Wenn der Fußweg zur Rutschbahn wird
- In der Chemnitzer Notaufnahme steigen die Fallzahlen durch Glätteunfälle.
- Meist sind Eigentümer oder beauftragte Firmen fürs Räumen zuständig, seltener Kommunen.
Einmal mit dem Schneeschieber den Fußweg freigeräumt, Salz oder Split drauf und fertig. Taut es am Tag und nachts sinken die Temperaturen wieder, kann gefährliches Glatteis entstehen. Viele ältere Menschen scheuen dann den Gang vor die Haustür, erzählen Betroffene in einem Chemnitzer Wohngebiet. Ein Mann verlässt sich beim Einkaufen auf seinen Stock, kann zurzeit aber keine zwei Taschen tragen. Eine Dame bleibt bei Glatteis lieber daheim, eine andere bewegt sich nur langsam über das Eis. Ein weiterer Mann greift im Zweifelsfall auf Spikes an den Schuhen zurück.
Wenn’s kritisch ist, gehe ich nicht raus.
Mehr Verletzte durch Glatteis in der Notaufnahme
Am Klinikum Chemnitz spiegelt sich die Gefahr, die von winterlich glatten Gehwegen ausgeht, in den Unfallzahlen wider. Hier beobachte man hohe Patientenzahlen aufgrund von Unfällen durch Eis und Schnee, teilt der Leiter der Zentralen Notaufnahme, Dr. Thomas Baitz, schriftlich mit: "Unter den Patientinnen und Patienten sind viele ältere Menschen, die sich mit Sturzverletzungen wie Frakturen, Platzwunden und Prellungen vorstellen." Die Fallzahlen lägen deutlich über denen des Vorjahres. Das mache in der Unfallchirurgie aktuell zehn bis 15 Prozent mehr Patienten aus als sonst, so Baitz. Die häufigsten Verletzungen bei älteren Menschen seien Oberschenkelbrüche.
Räumdienst oft unzureichend vorbereitet
Der Zustand der Gehwege jetzt im Winter sei vielerorts gefährlich, sagt Roland Stimpel. Er ist Vorstand im Fuss e.V. Der Verein kämpft für besseren Fußverkehr in Deutschland: Für die Gehwege seien in den meisten Orten nicht die Kommunen sondern die Eigentümer zuständig oder beauftragte Firmen. "Und da bemerken wir, die sind nicht mehr darauf eingestellt, dass ein Winter auch härter werden kann. Die decken sich nicht mehr mit Granulat ein und wissen dann auch gar nicht mehr, wo ihre Kehrschaufel ist und hoffen, nach ein paar Tagen taut es und alle vergessen es wieder", erklärt Stimpel.
Da bemerken wir: Die sind nicht mehr darauf eingestellt, dass ein Winter auch härter werden kann.
Der diesjährige Winter aber zeige, dass Minustemperaturen länger anhalten könnten, so Stimpel. Dabei sei das zu Fuß gehen noch immer die häufigste Verkehrsart. "Man kommt ja buchstäblich nirgends hin, wenn man nicht wenigstens ein kleines Stück zu Fuß gehen kann und sei es zur Haltestelle oder zum Parkplatz. Also es ist dringend nötig, dass die grundsätzlichste und preisgünstigste Verkehrsart da besser bedacht wird, dass sie stärker in die Verwaltung integriert wird.", betont Stimpel.
Immerhin sei Leipzig die erste Kommune in Deutschland gewesen, so Stimpel, die einen Fußverkehrsbeauftragten ernannt habe, das war 2018. Traurig aber sei, dass Unfälle von Fußgängern nicht statistisch erhoben würden, ganz anders als bei Autounfällen. Dies müsse sich ändern.
Streupflicht wird kaum kontrolliert
Mehr Sicherheit auf den Gehwegen im Winter fordert auch der Sozialverband VdK. Man bekomme zurzeit viele Zuschriften von Betroffenen, sagt Referentin Melanie Tietze-Ihle: "Gerade auch ältere Menschen, aber auch mobilitätseingeschränkte Menschen schreiben uns, dass sie aufgrund der nicht geräumten Gehwege oder Straßen, sich kaum noch trauen, rauszugehen. Man kann dann kein Geld abheben gehen, man kann nicht mehr einkaufen gehen. Gerade diese Personengruppe hat eine hohe Unfallgefahr und ist dann auch von sozialer Isolation betroffen."
So werde das alltägliche Leben stark eingeschränkt, sagt Melanie Tietze-Ihle, und die Grundversorgung sei nicht mehr gewährleistet. Daran ändern werde sich aber wohl erst dann etwas, wenn kontrolliert werde, ob Kommunen oder Eigentümer ihrer Räum- und Streupflicht auch nachkämen.
MDR (dkn)
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