestreitet die DDR in Belgien ihr letztes Länderspiel. Es ist ein bedeutungsloser Freundschaftsvergleich, zu dem dann einige Nationalspieler auch gar nicht mehr anreisen. Mit dabei als Ersatztorwart hingegen ist ein Mann aus Halle vom HFC Chemie, Jens Adler, der ein paar Minuten vor Schluss eingewechselt und so zum letzten Nationalspieler der DDR wird. Später trainierte Adler den HFC-Nachwuchs und ist als Industriearbeiter tätig.

Das und vieles mehr ist heute historische Episode und schöne Erinnerung. Jan Mohnhaupt, mit seinem Buch, schaut hinter die Legenden und verbindet sie mit den politischen Ereignissen dieser Jahre. Er schaut in die Wendezeit, aber auch in die Gegenwart. Natürlich wird im Osten Fußball gespielt, Jahr für Jahr, bei den Männern und längst auch bei den Frauen, im bezahlten Fußball ebenso wie im Amateur- und Nachwuchsbereich. Der ostdeutsche Fußball: Er atmet, er lebt.

Mehr Informationen zum Buch

Jan Mohnhaupt: "Der geteilte Rasen. Fußball in den Wendejahren 1989 - 1992"
Delius Klasing Verlag
24,90  Euro, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7307-0799-9

Redaktionelle Bearbeitung: tis, hro, td

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