• Als Lehrer an die Front mussten und Züge beschossen wurden.
  • Warum für Helga Barnieck rückblickend ein anderes Datum wichtiger ist als der 8. Mai 1945.
  • Erleichterung zum Kriegsende – und Trauer um Angehörige, die nie zurückkommen sollten.
  • Kleider aus Fallschirmen – wie die Not erfinderisch machte.

Wenn Jo-Ann ihrer Ur-Oma davon erzählt, dass sie bald mit Fußball anfangen will, erinnert sich Helga Barnieck schnell an ihre eigene Kindheit und Jugend. Im Hoch- und Weitsprung war sie mal selbst eine der besten, erzählt sie. "Aber die Siegernadel habe ich verbuddelt, als der Amerikaner bei uns einzog – weil da ein Hakenkreuz drauf war."

Mit ihren 14 Jahren ist Jo-Ann heute so alt wie Helga Barnieck bei Kriegsende. Die 94-Jährige wuchs damals in Etingen auf, knapp 50 Kilometer von Magdeburg entfernt. Ihr Vater war gelernter Schuhmacher. "Da wurde er in eine Handwerkskammer eingewiesen, da mussten sie die Stiefel für die Soldaten reparieren. Aber zuletzt ist er dann noch an die Front gekommen." Als Panzerjänger war er damals in Polen. 1944 kam die letzte Post von ihm, erinnert sich Barnieck. Seitdem hatten sie nicht mehr von ihm gehört. Wo er begraben ist, konnte die Familie nie herausfinden.

Wie der Krieg die Schullaufbahn durchkreuzte

Wenn heute im Wohnzimmer von Sohn Lutz Barnieck und seiner Frau vier Generationen um die Kuchentafel sitzen, werden auch Fotos angeschaut, Erinnerungen ausgetauscht, Fragen gestellt. Enkelin Aileen Wiesner – Jo-Anns Mutter – hat sich sogar ein Tattoo ihrer Oma auf den Unterarm stechen lassen. Lutz Barnieck hat sich intensiv mit der Geschichte der Familie beschäftigt und auch an einer Ortschronik von Etingen mitgeschrieben. "Ihr hattet während des Krieges ja auch Schwierigkeiten, dass überhaupt Lehrer da waren", spricht er seine Mutter an. "Denn die männlichen Lehrer in Etingen wurden sofort eingezogen."

Auf dem Unterarm hat sich Aileen Wiesner ein Tattoo ihrer Oma Helga Barnieck stechen lassen.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Lehrermangel und Unterrichtsausfall – das kommt auch Ur-Enkelin Jo-Ann bekannt vor. Damals blieb es aber nicht dabei, erinnert sich Helga Barnieck. Nach zwei Jahren nahm ihre Mutter sie von der Mittelschule. Denn die war in Oebisfelde. Dafür musste die damalige Schülerin Helga erst mit dem Fahrrad nach Wegenstedt und von dort mit dem Zug weiter. Barniecks Mutter hatte Angst, ihre Tochter durch Schüsse amerikanischer Tiefflieger zu verlieren. "Dann musste ich von der Mittelschule wieder zur Etinger Volksschule gehen."

In dem ländlichen Ort blieb es ruhiger als in Städten wie Magdeburg oder Dresden. Dabei half die Landwirtschaft der Familie nicht nur, sich selbst zu versorgen, erinnert sich Helga Barnieck. "Von Magdeburg sind immer Leute gekommen, die haben Sachen gegen Lebensmittel bei uns eingetauscht." So bekam sie auch zwei Kleider für ihre Konfirmation 1945.

Ein Tag, der sich stärker einprägte als der 8. Mai

Viel eindrücklicher als das offizielle Kriegsende am 8. Mai blieb ihr der Tag im Gedächtnis, als amerikanische Soldaten in Etingen einzogen – knapp einen Monat vor der bedingungslosen Kapitulation von Nazi-Deutschland. "Vor Angst haben meine Mutter, mein Bruder und ich die Fahrräder genommen und wollten zum Drömling fahren." Denn die Amerikaner kamen von Süden. Das heutige UNESCO-Biosphärenreservat Drömling liegt dagegen nördlich. Kurz vor dem Ortsausgang sprach ein anderer Bewohner die Flüchtenden an und lud sie zu sich in den Keller, wo schon andere versammelt waren.

Lutz Barnieck neben seiner MutterBildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Letztlich ging es für Etingen glimpflich aus – Warnschüsse trafen einen Stall, ein paar Kühe verendeten durch die Schüsse, schildert Barnieck. Das Haus der Familie blieb verschont. Dabei hätte es durchaus anders ausgehen können. In Etingen war damals eine Nachrichtenkompanie stationiert. Der Bürgermeister und ein ortsansässiger Bauer konnten aber die Soldaten davon abbringen, den Amerikanern Widerstand zu leisten, erklärt Lutz Barnieck – und ist überzeugt: "Das hat Etingen, dem Ort, das Leben gerettet."

Erleichterung und Trauer nach Kriegsende

Die Stimmung von damals in Worte zu fassen, fällt Helga Barnieck gar nicht so einfach. "Einerseits waren wir froh, dass es zu Ende war", sagt sie. Auf die Rückkehr des Vaters warteten sie jedoch weiter vergeblich. In vielen Familien war es ähnlich. Ein anderer Bewohner im Ort habe drei Söhne verloren, erinnert sich Barnieck. "Der war nervlich so am Ende, der ging auf der Straße spazieren und hat gesagt: 'Lieber Gott, nimm mich doch hin, was soll ich noch auf dieser Welt.' Das höre ich noch wie heute."

Jo-Ann mit ihrer Ur-Oma Helga BarnieckBildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die aktuell wieder wachsenden globalen Spannungen beobachtet die 94-Jährige mit Sorge. Dass immer mehr Kriege die Nachrichten füllen, findet sie schwer erträglich. "Ich hoffe, dass hier Frieden bleibt bei uns." Ur-Enkelin Jo-Ann hat bisher kaum Berührungspunkte mit Menschen, die vor aktuellen Kriegen flüchten mussten, erzählt sie. Den Erinnerungen ihrer Ur-Oma kann sie einiges abgewinnen. "Ich war immer fasziniert, wenn Oma erzählt hat, wie früher Schule war und wie sie das alles miterlebt hat, was früher passiert ist."

Kleider aus Fallschirmstoffen

Besonders nachdenklich wird Jo-Ann, wenn ihre Ur-Oma erzählt, wie sie sich damals aus Fallschirmen Kleider nähen ließ. "Die waren ja getarnt", erinnert sich die 94-Jährige. Zusammen mit zwei Freundinnen kochte sie die Stoffe deshalb aus, sodass sie weiß oder hellblau wurden. Anschließend färbten sie sie ein – etwa in einem Rosa wie ihr Pullover heute, sagt Barnieck. Die Mutter einer Freundin war damals Schneiderin und nähte drei Kleider davon. "Das waren unsere Drillingskleider. Da waren wir immer ganz stolz."

Auch aus aufgetrennten Schnüren strickten sie sich Kniestrümpfe und Söckchen, Gurte wurden für Träger wiederverwendet. "Alles wurde verbraucht", erinnert sich Barnieck und scheint dann doch etwas wehmütig, dass sie heute keine Erinnerungsstücke mehr davon hat. Beeindruckend findet Jo-Ann, dass ihre Ur-Oma damals "mehr gemacht hat mit Klamotten als wir jetzt machen. Wir kaufen die ja nur." Aber sie waren eben auch darauf angewiesen damals, gibt die 94-Jährige zu bedenken.

Im Geschichtsunterricht kam der Zweite Weltkrieg für Jo-Ann noch nicht dran. Wenn es soweit ist, kann sie vielleicht sogar ein paar persönliche Einblicke geben. Denn die 14-Jährige ist sich sehr bewusst: Nur noch die wenigsten Jugendlichen können eigene Familienangehörige zu der Zeit damals befragen.

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