Australien hat ein gesetzliches Social-Media-Mindestalter eingeführt. Wie wird das umgesetzt?

Australien hat ein Mindestalter von 16 Jahren für bestimmte Social-Media-Plattformen eingeführt und setzt dabei auf einen klaren Grundsatz: Die Verantwortung liegt bei den Plattformen, nicht bei Eltern oder Jugendlichen.

Unternehmen müssen also selbst sicherstellen, dass Kinder unter 16 keinen regulären Zugang bekommen - zum Beispiel über Ausweise oder andere anerkannte Nachweise. Der Staat kontrolliert das Ganze und kann bei Verstößen hohe Geldstrafen verhängen. Genau dieser harte Durchsetzungsansatz unterscheidet Australien von vielen anderen Ländern.

Kann Deutschland, wie Australien, ein eigenes Gesetz mit Altersgrenzen für Social-Media-Plattformen beschließen?

Deutschland kann grundsätzlich ein eigenes Gesetz mit Altersgrenzen für Social-Media-Plattformen erlassen, rechtlich ausgeschlossen ist das nicht. In der Praxis wäre ein solcher Alleingang jedoch erheblich schwieriger als in Australien, weil Deutschland in den europäischen Binnenmarkt eingebunden ist.

Innerhalb der EU unterliegen Plattformen vor allem dem Recht des Mitgliedstaates, in dem sie ihren europäischen Sitz haben. Da große Social-Media-Unternehmen meist nicht in Deutschland ansässig sind, wäre ein nationales Gesetz nur begrenzt durchsetzbar und rechtlich angreifbar. Zudem müsste es mit bestehenden EU-Regelungen vereinbar sein.

Was sind die stärksten Argumente für eine Social-Media-Altersgrenze?

Viele Social-Media-Plattformen arbeiten mit Mechanismen, die stark auf Aufmerksamkeit, Emotionen und sozialen Vergleich setzen. Befürworter der Altersgrenze halten das für problematisch, weil Kinder und Jugendliche noch in der Entwicklungsphase stecken.

Ein weiteres zentrales Argument ist, dass der bisherige Jugendschutz kaum wirkt. Altersgrenzen existieren meist nur auf dem Papier, weil sie leicht umgangen werden können. Häufig genannt wird auch der Schutz der psychischen Gesundheit. Zwar sind die Forschungsergebnisse differenziert, doch es gibt Hinweise auf Zusammenhänge zwischen intensiver Nutzung, Stress, Schlafproblemen und Cybermobbing.

Was sind die stärksten Argumente gegen eine Social-Media-Altersgrenze?

Das wichtigste Gegenargument ist der Eingriff in Grundrechte und digitale Teilhabe. Kritiker betonen, dass Social Media für viele Jugendliche ein zentraler Ort für Kommunikation, Information, politische Meinungsbildung und soziale Beziehungen ist. Eine Altersgrenze würde pauschal ausschließen, auch dort, wo Nutzung sinnvoll, unterstützend oder sogar schützend wirkt.

Ein weiteres starkes Argument ist die mangelnde Praktikabilität. Altersgrenzen sind nur wirksam, wenn sie kontrolliert werden. Ohne verlässliche Altersverifikation bleiben sie symbolisch, mit Altersverifikation entstehen jedoch erhebliche Datenschutz- und Überwachungsrisiken. Viele Kritiker halten diesen Zielkonflikt für ungelöst und warnen vor neuen Problemen, die schwerer wiegen könnten als der Nutzen.

Social Media ist für Kinder und Jugendliche ein wichtiger Ort für Kommunikation und Austausch.Bildrechte: Colourbox.de

Wie ist der aktuelle Stand der Wissenschaft, was die Gefahr von Social-Media-Nutzung für Jugendliche angeht?

Es gibt keinen wissenschaftlichen Konsens, dass Social-Media-Nutzung an sich grundsätzlich schädlich ist. Viele neuere Studien finden keinen klaren Beleg dafür, dass mehr Zeit auf Social Media automatisch zu schlechterer psychischer Gesundheit führt.

Deutlich besser belegt sind Risiken dort, wo es um problematische Nutzung und konkrete negative Erfahrungen geht. Dazu zählen Kontrollverlust, suchtartiges Nutzen, Schlafmangel durch nächtliche Nutzung, daraus folgende Konzentrationsprobleme und Stress, sowie Erlebnisse wie Cybermobbing, Belästigung und starker sozialer Vergleich.

Insgesamt lässt sich festhalten: Die größten Gefahren liegen nicht im Medium selbst, sondern in bestimmten Nutzungsformen, Plattformdesigns und sozialen Dynamiken. Deshalb stützt die Forschung zwar Schutzmaßnahmen für jüngere Jugendliche, warnt aber zugleich vor pauschalen Verboten.

Wie positionieren sich die im Bundestag vertretenen Parteien mit Blick auf eine Social-Media-Altersgrenze?

In der deutschen Parteienlandschaft gibt es zur Frage einer Social-Media-Altersgrenze keinen Konsens. Die CDU ist sich grundsätzlich offen für eine Altersgrenze. Die SPD steht dieser eher skeptisch gegenüber und setzt stattdessen auf strengere Plattformpflichten, besseren Jugendschutz und Medienkompetenz.

Bei Bündnis 90/Die Grünen ist die Debatte offen: Einige sprechen sich ausdrücklich für eine Altersgrenze aus, andere warnen vor pauschalen Eingriffen. Die Linke lehnt eine gesetzliche Altersgrenze überwiegend ab und betont digitale Teilhabe sowie die Regulierung von Konzernen statt Nutzerbeschränkungen. Die AfD steht Altersgrenzen ebenfalls ablehnend gegenüber, begründet dies jedoch vor allem mit einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber staatlichen Eingriffen und Bevormundung.

Social-Media-Beschränkungen für Kinder sind Thema in der nächsten Sendung von Fakt ist! aus Erfurt. Darin diskutieren betroffene Jugendliche, Lehrer und Eltern mit dem Thüringer Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU) und dem Medienpädagogen Prof. Rudolf Kammerl. Zu sehen ist Fakt ist! aus Erfurt am Mittwochabend (21.Januar) ab 20:15 Uhr im Livestream auf MDR.DE oder im MDR FERNSEHEN.

MDR (dvs)

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