• Warum glatte Gehwege vor allem Frauen treffen
  • Unfallkliniken verzeichnen teils dreimal so viele Sturz-Verletzungen – eine systematische Erfassung fehlt aber bislang
  • Wie das Räumen von Gehwegen besser organisiert werden könnte
  • Mitteldeutsche Städte planen bisher keine Änderung beim Räumdienst

Bei Glätte bleibt Christiane Mertens zuhause. Damit ist die Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenverbandes in Leipzig keineswegs allein. "Wenn angekündigt wird, dass es sehr glatt draußen wird, trauen sich blinde und sehbehinderte Menschen gar nicht mehr alleine auf die Straße", sagt sie.

Wenn angekündigt wird, dass es sehr glatt draußen wird, trauen sich blinde und sehbehinderte Menschen gar nicht mehr alleine auf die Straße.

Christiane MertensVorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenverbandes in Leipzig
Christiane Mertens, Vorsitzend des Blinden- und Sehbehindertenverbandes in LeipzigBildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dabei sei das Problem nicht nur, dass gerade sehbehinderte Menschen ohne Langstock eben nicht sehen können, in welchem Zustand der Gehweg vor ihnen ist. Oft werde der Schnee auch so geräumt, dass sie erst Schneeberge überwinden müsse, um an Haltestellen zu kommen. "Oder der Schnee wird an die Ampeln geräumt, sodass wir nicht an unseren Zusatzknopf kommen, um die Umschaltphase von Rot nach Grün zu gewährleisten."

Geheinschränkungen können jeden treffen

Schnee und Glätte auf Gehwegen können vor allem auch für ältere Menschen mit Rollator oder Menschen, die sich im Rollstuhl vorwärts bewegen, schnell zu gefährlichen Verletzungen führen, betont Roland Stimpel, Vorstand beim Fuß e.V. Jeden könne es schnell mal treffen, selbst geheingeschränkt zu sein. "Das sind auch Leute im jüngeren Alter, die vielleicht ihren Skiurlaub nicht so ganz gut überstanden haben und jetzt eine Weile auf Krücken gehen müssen."

Frauen übernehmen nach wie vor mehr Care-Arbeit und sind stärker auf Gehwege angewiesen als Männer – die im Schnitt häufiger im Auto unterwegs sind.Bildrechte: IMAGO / Eckhard Stengel

Und es gibt noch eine weitere Bevölkerungsgruppe, die von glatten Gehwegen besonders stark betroffen ist: Frauen. In ihrem Buch "Unsichtbare Frauen" verweist Caroline Criado Perez unter anderem auf eine schwedische Studie, nach der 79 Prozent der Verletzungen durch Fußgänger-Unfälle in die Wintermonate fielen. 69 Prozent der Verletzten waren dabei Frauen. Das kommt nicht von ungefähr: Denn immer noch übernehmen Frauen einen größeren Teil der Care-Arbeit, bringen Kinder häufiger in Kita und Schule oder pflegen Angehörige. Damit sind ihre Wege weitaus komplexer als die von Männern, die öfter mit dem Auto unterwegs sind und deren Wege sich mitunter auf das Pendeln zur Arbeit und zurück beschränken.

Ein konsequentes Räumen von Fuß- und Radwegen konnte dagegen die Zahl der Verletzten halbieren, konstatiert Criado Perez.

Statistisch bleiben Fußgängerstürze unsichtbar

"Die Gehwege sind am wichtigsten", sagt Stimpel vom Fuß e.V. Und das nicht nur deshalb, weil jeder die Gehwege braucht. Glatteis-Unfälle zu Fuß führen oft zu schweren Verletzungen, betont der Mobilitätsexperte – wohingegen Menschen im Auto in vielen Fällen zumindest mit einem Blechschaden davonkommen.

Rechtlich zählen Fußgängerstürze komischerweise nicht als Verkehrsunfälle.

Roland StimpelVorstand beim Fuß e.V.
Roland Stimpel, Vorstand beim Fuß e.V.Bildrechte: MDR/Silke Reents

Allein die beiden großen Unfallkliniken in Berlin verzeichneten zuletzt das Dreifache an Sturz-Verletzten. "Rechtlich zählen Fußgängerstürze aber komischerweise nicht als Verkehrsunfälle", kritisiert Stimpel. In Deutschland werde das Problem bisher schlicht verdrängt.

Der Verkehrsgerichtstag in Goslar hatte Ende Januar zwar gefordert, sogenannte Alleinunfälle von zu Fuß Gehenden besser zu erfassen. Dass die Polizei jedoch nicht verpflichtet werden soll, auch diese Unfälle zu zählen, findet Stimpel zu zurückhaltend.

Fuß e.V. fordert bessere Organisation beim Räumen von Gehwegen

Dabei ließe sich das Räumen und Streuen von Gehwegen durchaus besser organisieren, erklärt Stimpel. "In anonymeren Gebieten sollten alle verpflichtet sein, einen gemeinsamen Kehrdienst zu beauftragen", fordert er. Denn besonders schlecht laufe es dort, wo viele Einzeleigentümer und Verwaltungen jeweils für sich dafür sorgen müssten, den Gehweg zu räumen.

Der Fuß e.V. fordert gemeinsame Räumdienste für festgelegte Gebiete.Bildrechte: picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg

So komme es teils dazu, dass Gehweg-Schneeräummaschinen ein Grundstück räumten, bei den nächsten Grundstücken nur über den Gehweg führen und den Schnee noch fester machten und erst am elften Grundstück wieder kehrten, kritisiert der Fußwegs-Experte. "Das ist eine riesige Verschwendung von Mitteln, die gerade dann sehr rationell eingesetzt werden müssten, wenn der Schnee nun mal frisch gefallen ist."

Und noch einen Grund sieht Stimpel gegen die derzeitige Regelung, dass Hauseigentümer und -verwaltungen für das Räumen der Gehwege verantwortlich sind: Für Behörden sei es so oft schwer festzustellen, wer konkret verantwortlich ist und wen man nach einem Unfall möglicherweise mit einem Bußgeld belangen könne. Denn das Glatteis fotografieren und feststellen, vor welchem Grundstück genau man gerade ist? "Daran denkt man normalerweise nicht, wenn man sich gerade in den Arm gebrochen hat."

Mitteldeutsche Städte reagieren zurückhaltend auf Änderungsvorschläge

Gibt es nach der jüngsten Schnee- und Glättewelle ein Umdenken in mitteldeutschen Städten? Oder gibt es noch andere Gründe, die für die bisherige Regelung sprechen? Mehrere von MDR AKTUELL angefragte größere Städte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wollen nur schriftlich auf Fragen antworten, verweisen vor allem auf die bestehende Regelung: Dass Anliegerinnen und Anlieger die Gehwege vor dem Grundstück räumen müssen. Die Stadt Halle erklärt, nach der Winterperiode mit den beauftragten Unternehmen auszuwerten, welche Mängel im Winterdienst für die nächste Winterperiode zu beheben seien.

Dieser Vorschlag wäre ein Eingriff in den freien Wettbewerb und würde zu einer deutlich höheren Regulierung führen.

Carsten RiederThüringer Gemeinde- und Städtebund

Deutlicher drückt sich Carsten Rieder aus, Geschäftsführer vom Thüringer Gemeinde- und Städtebund. Den Vorschlag vom Fuß e.V., gemeinsame Kehrbezirke einzuführen, lehnt er klar ab. "Dieser Vorschlag wäre ein Eingriff in den freien Wettbewerb und würde zu einer deutlich höheren Regulierung führen." Insgesamt habe man ein funktionierendes System, betont Rieder – und wo es Verbesserungsbedarf gebe, solle man lieber Anreize setzen, statt neue Pflichten einzuführen. Gesetzgeberischen Handlungsbedarf sieht er nicht.

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