Der Schatz im Untergrund: Wird Mitteldeutschland zum Lithiumland?
Es ist ein Stoff, ohne den im modernen Alltag fast nichts mehr geht. Lithium steckt in Smartphones, Laptops und – in noch viel größerer Menge – in den meisten Batterien von Elektroautos. Doch bisher ist Deutschland fast zu 100 Prozent abhängig von Importen aus dem Ausland. Wer heute ein E-Auto fährt, nutzt mit hoher Wahrscheinlichkeit Lithium, das eine Weltreise hinter sich hat. Oft stammt es aus dem sogenannten "Lithium-Dreieck" in Südamerika – den Salzseen in Chile, Argentinien und Bolivien. Dort trocknet die lithiumhaltige Sole monatelang in der Sonne, bevor das Konzentrat meist nach China verschifft wird. Denn das Reich der Mitte dominiert die Weiterverarbeitung und sitzt quasi auf der gesamten Lieferkette.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKUm diese Abhängigkeit zu brechen, hat die EU ehrgeizige Ziele formuliert. Und die Antwort auf die Rohstoffknappheit liegt vielleicht nicht in fernen Kontinenten, sondern direkt vor unserer Haustür. Mitteldeutschland verfügt über riesige Lagerstätten. Allein das Vorkommen in der Altmark wird auf 45 Millionen Tonnen Lithiumcarbonat geschätzt. Doch der Weg vom Erz oder der Sole bis zur Batterie ist weit – und er stößt vor Ort auf Widerstand, wie im vom MDR produzierten ARD-Radio-Feature "Lithiumland Deutschland – Der Preis der Zukunft" zu hören ist.
Zinnwald: Wenn der Berg ruft – und die Anwohner zittern
Im sächsischen Osterzgebirge, in Zinnwald – heute ein Ortsteil von Altenberg – trifft jahrhundertealte Tradition auf moderne Industrieangst. Hier liegt die drittgrößte Lithiumerz-Lagerstätte Europas. Tief unter der Erde glitzert der Zinnwaldit, ein Glimmermineral, das das begehrte Metall enthält. Die Pläne sind gigantisch: 1,5 Millionen Tonnen Roherz pro Jahr sollen hier gefördert werden.
Aber viele Menschen vor Ort reagieren skeptisch auf die Rückkehr des aktiven Bergbaus. Als abschreckendes Beispiel gilt vielen die Eisenerz-Mine Kiruna in Schweden. Dort senkt sich der Boden durch den Abbau so stark ab, dass ein ganzes Stadtzentrum umgesiedelt werden muss. Auch in Zinnwald fürchten Anwohner Risse und Lärm. Zudem ist eine 60 Meter hohe Abraumhalde geplant – in einer Gegend, die stark vom Tourismus lebt. Die Sorge vor Staub, der bei Trockenheit in die Dörfer weht, ist groß. "Wie weit fliegt das? Wie weit werden wir das Licht sehen, den Lärm hören", fragt sich Heike Sommerschuh, die seit über 60 Jahren in der Region lebt und sich wie viele im Ort um die Idylle sorgt: "Bei uns in der Region ist es so ruhig."
Dazu kommt ein ganz praktisches Problem: Die geplante Aufbereitungsanlage liegt an einem Standort ohne nennenswerten Wasserzugang. Woher das Wasser kommen soll, um die Halde feucht und den Staub am Boden zu halten, ist vielen ein Rätsel. Eine Planung ohne klares Wasserkonzept wirkt auf die Bürgerinitiative wenig vertrauenserweckend.
Protest-Plakat der Anwohner in Liebenau, einem Ortsteil von Altenberg im OsterzgebirgeBildrechte: IMAGO/C3 PicturesRohstoff-Forscher Martin Bertau, Direktor des Instituts für Technische Chemie an der TU Bergakademie Freiberg, stellt eine gewisse Ambivalenz in den traditionellen Bergbau-Regionen fest, wenn es um Bergbau damals und heute geht. Die öffentliche Meinung sei da manchmal schwer nachzuvollziehen. "Da feiert man mit Tschingtarassabumm die Bergparaden. Es ist immer auch schön, die Stimmung ist gut", sagt Bertau. "Wenn aber jemand sagt 'Ich will jetzt wirklich ein Bergwerk bauen', dann gehen die Probleme los. Dann finde ich auf einmal in derselben Bevölkerung, die gerade eben noch das Steigerlied gesungen hat, große Bedenken."
Doch dieser "Widerspruch" erscheint auch menschlich. Nach dem Ende des alten Bergbaus hat sich die Region "erholt", die Natur hat "Wunden" geschlossen, die Menschen haben sich an Ruhe und Tourismus gewöhnt. Die Angst, diese neue Idylle – wie es Anwohnerin Heike Sommerschuh nennt – wieder an Lärm und Staub zu verlieren, wiegt für viele offenbar schwerer als die Begeisterung für abstrakte geopolitische Unabhängigkeit.
Altmark: Neue Chancen und giftiges Erbe
Zwar gibt es auch in der Altmark lautstarken Protest, etwa von der Bürgerinitiative "Saubere Altmark", die bei öffentlichen Auftritten des Investors regelmäßig demonstriert. Dennoch trifft der neue Lithium-Rausch hier bei einigen Einheimischen auf einen überraschenden Pragmatismus. Das mag auch daran liegen, dass die Abbau-Bedingungen völlig andere sind. Während man im Erzgebirge den Fels sprengen muss, hilft in der Altmark die Natur. In drei bis vier Kilometern Tiefe zirkuliert dort heißes Wasser, sogenannte Solen. Unter hohem Druck und Hitze lösen sich ganz ohne menschliches Zutun Metalle aus dem Gestein, darunter auch Lithium, das man dann "nur noch" an die Oberfläche holen muss.
Das Unternehmen "Neptune Energy" sitzt hier auf einem wahren Schatz: Das Vorkommen wird auf 45 Millionen Tonnen Lithiumcarbonat geschätzt und zählt damit zu den weltgrößten. Statt riesiger Tagebaue setzt man auf High-Tech im Verborgenen: In einer Pilotanlage, dem "Blauen Wunder", werden derzeit verschiedene Verfahren der "Direkten Lithium-Extraktion" (DLE) getestet. Dabei fischen spezielle Ionenaustauscher, deren Funktionsweise man sich wie die von Magneten vorstellen kann, das Lithium gezielt aus dem hochgepumpten Wasser, bevor es wieder in die Tiefe geleitet wird. Das Ziel ist ehrgeizig: Ab 2030 sollen hier jährlich 25.000 Tonnen Lithiumcarbonat gewonnen werden – genug für die Batterien von rund 400.000 Elektroautos.
Doch wer in der Altmark bohrt, weckt auch die Geister der Vergangenheit. Die Region um Salzwedel ist gezeichnet von der rücksichtslosen Erdgasförderung der DDR-Zeit. Das heiße Tiefenwasser, das heute zur Klimarettung beitragen soll, brachte damals den Tod auf Raten. Denn mit dem Gas und der Sole kamen auch Quecksilber und radioaktive Stoffe nach oben, die sich in den Förderrohren als zentimeterdicke, strahlende Krusten ablagerten.
Ein Opfer dieser Zeit wird im ARD-Radio-Feature Robert genannt. Seinen echten Namen möchte er nicht preisgeben Der ehemalige Arbeiter des VEB Erdgasförderung reinigte jahrelang die Pumpen, ohne zu ahnen, wie giftig das Material war. Heute ist er Frührentner und schwer gezeichnet. "Ich hab eine schwere Schwermetallvergiftung. Das ist nicht nur das Quecksilber, der Blei-Wert ist sogar noch höher", berichtet er. Die Folgen sind sichtbar: "Meine Hände sind krumm und schief. Ich habe auch oft Atemschwierigkeiten." Robert ist arbeitsunfähig und Frührentner, seit er 40 ist.
Das vielleicht Überraschende: Robert trennt klar zwischen der Rohstoffgewinnung damals und heute. Er sieht die neuen Pläne pragmatisch, fast hoffnungsvoll. Robert habe gesagt, "wenn das ordentlich gemacht wird und nichts daneben kleckert wie in der DDR, dann ist ja nichts dagegen einzuwenden", erzählt Heidi Mühlenberg, die Autorin des Radio-Features über ihre Gespräche mit Robert.
Bitterfeld: Der Leuchtturm der Veredelung
Lithium muss aber nicht nur hier gefördert, sondern auch hier veredelt werden, wenn man von China unabhängig sein will. Dabei spielt der Chemiepark Bitterfeld-Wolfen eine zentrale Rolle. Bereits Mitte 2026 soll hier die kommerzielle Produktion starten. Die Raffinerie von AMG Lithium gilt als erster "Leuchtturm" beim Aufbau einer europäischen Infrastruktur.
Die Herausforderungen waren immens, wie Stefan Scherer von AMG zugibt: "Es gab dafür keine Blaupause, sondern wir haben das im Prinzip alles selbst designt. Da werden halt auch mal Fehler gemacht". Doch mittlerweile ist die Produktion für das kommende Jahr bereits verkauft. Und die Pläne gehen weiter: Künftig will man hier nicht nur frisches Lithium verarbeiten, sondern auch recyceltes Material aus alten Batterien wieder in den Kreislauf zurückführen.
Eine Frage der Ethik und Verantwortung
Aber zurück zum heimischen Bergbau. Die Diskussion darum hat nicht nur technische, sondern auch moralische Aspekte. Eine Frage lautet: Ist es besser oder zumindest vertretbar, wie bisher Rohstoffe aus Ländern mit laxen Umweltstandards zu importieren, um die eigene Landschaft zu schonen? Martin Bertau, der TU-Professor aus Freiberg, hat dazu eine klare Meinung: "Wir importieren Rohstoffe und exportieren Probleme. Das ist ein zutiefst unethisches Verhalten, das lehne ich ab." Bertau argumentiert also damit, dass die Umweltauflagen in Deutschland sehr streng sind, während sie anderswo oft missachtet werden.
Mitteldeutschland scheint jedenfalls an einem Scheideweg zu stehen. Die Chance, sich unabhängig von China zu machen und Wertschöpfung in die Region zu holen, ist greifbar. Doch der Preis dafür sind Eingriffe in die Natur, die sorgfältig abgewogen werden müssen. Ob Zinnwald, die Altmark und andere mitteldeutsche Standorte tatsächlich zum "Lithiumland" werden, hängt am Ende nicht nur von der Geologie ab, sondern von der Akzeptanz der Menschen, die auf dem Schatz leben. Völlige Transparenz sei der einzige Weg, die Bevölkerung mitzunehmen, meint Autorin Heidi Mühlenberg, die ein Jahr lang für ihr Radio-Feature recherchiert hat.
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