K.O.-Tropfen: Chemnitzer Forscherin auf der Suche im Dunkelfeld
Was fällt Ihnen beim Begriff "Dunkelfeld" ein? Man kann nichts sehen, man weiß nicht, wo man ist. Dunkelfeldstudien sind eine besondere Form der Kriminalitätsforschung. Sie untersuchen Straftaten, die nicht in der offiziellen Polizeistatistik auftauchen – also das sogenannte "Dunkelfeld". In dieser Woche stellte die Bundesregierung die Ergebnisse einer solchen Untersuchung vor. Hinter dem eher nichtssagenden Titel "Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag" verbergen sich systematische Gewalterfahrungen. Erstmals überhaupt wurde umfassend erhoben, inwieweit Frauen und auch Männer von Partnerschafts-, sexualisierter und digitaler Gewalt betroffen sind. In mehr als anderthalb Jahren (Juli 2023 bis Januar 2025) wurden dafür rund 15.500 Personen befragt. Das zentrale Ergebnis: Frauen sind von allen Formen geschlechtsspezifischer Gewalt häufiger betroffen als Männer.
In den 20 Jahren zuvor gab es keine Untersuchungen dazu. Auch Forschende haben es schwer, Daten in diesem Dunkelfeld zu erheben. Charlotte Förster von der TU Chemnitz kennt das Problem und arbeitet bereits an einer Lösung. Sie hat 2024 zusammen mit Partnern in Österreich ein Projekt gestartet, um mehr über Bekanntheit, Erfahrung und den Umgang mit K.O.-Tropfen im deutschsprachigen Raum zu erfahren. "Wir hoffen, dass es uns gelingt, die Dunkelziffer beim Einsatz von K.O.-Tropfen weiter auszuleuchten", so die Forscherin, die jetzt erste Zwischenergebnisse ihrer Untersuchungen veröffentlicht hat. "Die bisherigen Zahlen zeigen bereits, dass das Ausmaß des Problems größer ist, als dass wir hier von einem Nischenphänomen reden können."
Private Sponsoren für Info-Kampagne
Staatliche Förderung oder politische Unterstützung hat Förster bisher nicht erhalten. Das Projekt läuft im Rahmen der Uni-Forschung und mit Unterstützung privater Sponsoren. So ist es auch gelungen, im Januar und Februar eine Edgar-Freecard-Kampagne zu organisieren. In über knapp 300 Locations in den zehn größten Städten Deutschlands werden die Karten verteilt, die zur Teilnahme an der Online-Studie aufrufen.
Ob die Forschung in Zukunft Unterstützung erhält, ist ungewiss. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat allerdings bei der Vorstellung der aktuellen Dunkelfeldstudie K.O.-Tropfen als "besonders widerwärtige Form der Gewaltausübung" bezeichnet. Und er kündigte an: "Die Anwendung von K.-O.-Tropfen wird zukünftig behandelt wie die Verwendung einer Waffe." Das jedoch kann nur geschehen, wenn sie zur Anzeige kommt, wenn sie nachgewiesen wird. Die Zahlen, die Charlotte Förster bisher aus der Zwischenauswertung ihrer Befragung erhoben hat, lassen daran Zweifel aufkommen.
Zu einer rechtsmedizinischen Bestätigung, einer Anzeige bei der Polizei und strafrechtlichen Verfolgung kam es in diesen Verdachtsfällen jedoch sehr selten.
1.288 Datensätze aus Deutschland konnte sie bisher auswerten. 527 Personen gaben an, schon mindestens einmal Opfer von "Drink Spiking" geworden zu sein. "Drink Spiking bezeichnet in diesem Zusammenhang die unfreiwillige Verabreichung von als K.O.-Tropfen missbrauchten Substanzen", erklärt Förster. 110 davon waren sich jedoch nicht ganz sicher. 302 gaben an, schon mindestens einmal den Verdacht gehabt zu haben, dass jemandem in ihrer Begleitung K.O.-Tropfen verabreicht wurden. "Zu einer rechtsmedizinischen Bestätigung, einer Anzeige bei der Polizei und strafrechtlichen Verfolgung kam es in diesen Verdachtsfällen jedoch sehr selten", resümiert Förster.
Nur 48 Personen gaben an, den Verdacht bei der Polizei gemeldet zu haben. "Die Zwischenergebnisse lassen weiterhin darauf schließen, dass die Angst vor K.O.-Tropfen besonders bei denjenigen ausgeprägt zu sein scheint, die selbst schon einmal solche Erfahrungen gemacht haben oder dies bei einer Person in ihrer Begleitung erlebt haben", so Förster.
Studie läuft bis zum Sommer
Noch läuft die Studie, die Daten haben also noch keinen repräsentativen Anspruch. Das Ziel der Forscherin: existierende Fälle erfassen und verstehen. "Neben einem besseren Einblick in die Problematik und einer besseren Ausgangsbasis für die zukünftige Forschung sollen mittels der Studie auch mögliche institutionelle Hürden bei der Erfassung solcher Fälle sowie Ableitungen für konkrete und effektive Aufklärungs- und Präventionsstrategien ermittelt werden", so Förster. Solche Hürden sind neben dem Scham- oder Schuldgefühl vermutlich einer der Gründe, warum nur ein Bruchteil der Fälle sexualisierter Gewalt zur Anzeige kommt. Laut der der aktuellen Dunkelfeldstudie haben nur rund drei Prozent der betroffenen Männer und Frauen solche Übergriffe angezeigt.
Förster und ihre Teams an der TU Chemnitz und dem Kompetenzzentrum Gewaltschutz der Tirol Kliniken in Innsbruck wollen spätestens im Sommer 2026 eine umfassende Analyse der Onlinebefragung vorstellen. Bis dahin hofft die Chemnitzer Forscherin weiter auf Unterstützung, Forschungsgelder, um die Studie bekannt zu machen und "auch möglichst alle Betroffenen hier zu erreichen".
Links/Studien
Weitere Informationen zur Forschung und zur Teilnahme an der Studie finden Sie auf der Projektseite "Don't-knock-me-out" der TU Chemnitz.
gp/klw
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