• Auch Väter haben bei der Jobsuche Nachteile, wenn sie einen Teilzeitwunsch haben.
  • Nur acht Prozent der Väter in Deutschland arbeiten in Teilzeit, aber 64 Prozent der Mütter.
  • Der Gender Pay Gap ist auch dafür verantwortlich, dass meist die Frau in Elternzeit geht und danach Teilzeit arbeitet.
  • Unter Männern ist ein Teilzeitwunsch häufig noch stigmatisiert.

Julian und seine Frau Silvia haben jahrelang versucht, ein Kind zu bekommen. "Es hat lange nicht geklappt, wir hatten Sternenkinder, mehrere Fehlgeburten." Als 2022 dann endlich die kleine Emma zur Welt kommt, seien sie überglücklich gewesen – und gleichzeitig ein bisschen am Verzweifeln. "Meine Frau hatte gerade angefangen, sich selbstständig zu machen, als sie schwanger wurde. Sie hat ihre eigene Zahnarztpraxis eröffnet."

Julian erzählt, für ihn sei eigentlich sofort klar gewesen, dass er die Elternzeit nehmen würde – alle 12 Monate. "Ich wollte Silvia den Rücken freihalten." Mit 12 Monaten Elternzeit ist der 37-Jährige aus Sachsen-Anhalt ein Ausreißer in der Statistik – im Schnitt nehmen Väter in Deutschland nämlich nur 3,8 Monate, Mütter 14,6 Monate.

Bei seinen Vorgesetzten sei die Ankündigung, 12 Monate Elternzeit nehmen zu wollen auf wenig Verständnis gestoßen, erzählt Julian. Ein Grund sei die späte Ankündigung gewesen, räumt er ein. Er und seine Frau hätten die Schwangerschaft sehr lange für sich behalten, aus Angst, dass wieder etwas schief geht. "Also habe ich eine Abmahnung kassiert und einen Monat kein Gehalt bekommen. Man ist da sehr empathielos mit mir umgegangen."

Julian hat aber auch Verständnis für seinen damaligen Arbeitgeber. "Das sind zwei Drittel Männer dort. Und die arbeiten schon seit Jahrzehnten in diesem Schicht-System. Sieben Tage Spät, sieben Tage Nacht, sieben Tage Früh. Dann drei Tage mit der Familie und dann wieder von vorn."

Jobsuche scheitert wiederholt an Teilzeitwunsch

Nach der Elternzeit versuchte Julian, in die Firma zurückzukehren, scheiterte aber daran, das Schichtsystem mit der Kinderbetreuung zu vereinbaren. Er kämpfte um Teilzeit, bekam aber nur das Angebot, die Wochenend-Schichten einer Kollegin zu übernehmen. An den Wochenenden immer arbeiten, das wollte er auch nicht. Er verließ das Unternehmen.

Bei der Jobsuche sei es dann wiederholt an seinem Teilzeitwunsch gescheitert. "Bei einer Firma, zu der ich eigentlich sehr gern wollte, hat der Chef gleich die Karten auf den Tisch gelegt und gesagt 'Du, Kinder sind was Tolles, aber wir können keine Teilzeit-Kraft gebrauchen, die ständig wegen des Kindes ausfällt.'"

Also hat Julian nach Stellen geschaut, die explizit für Teilzeit ausgeschrieben waren. Ob sie zu seiner Qualifikation oder Ausbildung als Lebensmittelfachkraft passten? Zweitrangig. Als Fahrrad-Enthusiast fand Julian schließlich eine Stelle in einem Fahrradladen.

Meist stellen Frauen ihre Karriere für die Familie zurück

Das einzig Ungewöhnliche an Julians Arbeitsmarkt-Erfahrungen ist, dass sie ein Mann gemacht hat. Teilzeit arbeiten, um sich um die Kinder kümmern zu können – das machen vor allem Mütter. Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren 2024 64 Prozent der Mütter mit Kindern unter 18 Jahren in Teilzeit, aber nur acht Prozent der Väter.

Und so sind es dann eben vor allem Frauen, die aufgrund des Teilzeitwunsches beruflich zurückstecken. Dem Väterreport 2023 zufolge haben 22 Prozent der Mütter, aber nur fünf Prozent der Väter, wegen der Kinder auf gute Berufsaussichten verzichtet beziehungsweise für sie zurückgesteckt.

Dass die Frau bei den Kindern bleibt, ist oft eine ökonomische Entscheidung

Michaela Hermann, Expertin für nachhaltige soziale Markwirtschaft bei der Bertelsmann-Stiftung, erklärte bei MDR AKTUELL, vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sei es unerlässlich, dass Sorgearbeit gleichmäßiger aufgeteilt werde. Sie weist aber auch darauf hin, dass es aktuell aus ökonomischer Sicht wenig Anreize dafür gibt. "Die Entscheidung, wer sich aus dem Erwerbsleben zurückzieht und die Sorgearbeit übernimmt, ist meist eine ökonomische."

Durch den Gender Pay Gap bringe meistens der Vater mehr Geld nach Hause als die Mutter, erklärt Hermann. "Das heißt, das Haushaltseinkommen bleibt stabiler, wenn die Frau kürzer tritt. Das ist eine rationale ökonomische Entscheidung, die man keinem Paar vorwerfen kann."

Die Expertin für soziale Marktwirtschaft sieht daher die Politik in der Pflicht, das Ehegattensplitting zu reformieren, um ungleiches Verdienen von Ehepartnern nicht länger steuerlich zu subventionieren. Außerdem fordert sie eine Erhöhung der Partnerzeit beim Elterngeld von zwei auf vier Monate.

Auch Männer wollen etwas von ihrem Kind haben

Andreas und Franziska* aus dem sächsischen Oelsnitz teilen sich die Sorge- und Erwerbsarbeit seit neun Jahren partnerschaftlich auf und kommen finanziell gut über die Runden, auch wenn es "für den großen Luxus" nicht reiche.

Nach der Geburt ihrer ersten Tochter gingen beide jeweils sieben Monate in Elternzeit und wechselten danach auch beide in Teilzeit. Für Franziska ging das problemlos. "Ich bin Krankenschwester, meine Firma hat rund 500 Angestellte und für alle war es jederzeit möglich, die Stunden zu reduzieren."

Der Chef hat nie verstanden, weshalb man gern bei Frau und Kind sein möchte, statt Geld zu scheffeln.

Andreas

Bei Andreas sah das anders aus. Er arbeitete damals in einer Autolackiererei, oft 60 Stunden die Woche. Schon Elternzeit zu nehmen, sei ein Kampf gewesen: "Der Chef hat nie verstanden, weshalb man gern bei Frau und Kind sein möchte, statt Geld zu scheffeln." Auf die Elternzeit hatte Andreas einen gesetzlichen Anspruch, dagegen konnte der Chef nichts machen. Doch Teilzeit wurde ihm dann aus betrieblichen Gründen verwehrt.

Also wechselte er die Firma. Einerseits, weil es ihm wichtig war, Zeit für seine Tocher zu haben: "Früh im Dunkeln weggehen und abends im Dunkeln wiederkommen. Da hatte ich gar nichts mehr von meinem Kind."

Andererseits ging es auch für Andreas und Franziska darum, überhaupt die Kinderbetreuung gewährleisten zu können. Beide arbeiten im Schichtdienst, oft in Tagesrandzeiten. "Für meinen Frühdienst geh ich kurz nach fünf aus dem Haus – da hat noch keine Kita und kein Hort auf", erklärte Franziska.

Auch Franziska und Andreas sind in ihrem Umfeld eher die Ausnahme. Und besonders Andreas spürt das auch: "Direkt was gesagt hat nie einer. Aber man merkt schon im Umgang, dass da bisschen argwöhnisch drauf geguckt wird – besonders von Kollegen vorgerückten Alters, die das selbst nicht gemacht haben oder nicht konnten."

Betriebe müssen väterfreundlicher werden

Michaela Hermann zufolge traut sich jeder dritte Mann, der eigentlich gern seine Arbeitszeit reduzieren würde, nicht, dies tatsächlich zu tun – aus Angst seine Karrierechancen zu mindern. "Es gibt da noch immer ein Stigma. Die Männer sorgen sich, dass ihnen dann weniger zugetraut wird und sie nicht mehr als Führungskandidaten gesehen werden."

Wir müssen weg von diesem Bild, dass Kinderbetreuung und Sorgearbeit bei Frauen liegt.

Michaela Hermann
Michaela Hermann beschäftigt sich viel mit Gleichstellung am Arbeitsmarkt.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hermann fordert von Unternehmen, offener zu werden. Es müsse zur Betriebskultur gehören, dass etwa Elternzeit auch bei Männern absolut normal und in Ordnung ist. "Wir müssen weg von diesem Bild, dass Kinderbetreuung und Sorgearbeit bei Frauen liegt."

Wichtig sei auch sich von der Vorstellung zu verabschieden, dass eine 40-Stunden-Woche eine "gute, arbeitende Person" ausmache. Gerade bei Bürojobs sage Arbeitsvolumen nichts über Effizienz aus, so Hermann. "Qualifizierte Personen – egal ob Frau oder Mann – lassen sich dann langfristig halten, wenn Unternehmen Verständnis für Lebenslagen haben, in denen Arbeitszeitreduktionen nötig sind." Langfristig würden die Betriebe davon profitieren.

MDR (ewi)

*Namen geändert, die realen Namen liegen der Redaktion vor.

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