Warum die frühe Gymnasium-Wahl in Deutschland schaden könnte
Die Diskussion um die richtige Schulform wird in Deutschland emotional geführt. Während einige Bundesländer wieder zu verbindlicheren Grundschulempfehlungen tendieren, legt eine aktuelle Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim genau das Gegenteil nahe. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass der Besuch eines Gymnasiums positive Auswirkungen auf die schulischen Leistungen und die späteren Studienambitionen hat – und zwar unabhängig davon, aus welchem sozialen Umfeld ein Kind stammt oder welche Vornoten es mitbringt.
Allerdings muss diese Erkenntnis mit einer wichtigen Einschränkung betrachtet werden: Die Studie basiert nicht auf deutschen Schülerdaten, sondern auf einem Datensatz aus Ungarn. Das ungarische System ähnelt dem deutschen zwar in der Gliederung, die Aufteilung der Schüler findet dort jedoch mehrheitlich erst im Alter von 14 Jahren statt, nicht wie in Deutschland üblich schon mit zehn Jahren. Die Autoren der Studie argumentieren dennoch, dass die Ergebnisse auf Deutschland übertragbar seien. Sie gehen davon aus, dass die negativen Effekte der Auslese im deutschen System durch den extrem frühen Zeitpunkt sogar noch verstärkt werden.
Schlummerndes Potenzial und unvermutete Leistungsschübe
Kern der Untersuchung war ein methodischer Kniff: Die Forscher verglichen Schüler, die es aufgrund ihrer Leistungen gerade noch so auf den höheren Schulzweig geschafft hatten, mit jenen, die ganz knapp gescheitert waren. Da diese beiden Gruppen fast identische Voraussetzungen mitbrachten, ließen sich die späteren Unterschiede ursächlich auf die Schulform zurückführen.
Das Ergebnis: Die Schüler auf dem Gymnasium zeigten zwei Jahre nach dem Wechsel deutlich bessere Leistungen in standardisierten Tests für Mathematik und Lesen als ihre zuvor fast gleich begabten Altersgenossen, die jetzt auf anderen Schulen waren. Dieser Effekt trat unabhängig vom elterlichen Milieu auf. "Leistungsschwächere oder sozial benachteiligte Kinder profitieren vom Besuch eines höheren Bildungsgangs – und zwar in gleichem Maße wie leistungsstärkere oder privilegierte Schüler", erklärt Sarah McNamara, ZEW-Ökonomin und eine Autorin der Studie.
Zugangshürden verfestigen Ungleichheit
Die Studie identifiziert somit nicht die kognitiven Fähigkeiten der Kinder als Problem, sondern die Barrieren beim Zugang zur Schule. Obwohl Kinder aus ärmeren Familien genauso vom Gymnasium profitieren würden, schaffen sie den Sprung dorthin deutlich seltener. Das führt zu einer paradoxen Situation: Die Ungleichheit zwischen den sozialen Schichten vergrößert sich in den Jahren nach der Schulwahl weiter, und das nicht, weil die benachteiligten Kinder dem Niveau nicht gewachsen wären. "Es sind also nicht mangelnde Fähigkeiten, sondern der erschwerte Zugang, der bestehende Bildungsungleichheiten verfestigt", fasst McNamara zusammen.
Die Forscher sehen hierin einen Beleg dafür, dass das oft beschworene Dilemma zwischen Effizienz (Leistungsstärke des Systems) und Gerechtigkeit (Chancengleichheit) in dieser Härte gar nicht existiert. Eine Öffnung der Gymnasien würde demnach die Gerechtigkeit erhöhen, ohne die Leistung der Spitzenflieger zu schmälern.
Der Mythos der homogenen Lerngruppe
Ein weiteres Argument für das gegliederte Schulsystem ist oft die Annahme, dass starke Schüler sich gegenseitig zu Höchstleistungen anspornen (sogenannte Peer-Effekte). Die Datenanalyse konnte diese These jedoch nicht bestätigen. Der rein akademische Einfluss der Mitschüler erwies sich als kaum nachweisbar. Viel wichtiger für den Lernerfolg war das soziale Verhalten der Klassenkameraden. "Unsere Studie stellt die generelle Annahme infrage, wonach strikte Leistungsgruppierungen notwendig seien, um Leistungsstarke voranzubringen", sagt Thilo Klein, der andere Autor der Studie. Das Lernumfeld profitiert also eher von motivierten und gut integrierten Schülern als von einer reinen Ansammlung von Bestnoten-Inhabern. Daraus leiten die Forscher ab, dass Kriterien wie Motivation, Durchhaltevermögen und Sozialverhalten bei der Schulwahl stärker gewichtet werden sollten als reine Testergebnisse.
Trotz der klaren Ergebnisse bleibt die Frage, ob sich die Situation von 14-jährigen Ungarn direkt auf zehnjährige Kinder in Deutschland anwenden lässt. Entwicklungspsychologisch ist dies ein großer Unterschied. Die Autoren argumentieren, dass die frühe Trennung in Deutschland die Gefahr von Fehlentscheidungen eher noch erhöhe, da das Potenzial von Zehnjährigen schwerer einzuschätzen sei als das von 14-Jährigen. Als Handlungsempfehlung für die deutsche Bildungspolitik schlägt das ZEW mehr Flexibilität vor. Spätere Trennungszeitpunkte und eine Abkehr von der starren Fixierung auf Noten könnten helfen, die ungenutzten Potenziale zu heben.
Links / Studien
S. McNamara, T. Klein (2026): "Rethinking Tracking: Lessons from Hungary for German Education Reform" hier als PDF
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