Eine längere Version des Gesprächs mit Eva-Lotta Brakemeier sehen Sie im Video oben. Hinweis: Die Interviewpartnerin nutzt geschlechtersensible Sprache, die hier mit dem Doppelpunkt ':' abgebildet wird.

MDR AKTUELL: Ist denn seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine die Sorge vor Krieg auch vermehrt Thema in den Praxen? Gibt es konkrete Zahlen dazu, wie sich das in den vergangenen Jahren entwickelt hat?

Eva-Lotta Brakemeier: Was wir ganz eindeutig sehen, ist, dass in der Allgemeinbevölkerung die Sorge und die sogenannte Kriegsangst zugenommen haben, insbesondere bei jungen Menschen. Das zeigt zum Beispiel auch die Shell-Studie aus dem Jahr 2024, dass über 80 Prozent der jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahren über Kriegsangst berichten. 

Wir haben jetzt begonnen, das systematisch mit zu erfassen und zu erfragen, beispielsweise hier in Greifswald in meiner Ambulanz. Ich leite das Zentrum für psychologische Psychotherapie, wo wir jährlich 700 Patient:innen behandeln. Und da sagen die ersten Studien, dass 65 Prozent angeben, dass sie sehr große oder große Angst vor einem Krieg in Europa haben.

Sind manche Menschen anfälliger oder eher betroffen als andere? 

Kinder und Jugendliche sind anfälliger. Das ist auch völlig nachvollziehbar. Sie haben noch ihre ganze Zukunft vor sich, machen sich natürlich viel mehr Gedanken, stellen sich auch Fragen wie: Kann ich in Frieden aufwachsen? Werde ich vielleicht kämpfen müssen? Es geht gerade auch um die ganze Wehrpflicht-Debatte. Da machen sich Kinder und Jugendliche natürlich Gedanken, weil sie da viel mehr involviert sind. Eltern können aber auch in Sorgenspiralen verfallen.  

Wie genau kann sich diese Angst äußern? Was treibt die Menschen um?

Kriegsangst ist für uns etwas eher Neues. Der Krieg bedroht unser elementares Sicherheitsgefühl und daher kann man Kriegsangst auch als eine Mischung aus existenziellen Ängsten, Zukunftsangst und Verlustängsten sehen. Seit dem Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine ist das Sicherheitsgefühl in der Allgemeinbevölkerung erheblich belastet worden und dadurch entsteht Kriegsangst. 

Und das ist schon eine andere Angst als die Ängste, die wir sonst in Psychotherapien behandeln. Das sind zum Beispiel spezifische Phobien, da hab ich Angst vor Spinnen oder vor Höhen oder soziale Phobien vor sozialen Situationen – und hier ist es eben diese eher diffuse, existenzielle Angst.

In Bezug auf die Symptome: Wie kann man sich das vorstellen? Ist es dann so, dass man Probleme bei der Atmung hat oder ist es das Gedankenkarussell, was nicht mehr aufhört?

Wir Menschen reagieren individuell differenziert. Aber was man schon viel beobachtet, sind Schlafstörungen, auch Konzentrationsstörungen und vor allem — und dann wird es auch mehr und mehr behandlungsbedürftig —, wenn man in dieses Dauergrübeln verfällt und sich das auch auf den Alltag auswirkt. 

Wenn ich jetzt auch merke, dass ich in Schule, Ausbildung, Studium oder Arbeit deutlich eingeschränkt bin, dann ist das ein Zeichen und natürlich auch, wenn ich bemerke, dass mich das nicht loslässt: Ich checke ständig die Nachrichten, mache das so genannte Doomscrolling (Anmerkung der Redaktion: zwanghaftes, exzessives Scrollen durch negative Nachrichten) — das sind dann Zeichen, dass es eben wirklich auch zu einer Kriegsangst kommt, wo man dringend was gegen tun sollte. 

Was sind mögliche Strategien, um aus dieser Angstspirale rauszukommen? 

Wenn ich Kriegsangst habe — noch nicht im behandlungsbedürftigen Stadium — dann ist es auch ganz wichtig, dass ich mir das bewusst mache und auch sage: Ich habe diese Kriegsangst und das ist auch menschlich und normal. Dann ist es auch wichtig, darüber zu sprechen, dass man auch merkt: ich bin damit gar nicht allein. 

Von der Evolution reagieren wir auf Angst mit drei Mechanismen: Das ist immer das Beispiel mit dem Säbelzahntiger, dass wir entweder einfrieren, dass der uns gar nicht sieht, oder dass wir schnell weglaufen, wenn es noch geht oder dass wir dagegen ankämpfen, wenn wir vielleicht stärker sind. 

Und diese Strategien, in Panik oder in den Kampfmodus zu verfallen, sind nicht unbedingt sinnvoll. Auch einzufrieren ist nicht sinnvoll, also sich ins Bett zu legen und so zu tun, als gäbe es das alles gar nicht. Statt in Panik zu verfallen und zu kämpfen, sollte man schauen: Wo kann ich mich jetzt engagieren? Wo habe ich Kontrolle über Dinge, die ich auch wirklich verändern kann?   

Ich kann – so schlimm es ist – den Krieg in der Ukraine nicht selbst verändern. Aber ich kann dafür sorgen, dass ich mich hier zum Beispiel ehrenamtlich engagiere.

Eva-Lotta Brakemeier

Dass ich mich zum Beispiel um Schutzsuchende kümmere oder auch im Kleinen in der Nachbarschaft um Menschen, denen es schlechter geht. Das ist auch diese Weisheit zu schauen: Wo kann ich was verändern? Da engagiere ich mich. Da gibt es in Deutschland auch so unglaublich viele Möglichkeiten: im Sportverein, in der Kirche, bei Parteien, wo auch immer: Das hilft wirklich sehr. 

Wo kann ich auch auftanken, gerade in diesen krisengeprägten Zeiten? Wo kann ich was für meine Psychohygiene tun, damit ich dann auch eben wieder Kraft habe?

Haben Sie denn für die jüngeren Betroffenen weitere Tipps, wie sie aus dieser Angstspirale rauskommen können und trotzdem hoffnungsvoll und positiv in ihre eigene Zukunft schauen können? 

Wenn ich merke, dass mich das sehr umtreibt, begrenzt zu konsumieren. Wenn wir jetzt beim Nachrichtenkonsum bleiben: Push-Meldungen ausschalten. 

Auch da, wo ich bin, mich voll darauf konzentrieren, in Schule oder Freizeit – und merken, ich bin da auch handlungsfähig, ich habe da Kontrolle und ich kann mich eben austauschen. Und mich gern auch, wenn ich Angst habe, engagieren. Und dann sind auch basale Präventionsregeln wichtig: Dass ich einen Schlafrhythmus habe. Sport ist auch extrem hilfreich.  

Kinder und Jugendliche haben ja meist auch mehr Freizeit, als wenn man arbeitet: Dass man die Freizeit wirklich gut plant mit körperlicher Aktivität, Austausch mit Freunden und sich nicht zurückzieht und in die Einsamkeit geht.

Was kann man denn als Eltern für seine Kinder tun, wenn man merkt, die sind häufig am Grübeln, sind schlecht drauf, kriegen auch schon die aktuellen Nachrichten mit. Was sind da ihre Tipps? 

Das ist eine wichtige Frage. Eltern sind nun mal auch immer die ersten und mit die nächsten Ansprechpartner:innen. Und da ist es wichtig, dass Eltern diese Sorgen und Ängste wirklich offen ansprechen und ernst nehmen und den Kindern auch eben den Raum geben: 'Hier kannst du über deine Ängste sprechen.' Und durchaus auch sagen: 'Ja, ich kann die Ängste verstehen, ich teile die auch.' Und gleichzeitig aber auch wieder so ein bisschen einordnen. Man kann zum Beispiel schon sagen, was ja auch stimmt: 'Deutschland ist eins der sichersten Länder. Im Moment sind wir hier sicher und wir können da auch viel dafür tun, dass es so bleibt.'

Und dann kann man sich, also je nach Alter natürlich, altersgerechte Nachrichten anschauen und nachbesprechen. Und dann aber auch ganz bewusst sagen: 'So und jetzt machen wir aber was Schönes, gehen noch mal raus in die Natur oder wir kochen gemeinsam und reden dann auch wieder über andere Dinge.' Und letztlich geht es bei uns allen darum, dass wir diese Ambiguitätstoleranz lernen, also Unsicherheiten aushalten, ohne in Katastrophenbilder zu kippen. 

Es ist sehr gut, wenn Kinder früh lernen: Es gibt Unsicherheiten und trotzdem bleibe ich handlungsfähig.

Eva-Lotta Brakemeier

MDR(mf)

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