Bundeswehr-Sondervermögen könnte der Textilindustrie helfen, aber...
- Die Bundeswehr sorgt mancherorts für gefüllte Auftragsbücher, etwa bei Wattana in Hohenstein-Ernstthal, wo Uniformen für Militär und Behörden entwickelt werden.
- Der Strumpfproduzent Lindner Socks leidet jedoch trotz Hightech-Spezialisierung unter fehlenden Chancen bei Ausschreibungen.
- Branchenverbände kritisieren, dass neue Vergaberegeln kleine und mittlere Textilbetriebe in Ostdeutschland zusätzlich benachteiligen und wichtige Produktionsketten gefährden.
Gabriele Götze merkt deutlich, dass das Geld bei der Bundeswehr gerade locker sitzt. Ihr Unternehmen, Wattana in Hohenstein-Ernstthal, verdient ihr Geld mit Einsatzkleidung – für Verkehrsbetriebe, für die Polizei, aber auch für Marine und Bundeswehr. Das Geschäft mit Uniformen, Kampfblusen oder Fliegerbekleidung läuft gut. "Als es hieß: Es gibt ein Sondervermögen, wir müssen die Bundeswehr kriegstüchtig machen, da haben wir schon gemerkt, dass die Ausschreibungen mehr wurden und die Volumina höher."
Gabriele Götze, Geschäftsführerin von Wattana in Hohenstein-Ernstthal.Bildrechte: MDR
Im großen Stil genäht wird im Ausland – In Produktionsstätten in der Türkei, in Armenien, Tunesien, Bulgarien, in der Ukraine.
Gabriele Götze, 72 Jahre alt, hat das Unternehmen über die Wendezeit gerettet. In der DDR war Wattana – noch als Volkseigener Betrieb – für die Arbeitsjacke "graue Maus" bekannt. 4.000 der Wattejacken verließen das Werk damals – "am Tag", betont sie mit weit geöffneten Augen, in denen man die Ausrufezeichen förmlich sehen kann.
Kleidungsstücke aus High-Tech-Gewebe
Heute entwickelt Wattana neue Kleidungsstücke aus High-Tech-Gewebe oder übernimmt die Entwürfe des Wehrwissenschaftlichen Instituts in Erding, das zum Bundesverteidigungsministerium gehört. In der hauseigenen Näherei entstehen Muster – die Vorlagen für die eigentliche Produktion. Im großen Stil genäht werde im Ausland, erklärt Götze. "In Produktionsstätten in der Türkei, in Armenien, Tunesien, Bulgarien, in der Ukraine."
Bei Wattana werden Muster für die Produktion von Einsatzkleidung gefertigt.Bildrechte: MDRDie Bundeswehr als Auftraggeber – davon kann Thomas Lindner nur träumen. Ebenfalls in Hohenstein-Ernstthal produziert sein Familienbetrieb in vierter Generation Strümpfe. Seit hundert Jahren rattern hier die Maschinen. Westsachsen ist ein traditioneller Textilproduktionsstandort.
Socken für Diabetiker oder gegen Zecken
In Sachsen insgesamt gibt es laut Wirtschaftsförderung Sachsen heute noch um die 500 Unternehmen in der Textilindustrie. Die meisten verdienen ihr Geld mit hochspezialisierten Textilien. Auch Lindner fertigt Socken für sehr bestimmte Anwendungen und Zielgruppen, für Diabetiker oder gegen Zecken.
Ausgelastet ist das Werk trotzdem nicht – zu groß ist die Konkurrenz aus Niedriglohnländern. Einst kamen Lindners Maschinen aus dem benachbarten Chemnitz. Das war einmal. Heute arbeitet er mit italienischen Fabrikaten. Über die Jahrzehnte seien die Produktionsketten Stück für Stück zusammengebrochen und die Abhängigkeit von ausländischen Zulieferern immer größer geworden.
Thomas Lindner, Geschäftsführer von Lindner Socks – das Unternehmen sitzt ebenfalls in Hohenstein-Ernstthal.Bildrechte: MDR
Solange aber der Preis bei der Ausschreibung das Primat hat, haben wir mit einer deutschen Produktion schlechte Karten.
Obwohl die Maschinen die Socken nahezu selbständig fertigen, ist die Produktion im Ausland günstiger. Aber auf den Preis kommt es nun mal an, kritisiert Lindner, auch wenn jetzt das Sondervermögen ausgegeben wird. "Wir können regional arbeiten, haben kurze Transportwege, Stichwort Nachhaltigkeit. Damit könnten wir punkten. Solange aber der Preis bei der Ausschreibung das Primat hat, haben wir mit einer deutschen Produktion schlechte Karten." Lindner hält das Sondervermögen daher "eher für ein Konjunkturprogramm für Osteuropa oder für Nordafrika. Aber nicht für die deutsche Industrie."
Kaum Chancen auf Aufträge für kleine Unternehmen
Lindner spricht nicht nur für sein Unternehmen. Er ist Vorsitzender des Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie, in dem vor allem kleine und mittelständische Firmen organisiert sind. Die haben aus seiner Sicht oft keine Chance, Ausschreibungen der Bundeswehr zu gewinnen. "Um überhaupt daran teilnehmen zu können, muss man gewisse Jahresmindestumsätze erwirtschaften und sie müssen Referenzen nachweisen können. Das führt dazu, dass wir als kleines Unternehmen durchs Raster fallen."
Das sieht der Gesamtverband "textil+mode" genau so. Und daran ändert aus Verbandssicht auch ein im Januar im Bundestag verabschiedetes Gesetz nichts – ganz im Gegenteil. Das "Gesetz zur beschleunigten Planung und Beschaffung der Bundewehr" ermögliche Behörden, leichter Großverträge in eine Hand zu vergeben, so eine Sprecherin. "Anstatt größere Aufträge in eigenständige Teile (sog. "Lose", d. Red.) aufzuteilen. Dies verschlechtert grundsätzlich die Wettbewerbschancen für kleine und mittlere Unternehmen."
Zurück nach Hohenstein-Ernstthal: Um alle deutschen Behörden und auch die Bundeswehr "made in Germany" auszustatten, müssten ganze Produktionsketten wieder aufgebaut werden; samt Fabriken mit hunderten Arbeitskräften an Nähmaschinen. Völlig unmöglich, meint die Wattana-Chefin; eine echte Chance für mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit Deutschlands und für einen traditionsreichen Textilstandort, meint hingegen Strumpfproduzent Lindner.
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