"Er hatte immer Angst vor den Securitys" – Wenn Jugendhilfe zur Gefahr wird
- Ole hat viele Diagnosen erhalten, für seine Familie sind sie dennoch keine Erklärung für seine Aggression.
- Experte Professor Baumann sieht Trend zu mehr Sicherheitskräften in der Jugendhilfe kritisch.
- Pflegekräfte dokumentieren unverhältnismäßige Gewalt von Deeskalationskräften.
- Die Betreuungskosten von "Systemsprengern" sind hoch – ein lukratives Geschäft für Sicherheitsfirmen?
"Du kannst dir nicht vorstellen, wie scheiße es mir hier geht. Ich will nach Hause Mama!", schreit Ole H. Auf der Tonaufnahme aus der Musiktherapie ist er 13 Jahre alt. Der nun 17-Jährige ist psychisch schwer krank und seit Jahren in verschiedenen Einrichtungen der Psychiatrie und Jugendhilfe untergebracht. Seit 2021 wird er dort rund um die Uhr von Sicherheitskräften beaufsichtigt, weil er sich aggressiv verhält.
Doch Ole ist auch selbst immer wieder verletzt. Offiziell heißt es: Selbstverletzungen. Die Eltern von Ole zweifeln manchmal daran. Vermuten, dass Security-Angestellte unangemessene Gewalt gegen ihren Sohn anwenden. Ein Vorfall wird jetzt vor Gericht verhandelt. Geht also von den Sicherheitskräften selbst Gefahr aus?
Schon Auffälligkeiten in Kindergarten und Schule
In früher Kindheit war Ole der Familie zufolge ein liebes Kind. MDR INVESTIGATIV hat die Familie getroffen. Er sei aufgeweckt gewesen, habe Gedichte vorgetragen, das zeigen Aufnahmen der Familie. Doch schon in Kindergarten und Schule wurde er zunehmend auffällig. Er hörte nicht auf Erwachsene, ordnete sich nicht unter, er begann zu spucken, zu schlagen, zu treten.
Familie H. kann sich nicht erklären, woher Oles Aggressionen kommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKDie Familie konnte sich nicht erklären, woher diese Entwicklung kam, und vermutete eine Erkrankung. "Er hatte diese sehr liebevollen Tendenzen. Dann war er kurzzeitig später wieder ein komplett anderer Mensch", sagt seine Schwester Maren. Die zweite Schwester Anna erzählt, er habe sich selbst nicht kontrollieren können. Mutter Kristin zufolge riefen sie 2020 das erste Mal die Polizei, da sie nicht gegen ihn ankamen.
Er hatte diese sehr liebevollen Tendenzen. Dann war er kurzzeitig später wieder ein komplett anderer Mensch.
Viele Diagnose, keine Erklärungen
Im Laufe der Zeit erhielt Ole diverse Diagnosen, unter anderem Störungen des Sozialverhaltens und der Emotionen sowie multiple Tic-Störungen und manches mehr. Aber all das gab der Familie keine wirkliche Erklärung. Schwester Maren erinnert sich: "Es gab Situationen, in denen war Ole sehr erregt, sehr explosiv – man ist nicht gegen ihn angekommen." Auch wenn sie sanft und liebevoll auf ihn eingeredet hätten. In manchen Momenten habe es nichts gebracht.
Einmal verletzte Ole eine seiner Schwestern, griff den Vater und dann auch die herbeigerufene Polizei an. Es folgten zahlreiche Klinikaufenthalte, aber immer wieder gab es Probleme: psychiatrische Einrichtungen in Magdeburg, Uchtspringe, Bernburg und Haldensleben. Eine jahrelange Odyssee. Die endete wieder in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Magdeburg. Ole ist ein Kind, das man einen "Systemsprenger" nennt.
Vorwürfe gegenüber Security-Kräften
Seit seiner Rückkehr nach Magdeburg sollen Security-Kräfte 24 Stunden am Tag für Sicherheit sorgen, um Angriffe des Jugendlichen auf Dritte zu verhindern und auch, um Ole selbst vor Selbstverletzungen zu schützen. Üblicherweise halten Security-Kräfte, die man auch Deeskalationskräfte nennt, die Jugendlichen fest oder bringen sie zu Boden – solange, bis sie sich beruhigt haben. Jedenfalls dann, wenn nur noch der körperliche Einsatz bleibt.
Oles Schwester Maren H. erzählt: "Er hatte immer Angst vor den Securitys. (…) Aber wir wissen nicht, was da passiert ist. "Wann die Security-Kräfte im Fall von Ole körperlich eingreifen durften, dazu kennt MDR INVESTIGATIV keine Details. Immer wieder habe Ole Verletzungen aufgewiesen, unter anderem einen Armbruch. Die Eltern hätten seitens der Einrichtung immer gehört, Ole habe sich selbst verletzt. Doch nicht selten hatten sie daran Zweifel.
Wie viele solche Kinder und Jugendliche gibt es überhaupt, die wegen ihres aggressiven Verhaltens kaum dauerhaft unterzubringen sind? Schätzungen gehen davon aus, dass es in Deutschland etwa fünf bis acht Tausend sogenannte Systemsprenger gibt. Wie viele von ihnen von Securitys bewacht werden, dazu gibt es keine offiziellen Statistiken.
Es gibt nur Hinweise von Experten, die in diesem Bereich Gutachten erstellen und Pädagogen, die in der Jugendhilfe tätig sind, dass immer häufiger solche Deeskalationskräfte in der Betreuung schwieriger Jugendlicher eingesetzt werden.
Experte sieht Trend zu mehr Sicherheitskräften kritisch
An der Fliedner Fachhochschule für Pädagogik und Soziale Arbeit in Düsseldorf lehrt Professor Menno Baumann zu diesem Thema und er veröffentlichte auch eine Podcast-Reihe mit dem Titel "Systemsprenger". Baumann legt jedoch Wert auf die Feststellung, dass nicht diese Jugendlichen etwas sprengen, eher würden sie gesprengt. Baumann sagt im Interview mit MDR INVESTIGATIV, dass die Jugendlichen häufig in einen "Schleuderkreis" zwischen Bildungssystem, Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie geraten.
"Jeder will nicht zuständig sein, reicht die Fälle weiter. Und so eskalieren sich Systeme einfach hoch", erklärt Professor Baumann. Das führe zu noch strengeren Regeln und noch mehr Personal – bis hin zu Security und geschlossener Unterbringung.
Die Ohnmacht, (...), dass wir keine andere Lösung mehr finden als rund um die Uhr Security, die macht mir schon große Sorgen.
Professor Baumann sieht den zunehmenden Einsatz von Security-Kräften in der Jugendhilfe – gerade im Zusammenhang mit sogenannten Systemsprengern – sehr kritisch. "Ich persönlich nehme Gewaltschutz von Mitarbeitern sehr ernst, aber die Ohnmacht, die sich darin ausdrückt, dass wir keine andere Lösung mehr finden als rund um die Uhr Security, die macht mir schon große Sorgen." Professor Baumann sieht hier die Gefahr von Machtmissbrauch, wenn "Maßnahmen der Körperintervention" angewendet werden, wenn etwa Regeln nicht eingehalten werden. "Dann wäre das Kindesmisshandlung."
Unverhältnismäßige Einsätze dokumentiert
Ole war über einen langen Zeitraum in einem speziellen Bereich einer psychiatrischen Klinik in Magdeburg untergebracht, in dem ihn ein externer Jugendhilfeträger betreut hat. Der stellte am Tag die Pädagogen für Ole, und über 24 Stunden die Security-Kräfte. Personal der Klinik hatte offenbar nur noch nachts ein Auge auf Ole. Neben seinen multiplen Tic-Störungen zeigt er auffälliges Verhalten: Er spuckt Leuten ins Gesicht, will weglaufen, reagiert unkontrolliert.
Dokumentiert sind auch Einsätze der Security-Kräfte, die unverhältnismäßig wirken. So heißt es im Juni 2023 in den Verlaufsdokumentationen des Klinikpersonals: "O. bewarf die DSK [Deeskalationskräfte] 4-mal mit dem Wischlappen und wurde nach jedem Wurf körperlich auf dem Boden fixiert." Ein psychisch kranker Jugendlicher wirft also einen Lappen – was folgt, ist körperliche Gewalt. Wie es scheint, wohl eher wegen Fehlverhaltens und nicht wegen eines gefährlichen Angriffs auf Andere.
Die Klinikangestellten protokollieren auch diesen Vorfall: "Secu. nimmt O. an beiden Beinen und zieht ihn aus dem Bett. O. schlägt mit dem Rücken und Kopf auf dem Boden auf. O. blutet aus dem Mund, wird weiterhin auf den Boden gedrückt. Das Knie des Secu drückt ins Gesicht und auf die Brust, PED (Pflegerische Fachkraft) weist Secu darauf hin dies zu unterlassen." Weiter hieß es im Protokoll, dass sich die PED zunehmend verzweifelt gezeigt habe, "da nicht deeskalierend auf Ole seitens der Security eingegangen werde. PED habe versucht Ole zu schützen."
Oles Vater zeigt auf einem Tablet Fotos der Verletzungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKDieser Vorfall wird jetzt vor Gericht verhandelt. Die Klinik will sich dazu auf Anfrage von MDR INVESTIGATIV mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht äußern.
Geschäft mit Betreuung von Systemsprengern?
Der Jugendhilfe-Träger, der im Auftrag des Jugendamtes die Betreuung von Ole übernahm, hat seinen Sitz in Köln. Die Firma wurde offenbar aus einer Security-Firma heraus 2022 neu gegründet. Die Recherchen belegen: Die Leitungsebene des neuen Jugendhilfeträgers ist dieselbe wie die einer Kölner Security-Firma, die es schon zehn Jahre länger gibt. Beide Firmen haben dieselbe Adresse.
Offenbar hat eine Security-Firma ein neues lukratives Geschäftsfeld in der Jugendhilfe entdeckt. Magdeburg hat mehrere schwierige Jugendliche wie Ole. Die Kosten für die Betreuung liegen nach Angaben der Stadt zwischen zwei und viertausend Euro pro Tag.
Der Jugendhilfe-Träger selbst hat keine Fragen beantwortet. Der Sozialbeigeordnete der Stadt Magdeburg, Ingo Gottschalk, wollte sich nur allgemein zum Thema äußern, aber nicht auf Einzelfälle eingehen. Er sagte MDR INVESTIGATIV im Interview, dass im Umgang mit den Jugendlichen der Pädagoge die eigentliche Kraft sei. Das Sicherheitspersonal habe da nichts zu entscheiden.
Pädagogin berichtet von häufigen Fixierungen am Boden
Alina Berg ist Pädagogik-Fachkraft, hatte mit Ole gearbeitet und erlebt, wie die Security-Kräfte mit Ole umgegangen sind. MDR INVESTIGATIV hat sie getroffen. "Ich fand das immer menschenunwürdig, wenn zwei so riesengroße Menschen sich auf einen schmalen Jungen, 14 Jahre, Haut und Knochen stürzen und ihn dort festhalten, zu Boden drücken – das ging halt nicht!", erzählt die Pädagogin. "Die wussten auch nicht, wann Stopp ist." Das Zu-Boden-Bringen sei regelmäßig vorgekommen. Teilweise fünf bis acht Mal in einem Dienst.
Alina Berg habe als pädagogische Fachkraft den Sicherheitskräften da nicht wirklich Anweisungen geben können, erzählt sie. "Wir hatten halt nicht die Macht zu entscheiden (...)." Die Security-Kräfte seien immer dann eingeschritten, wenn sie es für angebracht hielten: "wann immer sie wollten." Alina Berg arbeitet mittlerweile nicht mehr für diesen Träger, das Arbeitsverhältnis ist inzwischen beendet worden.
Werden Qualifikationen der Sicherheitskräfte überprüft?
Der Systemsprenger-Experte Professor Menno Baumann bildet an der Fachhochschule angehende Pädagogen, aber auch Mitarbeiter von Behörden weiter. Als MDR INVESTIGATIV dort dreht, sind in seinem Seminar auch zwei Chefs einer Security-Firma aus der Nähe von Magdeburg dabei. Sie werden unter anderem von Jugendämtern beauftragt. Die Erfahrungen, die sie dabei machen, sind sehr unterschiedlich.
"Wir haben Jugendämter, da müssen wir ganz klar Qualifikationen nachweisen", erklärt Arne C. Weinert von der Security-Firma Secu-Care. Das befürworte er auch. "Es gibt aber Jugendämter, die sagen: Könnt ihr Sicherheit machen. Ja, schickt mal ein Angebot, alles klar, passt." Kontrollen vom Ordnungsamt in den Einrichtungen der Jugendhilfe, bei denen zum Beispiel Führungszeugnisse überprüft werden, hätten sie noch nicht erlebt.
Welche Qualifikationen die Security-Kräfte von Ole haben, konnte MDR INVESTIGATIV nicht herausfinden. Der zuständige Jugendhilfe-Träger ließ die Anfragen unbeantwortet.
Klage gegen zwei Sicherheitskräfte
Zwei Security-Mitarbeiter, die Ole bewacht haben, sind jetzt vor dem Magdeburger Amtsgericht wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung angeklagt. Die Männer sollen Ole in ihrem Dienst misshandelt haben. Es waren Mitarbeiter der Klinik, in der Ole untergebracht war, die schließlich Anzeige gegen die externen Security-Kräfte erhoben – wegen der Art ihres Umgangs mit Ole.
Zum Prozessauftakt erscheint nur einer der beiden Angeklagten. Eine vom Richter angeordnete polizeiliche Zwangsvorführung des Zweiten scheitert. Die Verhandlung wird im März weitergehen.
Ole ist jetzt 17 Jahre alt und lebt inzwischen in einer Notunterkunft der Stadt. Dort wird er immer noch rund um die Uhr von Security-Kräften beaufsichtigt. Bis zu einem Urteil des Amtsgerichts in Magdeburg werden noch Wochen oder Monate vergehen. Für die Diskussion über den zunehmenden Einsatz von Security in der Jugendhilfe wird es voraussichtlich von hoher Bedeutung sein.
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